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KUNST

Sportkommentare der Kunst

Sport und Kunst gehören schon sehr lange zusammen, Körper in Bewegung faszinierten schon die frühesten Künstler der Menschheit. Nachweislich wurden die Sporthelden des Antiken Griechenland durch Bilder und Statuen verherrlicht, die sie in die Nähe der Götter rückten. Olympiasieger - die Helden des Sports und ihre körperliche Vollkommenheit - galten als das Maß des Göttlichen. Bildhauer nahmen sie als Vorbilder der Götterbilder und dadurch rückten sie aus dem Irdischen ein Stück in Richtung Olymp empor.
Unzählige Abbildungen der Antike verherrlichen den Sieger in sportlichen Disziplinen - die Idole ihrer Zeit. Das Schönheitsideal war vom muskulösen, athletischen Körper geprägt. Der Held stellte eine Art Halbgott (oder zumindest einen Auserwählten der Götter) in makelloser Gestalt dar.
Die Renaissance entdeckte dieses Schönheitsideal wieder. Aber seine größten Erfolge seit der Antike erlebte der sportliche Körper im 20. Jahrhundert. Der "Kult des Körpers" feierte Triumphe. Ein Beleg dafür ist die Wiederaufnahme der Olympischen Spiele ab1896 (Athen). In Deutschland entstanden unzählige Turnvereine, die sich der körperlichen Ertüchtigung verschrieben, aber oft auch sozialreformerische Ansätze verfolgten. In der Jugend- und Wandervogelbewegung stand der Körper im Mittelpunkt - "zurück zur Natur" lautete die Devise. Die Nationalsozialisten knüpften mit ihrer Verherrlichung von "Kraft und Schönheit" direkt an diese Tradition an. Die Kunst des Dritten Reiches idealisierte in Abbildungen den menschlichen, seiner Individualität beraubten Körper zu Propagandazwecken. In der Bildenden Kunst ist der Bildhauer Arno Breker ein herausragendes Beispiel für diesen "Übermenschen"-Körperkult, im Filmbereich die Regisseurin Leni Riefenstahl.

Schönheitskult, Fitnesswahn und Erfolg
Heute ist der Schönheitskult weiter verbreitet denn je. Das ästhetische Ideal unserer Gesellschaft ist der jugendliche Körper, geformt von Fitness-Übungen, faltenfrei und von muskulöser Schlankheit. Das äußere Erscheinungsbild ist enorm wichtig, es steht für Erfolg im Leben. Fitness-Studios, Schönheitschirurgie und Anti-Aging - so lauten einige Schlagworte der zeitgenössischen Suche nach dem Gral der körperlichen Perfektion.
Sport ist Grundlage der Körperformung, ein alltägliches Freizeitritual von Milliarden Menschen weltweit. Andererseits stellt der Spitzensport aber auch die modernen Helden, Stars und Idole. Sport ist längst ein gigantisches Business ­ es geht um globale Senderechte, Vermarktung und Merchandising. Sport ist zudem Pop-Phänomen; Fun- und Extremsportarten wie Klettern, Surfen oder Snowboarden prägen Mode und Lebensstil.
Sport ist Kult und Kultur. Sport ist aber auch Wettkampf, Überhöhung und Grenzüberschreitung. Nationalmannschaften stehen für ein ungebrochenes Verhältnis zum Nationalstaat, ihnen darf unreflektiert zugejubelt werden. Andererseits sind sie heute oft interkulturell besetzt, denn Sport ist auch großes Geschäft und nichts ist wichtiger als der Sieg. Geschlechtsidentität wird durch getrennte Wettkämpfe untermauert, andererseits aber auch hinterfragt, z.B. durch den Anblick einer Hammerwerferin oder Gewichtheberin. Und wo der Fußballgott regiert, erheben sich die Fans mit Schlachtengesängen zur La-Ola-Welle: Sport ist Spiel, aber auch Krieg - oder zumindest eine (mehr oder weniger) zivilisierte Ersatzform.

Kein Wunder, dass sich viele zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen mit diesem Phänomen in ihren Arbeiten intensiv auseinander setzen. Zumal der Körper und die mit ihm verbundenen Identitätszuschreibungen in den letzten Jahren ein zentrales Thema der Bildenden Kunst darstellen. Der Körper hat keine Schicksalhaftigkeit mehr, er ist nach Vorstellungen und Wünschen formbar: Durch hartes Training, Operationen, Medikamente.
Pop-Idole erschufen sich ihre Identität und einen dazu passenden Körper, Beispiele sind Madonna, Cher oder Michael Jackson. Das Geschlecht ist ebenso veränderbar wie (die "Rassenmerkmale") Gesichtsform oder Hautfarbe. Dazu kommen "Ersatzteile", durch die leidende Körper am Leben erhalten werden können, sei es künstliche Haut, Herzklappen aus Schweinegewebe oder Kunstherzen aus Titan. Die Vision - auch vieler Künstler - ist der perfekte, immer wieder reparierbare Cyborg-Körper mit enormer Leistungsfähigkeit und theoretisch unbefristeter Lebenserwartung.
Zudem interessieren sich Künstler und Künstlerinnen natürlich auch für den Sport als massenmediales Phänomen. Die Übertragungen der Olympischen Spiele oder von Weltmeisterschaften erreichen Milliarden von Zuschauern weltweit - von den Metropolen der Industriestaaten bis in indische oder senegalesische Dörfer.

Verschobene Lesarten bildlicher Repräsentation
Ein breites Spektrum verschiedener Aspekte reflektieren Künstler in ihren Arbeiten. Oft werden ständig reproduzierte Bilder der sportlichen Pop-Ikonen aufgenommen und in neue Zusammenhänge gestellt oder hinterfragt. Bildende Künstler versuchen hinter die Fassaden der Wettkämpfe zu schauen: Wie erscheinen Sportler, wenn sie nicht optimal ausgeleuchtet im Rampenlicht stehen (Carol Huebner Venezia, Boxers, 1990-2005) oder nur durch die Reaktionen ihrer Fans sichtbar werden (Julie Henry, Football, 1999)? Was bleibt von einem Fußball-Spiel, der großen Inszenierung von Spannung und Emotionen, wenn durch Langzeitbelichtung die Spieler verschwinden (Michael Wesely, Lokalderby, 1998) oder der Ball in der Wiedergabe einer Szene an eine andere Position gebracht wird (Jonathan Monk, The Little Thing make all the Difference, 2000/2001); was von einem Boxkampf, wenn eine Person virtuell dupliziert sich selbst verprügelt (Vibeke Tandberg, Boxing, 1998)? Konstruierte Kampf-Arenen fordern den Betrachter auf, sich die Boxhandschuhe überzuziehen und selbst loszuschlagen (Didier Fiuza Faustino, Fight Club Inc., 2005); nach beruflichen Tätigkeiten gestaltete Fitnessgeräte ermöglichen es dem Ausstellungsbesucher, die gleichen Muskelpartien zu stärken wie beim Anstreichen einer Wand oder beim Schieben eines Schubkarrens (Antal Lakner, INERS: The Power, 1998).
Das sind nur einige Beispiele für aktuelle Ansätze in der Bildenden Kunst. Zu Sport gibt es Arbeiten jeder Art, von Grafiken und Gemälden bis zu Installationen. Zahlreiche Ausstellungen im deutschsprachigen Raum präsentierten in den letzten Jahren das Thema Sport in der zeitgenössischen Kunst, u.a. in der Rathausgalerie München 1998, in der Kunsthalle Nürnberg 2001/2002, im Württembergischen Kunstverein Stuttgart 2002, in den Minoriten-Galerien in Graz 2004, im Kunstmuseum Liechtenstein 2004/2005 und zuletzt die Rundlederwelten im Martin-Gropius-Bau in Berlin 2005/2006.

Alltags-Boxer und Siegerehrungen
Zeitgenössische Kunstpositionen ermöglichen neue und zur herkömmlichen Bedeutung verschobene Lesarten der bildlichen Repräsentation von Sport. Sport-Accessoires und Medienbilder werden in verfremdetem Umfeld zu fragwürdigen Symbolen der sportlichen Heldenmythen und ihrer Identifikationsangebote und Heilsversprechen. Für die Ausstellung SPORTKOMMENTARE im Rahmen der Internationalen Frühjahrsbuchwoche München wurden exemplarische Arbeiten aus den Bereichen Künstlerbuch, Fotografie, Video und angewandte Kunst ausgewählt.
Ausgangspunkt ist das Künstlerbuch von Silke Wagner, die in "Home and Away" (mit Stefan Wieland) in einer Posterserie die Embleme sich eigentlich feindlich gegenüberstehender Fußballklubs aus jeweils einer Stadt friedlich und bunt miteinander verschmelzen lässt. Der Schweizer Stefan Banz porträtiert Menschen in Alltagssituationen als "The Muhammad Ali's" und lässt sie in seiner Foto-Installation in vergoldeter Umgebung miteinander in Verbindung treten. Die "Schwimmerin" von Heike Baranowsky (Berlin/ Bergen in Norwegen) krault in einem völlig kontextentleerten Endlosloop durchs Wasser. Die in New York lebende Russin Julia Loktev zeigt in ihrem stummen Video "Press Shots" wechselnde Männergesichter im Augenblick der größten Anstrengung bei der Schwerstarbeit am Körperideal in einem Fitness-Studio. Ingeborg Lüscher aus der Schweiz lässt in ihrem Video "Fusion" zwei Fußballclubs in edlen Business-Anzügen gegeneinander antreten und entlarvt so die vertrauten Kicker-Gesten als urmännliche Kampfrituale. Das Professorinnen-Duo aus Leipzig Tina Bara und Alba d'Urbano fotografierte ehemalige DDR-Schwimmerinnen, die in den fünfziger bis siebziger Jahren erfolgreich an Wettkämpfen teilnahmen, auf einem Startblock vor einem Schwimmbecken stehend. Die daraus entstandene, lebensgroße Fotoserie "Siegerehrungen" prüft den üblichen Blick auf leistungsgestählte Körper und Sport-Ikonen. Der Münchner Fotograf Olaf Unverzart hält in "sans moi" verschiedene Landschaftsmomente fest, in denen der Sport seine Abdrücke hinterlassen hat, aber selbst abwesend ist. Das Künstlerduo Weber&Schneider (Sonya Horn und Tina Schneider) stellt in seiner Videoinstallation "Wimbledon" auf einer Tennis- Spielfeldmatte zwei Bildschirme gegenüber, auf denen Frauengesichter zu sehen sind, die in rhythmischen Abständen vom sportlichen Zusammenhang losgelöste Stöhnlaute von sich geben. Ergänzt werden diese Arbeiten durch Positionen angewandter Kunst: Sportlicher Schmuck der in München lebenden Dänin Karen Pontoppidan, und die klarlinigen, modischen Sportbroschen von Christian Hoedl, der gerade sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München abschloss. Schmuck zu gestalten setzt eine intensive Beschäftigung mit dem Körper voraus, es ist also nicht erstaunlich, dass Sportthemen auch in diesem Bereich - im Spannungsfeld von Ästhetik und schweißtreibender Ertüchtigung - immer wieder Künstler inspirieren.
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