13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Sex, Lügen & »Musieke«
zu Jenni Zylka
von Pieke Biermann


Die Vorliebe für Schallplattensammeln ist wieder da, die Sache mit den Tücken der möglichen Objekte gegen Sehschwäche ebenso. Aber aus der Judith Herzberg in Jenni Zylkas erstem Buch 1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann ist in ihrem neuen Buch Beat Baby Beat! eine Brenda Böhm geworden. Aus der Passiv-Musikerin eine Aktiv-Musikerin. Aber diesmal wird - anders als im ersten Buch, was manchen KritikerInnen besonders gefallen hatte - über Lippenstifte diskutiert. Naja, diskutiert ist vielleicht übertrieben, und um Lippenstifte handelt es sich auch nicht, sondern um Wimperntusche ... Aber der Reihe nach.
Brenda Böhm gründet eine Mädchenband. In Berlin natürlich, denn da wohnt Jenni Zylka, und die geht, wie sie selbst sagt, »von Szenen aus, die ich kenne«, weswegen ihre Figuren »viel mit meiner Umgebung zu tun haben, und wenn ich die authentisch machen soll, dann gehört viel Musik dazu.« Auch die hat Jenni Zylka selbst mal gemacht - als »das einzige, linksradikale Renee-Girl der Welt in einer Psychobillyband« an der Orgel. Zumindest laut Internetselbstauskunft.
Brenda mit ihrer ollen Farfisa findet erst die schwäbische Conny (Schlagzeug), dann die Berlin-Marienfelder Scheinzwillinge Frederike und Julia (Gitarre und Bass) und schließlich auch noch Nathalia, die nicht nur entzückend sächseln kann, sondern saxophontauglich ist. Der Name ist schnell gefunden: »Beat Bande«, und der Marketingcoup besteht darin, daß keins der Mädels - pardon: »Damen«, wie sie genannt werden - singen möchte. »Eine Band, die aussah, wie Nina Simone Klavier spielt, und spielte, wie Brigitte Bardot aussah.« Nicht umgekehrt!
Die Beat Bande schlägt voll ein, tingelt von Gig zu Gig durch ein paar deutsche Provinzen, und das ganze Buch ist eine Art rekonstruiertes Tagebuch der Ereignisse während der mittleren bis späteren 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Inkl. drollige Trinksitten, lustige Lebensläufe und eingestreute Musikkritiken. Skurril, chaotisch, munter. 2002 hat Brenda mal wieder gerade keinen Liebhaber mehr, schreibt für ein Rockmagazin, spult sich mächtig über alberne Anglizismen von Musikfuzzis und pflegt ihre 60er-Jahre-Marotte. »Brenda sammelt außer Schallplatten noch Stiefel, und da sie Schuhgröße 42 hat (sie ist eine typische Leptosome, lang, dünn und großfüßig), nimmt die Kollektion sehr viel Platz weg. Die Menge der Stiefel ist auch darauf zurückzuführen, dass es so selten schöne Stiefel in Schuhgröße 42 gibt. Deshalb muss man sofort zuschlagen, wenn irgendwo welche zu kriegen sind, behauptet Brenda.« Sie hat etwa 126 Paare.
Man liegt nicht falsch, wenn man viel vom Erzählten für fabuliertes Autobiographieren hält. Denn Jenni Zylka sieht sich selbst »nicht als richtige Schriftstellerin, eher als Journalistin«. Was sie auch ist - genauer gesagt, Kolumnistin bei der »taz«. Ihre Kolumne heißt »Sex und Lügen« und steht in der stolzen »taz«-Tradition in Sachen »approximativer Journalismus«. Wer wörtlich nimmt, ist selber Schuld. Weiter in ihrer Selbstauskunft: »Stammt ursprünglich aus der langweiligsten Stadt Niedersachsens, ist 65, sieht aber jünger aus.« Fake ist sozusagen ihr zweiter Vorname.
Und die Idee mit der Wimperntusche ist natürlich grandios. Als die Damen sich zum ersten Probespielen treffen, probieren sie es mit dem »Tanzflächenfeger ‘Tequila!’ von den Champs, nicht gerade die interessanteste Wahl, aber man kann sich leicht drauf einigen, und jede weiß, wie es geht.« Nachdem sie den dreimal durchgenudelt haben, einigen sie sich auf noch etwas: Sie singen statt »Tequila!« künftig »Mascara!« Was regelmäßig in viel Wasser endet.

Lesung und Gespräch mit Jenni Zylka und Liza Cody am 11. März im Muffatcafé. Gesprächspartnerin: Pieke Biermann



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