13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Die Schwelle zum Genie
Zu Ollivier Pourriol
Von Christoph Vormweg


Klavier spielen hat er nie gelernt. Auch kein anderes Instrument. Um so mehr überrascht, dass der 32jährige Ollivier Pourriol mit einem virtuos abgründigen Psycho-Thriller aus dem Pianistenmilieu auf sich aufmerksam gemacht hat. Dahinter steckt Prinzip. Denn in der Erkundung fremden Terrains sieht der Absolvent der Pariser Elitehochschule École Normale Supérieure die eigentliche literarische Herausforderung. Anders als das Gros der französischen Jungromanciers ist Nabelschau für ihn tabu.
Als gelernter Lehrer für Philosophie versucht Ollivier Pourriol in seinem Erstling Mephistowalzer (dt. 2003 im Aufbau Verlag, Ü: Riek Walter) nicht weniger, als den letzten Fragen der Musik auf die Spur zu kommen. Was spielt sich in der aufgeladenen Atmosphäre der Ausscheidungskämpfe während des berühmten Warschauer Chopin-Wettbewerbs ab, der Karrieren ebnet oder zerstört? Wann und wodurch überschreitet ein Pianist die Schwelle zum Genie? Ja, kann Musik, indem sie verdrängte Erinnerungen wachruft, womöglich sogar töten?
Recherchiert hat Ollivier Pourriol dank seiner Freundin, einer Konzert-Veranstalterin, in der Pianisten-Szene um Sergio Tiempo, so während des Long-Thibault-Wettbewerbs. Die Seelenlagen der Spitzenmusiker hat er in langen Gesprächen erkundet und anschließend mit dem kurzgeschlossen, was ihm die Bibliotheken offenbarten: den Erinnerungen der jüdischen Musiker, die in den Orchestern der NS-Konzentrationslager spielten und so überlebten.
Der historische Abgrund, auf den der Roman Mephistowalzer mit seinem äußerst raffiniert konstruierten Plot zusteuert, könnte also tiefer nicht sein. Rettungsanker beim Schreiben war für Ollivier Pourriol der mal deftige, mal sarkastische Humor seines Erzählers, eines französischen Pianisten mit geschwundenen Ambitionen, sowie des Jury-Leiters Ostreich, der die Teilnehmer des Chopin-Wettbewerbs geschickt für einen Rachefeldzug manipuliert.
Ollivier Pourriol ist kein Betroffener. Das Hineindenken und Hineinfühlen in Zusammenhänge jenseits der eigenen alltäglichen Erfahrungsmöglichkeiten sind seine Stärke. Er beschreibt den langen, seelenzerstörenden Arm der Nazi-Vergangenheit mit analytischer Distanz - und das nie belehrend, sondern aufreizend, auf Spannung bedacht, mit schlagkräftigen Dialogen.
Jedenfalls verwundert es nicht, dass Mephistowalzer bereits ins Italienische, Griechische, Portugiesische und Holländische übersetzt worden ist. Denn er hält die großen Fragen von Musik und Faschismus, von historischer Schuld und ihren langen Schatten in einer aufschreckenden, verstörenden Schwebe. Darin zeigt sich Pourriols intellektuelles Talent, seine philosophische Schulung, seine unbändige Neugier für existentielle Abgründe, für Extremsituationen und Gratwanderungen.
Seinen Brotberuf als Gymnasiallehrer für Philosophie hat Ollivier Pourriol - und das ist in Frankreich immer noch die Ausnahme - mittlerweile an den Nagel gehängt, um sich mit Literatur, Philosophie und Filmen auf dem freien Markt zu behaupten. Den Mut dafür, den langen Atem, hat er sich in der jahrelangen Warteschleife vor der ersten Buchveröffentlichung geholt, als er Manuskripte immer wieder umschrieb oder neue begann.
Die Selbständigkeit des Philip-Roth-Verehrers und Nabelschau-Verweigerers zeigt übrigens erste Blüten. Gerade hat Ollivier Pourriol den ersten Band der Gesamtausgabe des Philosophen Hubert Grenier bei Grasset herausgegeben. Auch das Film-Drehbuch zu Mephistowalzer steht. Und der nächste Roman - über die heilsame Kraft des Ehebruchs - wird bald erscheinen.

Lesung und Gespräch am 15. März im Institut Francais.
Gesprächspartner: Tilman Spengler



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