13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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»Klassisch anders«
zum Konzert des Münchener Kammerorchesters
von Meret Forster


»Wie Janácek Tolstois Stimme gelauscht hat, der selbst wiederum Beethovens Musik im Kopf hatte, so habe ich in meiner Kreutzersonate Janácek gelauscht, mit einem gleichzeitigen Augenzwinkern in Richtung Tolstoi«, erklärte Margriet de Moor erst kürzlich in einem Interview zu ihrem gleichnamigen Roman. Tatsächlich ist das erste Streichquartett von Leos Janácek aus dem Jahr 1923 unmittelbar inspiriert von einem literarisch vermittelten Liebeserlebnis, der Ehetragödie in Tolstois Kreutzersonate. Obwohl er Tolstoi verehrte, hat Janácek das ideologische Leitmotiv des Romans umgedeutet: nicht der Moralist, der den Ehebruch verurteilt, sondern Mitleid mit der gequälten Frau wurde zum Auslöser der Komposition. Janácek hat sich nie darüber geäussert, ob die vier Sätze des Stücks vier Stationen des Ehedramas nachvollziehen, oder ob es sich vielmehr um »absolute« Musik handelt, die nur auf die Gefühlslage des Buches Bezug nimmt. Letztlich sind die Sprachmelodien und der Roman von Tolstoi in einem subjektiven Bekenntniswerk aufgegangen. »Töne«, so Janácek, »der Tonfall der menschlichen Sprache, jedes Lebewesens überhaupt, hatten für mich die tiefste Wahrheit. Dies war mein Lebensbedürfnis. Sprachmelodien [...], das sind meine Fensterchen in der Seele.«
Mit der Interpretation von Janáceks Kreutzersonate sowie Wolfgang Amadeus Mozarts Adagio und Fuge c-moll KV 546 und Benjamin Brittens Les Illuminations nach Texten von Arthur Rimbaud spürt auch das Münchener Kammerorchester dem vielgestaltigen Wechselverhältnis von Literatur und Musik nach und bleibt seinem programmatischen Konzept der aktiven Auseinandersetzung mit verschiedenen musikalischen Traditionen treu. Sich einem breiten Repertoire mit Neugierde zu stellen und dabei Verbindungen zwischen Klassik, Moderne und Gegenwart zu schaffen, ist das Anliegen des Münchener Kammerorchesters und verbindet die Musiker mit Christoph Poppen, der sich in der internationalen Musikwelt als Violinsolist, Kammermusiker, Pädagoge und Dirigent einen Namen gemacht hat und das Ensemble seit 1995 leitet. Seitdem hat sich das Münchener Kammerorchester unter dem Motto »Klassisch anders« mit einer Programmkonzeption profiliert, die eine große stilistische Flexibilität auszeichnet. In der Münchner Spielzeit steht jeweils das Werk eines Komponisten des Barock, der Klassik oder Romantik im Zentrum, dessen Stücken Werke der klassischen Moderne und der Gegenwart gegenübergestellt werden. Und die neue Konzertreihe »Nachtmusik der Moderne« porträtiert einzelne Komponisten mit Orchester- und Kammermusikstücken. Musikalisch und freundschaftlich eng verbunden mit dem Ensemble sind eine Reihe international renommierter Solisten, auch die Sopranistin Juliane Banse, die den Vokalpart in Brittens Les Illuminations übernimmt.
Britten, der Les Illuminations kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges vor seiner Abreise nach Amerika zu vertonen begann, hat zugegeben, dass Rimbaud ein Dichter war, den er nicht so ganz verstand, begeisterte sich aber für seine Poetik der freien Assoziation. Er vertonte nur einen kleinen Teil der Gedichte, die Rimbauds berühmter Mitstreiter Paul Verlaine 1886 unter dem Titel Les Illuminations veröffentlicht hatte, strich die Texte zusammen und brachte sie mit Blick auf den musikalischen Zyklus in eine neue Ordnung. Dabei ist es ihm gelungen, Rimbauds Poesie atmosphärisch und zurückhaltend mit brillanter Satztechnik zu vertonen, ohne dass die sprachliche Metaphorik jemals erdrückt werden würde. Eine indirektere Nähe zur Dichtkunst liegt im Adagio und Fuge von Mozart. Begeistert von der Bachschen Kontrapunktik setzte sich Mozart intensiv mit dem strengen Stil auseinander, schrieb aber kein Fugenkunststück im Sinne der »Alten«, sondern liess die Streichinstrumente mit Elementen seiner eigenen musikalischen Realität in einen Dialog treten und stellte ein Adagio mit drastischen Affektwechseln voran. ... Mozarts Auseinandersetzung mit der Form der Fuge ist ein bewusstes Eindringen in das Wesen der Musik von Bach und der gelungene Versuch, fremden und eigenen Stil kongenial zu verschmelzen.

Konzert zur Eröffnung der Internationalen Frühjahrsbuchwoche am 7. März im Literaturhaus



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