13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Singen und Schreiben
zu Margriet de Moor

von Verena Auffermann


Wer Geige spielt oder singt, will gehört werden. Und hier ereignete sich früh im Leben Margriet de Moors der Bruch. Die junge Sängerin, die über Zunge, Gaumen, Hals, Kehlkopf und über die Zeitlichkeit des Singens nachgedacht hatte, litt stark unter Lampenfieber, jedenfalls erklärt sie so den Abbruch ihres »Sängerinnenlebens«. Sie heiratete einen Bildhauer, brachte zwei Töchter zur Welt, zog sich in einem Alter, in dem Frauen Yogaschulen eröffnen oder einen anderen therapeutischen Spätberuf ergreifen, in ihr Zimmer zurück und schrieb eine Erzählung, die in den 1988 in Holland und bei uns fünf Jahre später erschienenen Band Rückenansicht einging.
Margriet de Moors Bücher, die seit 1993, dem Jahr ihres fulminanten Erfolgs mit dem Roman Erst grau dann weiß dann blau in kurzen Abständen erscheinen, behandeln keineswegs die Worte wie lyrische Liedkompositionen, wohl aber setzt sie ihre Themen punktgenau wie eine dramatische Partitur. Die Zeit mit Vor- und Rückblenden gibt ihren Texten das musikalische Motto. Musik kann wie in Der Virtuose (dt.1994 bei Hanser, Ü: Helga van Beuningen) und in der Kreutzersonate (dt. 2002 bei Hanser, Ü: s.o.) auch ihr Hauptthema sein, aber das Wichtigste, was Literatur und Musik miteinander verbindet, ist das Tempo, sind die in die Geschichte eingeschleusten Verzögerungen und Beschleunigungen, die zunehmende, abnehmende oder angehaltene Spannung. Denn Taktmaß, Metrum und Rhythmus, alle zeitliche Zäsuren, bestimmen die Qualität von Musik und Sprache. Tonhöhe und -stärke werden durch den Abstand der Schallschwingungen bestimmt und das Timbre durch das wechselseitige Verhältnis der mitklingenden Obertöne. Was können dagegen die hilflosen Worte, willfährig, verdreh- und verschlingbar, verflixt füg- und beugsam ausrichten? Ob sie klingen und schwingen hängt nicht nur vom Autor sondern auch vom Leser ab.

Margriet de Moor führte zu Hause in Katwijk an Zee als Kind unter vielen Geschwistern das verborgene Dasein einer Leserin. Die damals entdeckte Praxis des geheimen Lebens ist die Zündschnur, die sie ihren Romanstoffen unterlegt. Magda in Erst grau dann weiß dann blau verschwindet ohne Warnung aus Roberts Welt und erscheint zwei Jahre später ebenso unangemeldet wieder am Gartentor. Contessa Carlotta will im »Virtuosen« die Zeit außer Kraft setzen und den Kastraten Gaspardo Conti verführen. Misstrauen, Eifersucht und Wahnsinn wächst mit der Fähigkeit der Phantasie, sich Geschichten über Misstrauen, Eifersucht und Wahnsinn auszudenken. Der Interpret musikalischer Kompositionen fügt einem musikalischen Werk eigene Kadenzen hinzu. Margriet de Moor verquickt als Spiel im Spiel Literatur und Musik auf raffinierte Art und Weise und fügt kriminalistische Elemente in ihre Bücher ein – als Kontrapunkte, die Spannung, Atemlosigkeit und die Möglichkeit für neue »Töne« bieten.
In ihrem Roman Kreutzersonate nimmt sie den Titel von Ludwig van Beethovens »Kreutzersonate« auf, die Tolstoi 1891 zu seiner Kreutzersonate als Gespräch zwischen zwei Männern in einem Eisenbahnwagon über Ehebruch, Gereiztheit, Verbitterung und Hass inspirierte. 1923 griff LeosØ JanácØek während eines eruptiven Liebeserlebnisses nach dem Thema und komponierte seine eigene »Kreutzersonate«. In ihrer Variation des Themas verbindet Margrit de Moor nun Musik und Literatur. Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen dem blinden Musikkritiker Marius van Vlooten und der Geigerin Suzanna Flier. Die Liebe und die Eifersucht, die auf die Liebe folgt, setzt Margriet de Moor zu einem dramatischen Reigen über die Sinne, über Hören, Sehen und Fühlen zusammen. Und damit verbindet die Schriftstellerin die Motive ihrer drei wahrhaft großen Vorgänger und fügt sich als »Nummer 4« mit ihrem Romanwerk in den Kanon ein, dem alle Impulse des Zeitlichen, des Luftanhaltens, Atemholens, des Tempos und der Verlangsamung innewohnen.

Lesung und Gespräch am 10. März im Literaturhaus. Gesprächspartner: Michael Krüger



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