13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Jazz-Mysterien
zu Bill Moody
von Ralph Koss


Wie schön, dass man sich nicht immer zwischen dem Besuch einer Lesung oder eines Konzerts entscheiden muss. Wer eine Veranstaltung mit dem amerikanischen Krimiautor Bill Moody besucht, kann beides erleben. Denn der 1941 geborene Moody ist auch als Jazzschlagzeuger seit Mitte der 60er erfolgreich. Seine Auftritte sind oft Lesung und Jam Session zugleich. Mit immer wieder neuen Combos kreiert Moody dann den Soundtrack zu seinen Krimis: Bebop und Postbop, jener Jazz, der in seinen Geschichten immer gegenwärtig ist.
Zum Schreiben kam Moody Ende der 80er, als er nach über 20 Jahren Tourleben nicht mehr rastlos unterwegs sein wollte. Bis dahin hatte er mit Maynard Fergusson, Jon Hendricks, Lou Rawls und Earl Hines gespielt. Er war während des Prager Frühlings mit dem Gustav Brom Jazz Orchester durch Osteuropa getourt. Und im Trio mit Junior Mance und Jimmy Rushing hatte seine Musikerkarriere begonnen. Nun beschränkte er seine Auftritte auf die Region von San Francisco und widmete sich als Autor dem, worin er sich am besten auskannte, dem Jazz. Zunächst waren das journalistische Arbeiten, Kurzgeschichten und - mit »The Jazz Exiles: American Musicians Abroad« - ein Sachbuch über amerikanische Jazzmusiker in Europa. Schließlich erschien 1994 Solo Hand, der erste von bislang fünf Kriminalromanen um den Jazzpianisten Evan Horne.
Horne ist der klassische Amateurermittler, den jemand um Hilfe bittet bei einem Problem, das sich stets als gefährlicher entpuppt, als es zunächst aussieht. Aber Horne ist keine statische Serienfigur. Moody gibt ihm eine Biografie mit wechselnden Beziehungen und unterschiedlichen Karrierestationen. Hornes musikalisches Vorbild ist der lyrische Jazzpianist Bill Evans, »bei dem alles, was er spielte, so klang, als wäre es in Moll. Ein Sound, der ergreifend traurig war.« Als Musiker glaubt Horne an die Notwendigkeit, gegenüber Publikum und Musikproduzenten die eigene musikalische Wahrheit kompromisslos durchzusetzen. Dieses Ethos des Kunstidealismus macht ihn auf der Ebene der Krimihandlung zum moralisch integren Ermittler, der bei seinen Nachforschungen immer die ganze Wahrheit wissen will.
So kann Moody ihn in Solo Hand neben einem Mord auch Abrechnungsbetrügereien der Musikindustrie auf Kosten der Künstler aufklären lassen. Oder Moody nimmt Lücken und offene Fragen der realen Jazzhistorie als Anstoß für Hornes Nachforschungen. Das ist in Moulin Rouge, Las Vegas der ungeklärte Tod des Tenorsaxofonisten Wardell Gray im Jahr 1955. Horne wird in diesem Fall gleichsam zum Historiker und enthüllt, was die strahlende Showwelt verdeckt: den Einfluss der organisierten Kriminalität, den Kampf gegen die Rassendiskriminierung in den 50ern und die Rationalisierungsmaßnahmen der Unterhaltungsindustrie während der 90er.
Zwar beschäftigt sich Moody in seinem dritten, nun übersetzten Roman Looking for Chet Baker (Ü: Anke Caroline Burger, Unionsverlag 2004) wieder mit realen Ereignissen aus der Vergangenheit des Jazz, doch setzt er dieses Mal einen biografischen Schwerpunkt. Es geht um das Leben und die Musik des amerikanische Jazztrompeters und Sängers Chet Baker, der 1988 aus dem Fenster eines Amsterdamer Hotels stürzte. Die Umstände des Todes konnten nicht genau geklärt werden, und bald führten sie zu Gerüchten. Waren dem heroinsüchtigen Baker nicht schon die Zähne ausgeschlagen worden, weil er einem Dealer Geld schuldete? Sogar im Gefängnis hatte er gesessen, der einst mit James Dean verglichen wurde und dem man Filmrollen anbot. Baker war aber auch einer jener amerikanischen Musiker, die lange in Europa lebten und deren Beweggründe Moody nachzeichnet. Viele von ihnen fanden hier die Anerkennung, die ihnen in den USA verwehrt wurde. Und die farbigen Musiker entzogen sich so dem alltäglichen Rassismus in den USA.
Mehr als zuvor rückt Moody in Looking for Chet Baker die Krimihandlung in den Hintergrund, um von der Welt des Jazz zu erzählen und gleichzeitig begeisternd den Jazz als musikalisches Erlebnis zu beschreiben.

Veranstaltung mit Bill Moody am 15. März in der Unterfahrt. Gesprächspartner: Henning Sieverts. Live-Jazz mit dem Harald Rüschenbaum Jazz Orchestra



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