13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Rap-Time: Munich meets Dakar
Zu Wa BMG 44 und Main Concept
von Patricia Müller


Als Wa BMG 44 gefragt wurden, ob Afrikas Rapper nicht die Klone der US-Szene seien, wehrten sie empört ab: Für sie ist Rap eine universale Sprache der Jugend, in der man unbequeme Realitäten literarisch verpackt zum Ausdruck bringt. So heißt es auch in einem Song der Münchner Crew Main Concept: »Hip-Hop vereint, man zeigt, was man meint, / auch, wenn’s für die breite Masse unerträglich scheint!« HipHop produziert Kontroversen im öffentlichen Raum. Bereits in den 60er Jahren formulierten Gruppen aus der afro-amerikanischen Straßendichterszene wie die Last Poets oder die Watts Prophets rap-artig sozialkritische und revolutionäre Botschaften. Doch die Geburt des Message-Rap wird erst mit dem gleichnamigen Song The Message der US-Gruppe Grandmaster Flash & the Furious Five aus dem Jahre 1982 in Verbindung gebracht.
Die Karriere von Wa BMG 44, der Hardcore-Band Senegals, begann im Jahr 1993. Wa BMG 44, das sind: Bandleader und MC Manu, Initiator der Sendung Rap Contact des Dakarer Radiokanals Oxy Jeunes, DJ Oz und Multitaltent Matador, Rapper, Breaker, Choreograph und Graffiti-Künstler. Anfangs texteten sie – wie die meisten Gruppen - in Englisch; erst seit sie in ihrer eigenen Sprache rappen, werden sie von ihren Landsleuten anerkannt.
Heute existieren in Senegals Hauptstadt mehr als 3000 HipHop Crews, deren Ziel es ist, gegen soziale Missstände ins Feld zu ziehen und ihre Landsleute zu Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein zu animieren. Der Einfluss der Dakarer HipHop-Szene ging so weit, dass Rappern während des letzten Wahlkampfes im Jahr 2000 Geld geboten wurde, um gegen bestimmte Kandidaten zu werben. Doch Dakars Reimartisten ließen sich nicht kaufen. Auch für Wa BMG 44 gilt: »Wir lassen uns nicht manipulieren, wir sagen, was zu sagen ist und leben unseren HipHop, auch wenn wir davon nicht existieren können.«
Der Name der Rap-Gruppe steht in ihrer Sprache Wolof für Bokk MenMen Gestu – »Gemeinsam lässt es sich besser reflektieren«. Die Zahl 44 bezieht sich auf ein historisches Ereignis: Im Jahr 1944 kehrten senegalesische Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg in Dakars Vorstadt Thiaroye, der Heimat von Wa BMG 44, zurück. Als sie ihren Lohn forderten, wurden sie von den Kolonialherren, die einen Aufstand befürchteten, hinterrücks ermordet. Heute sind Wa BMG 44 die Stimme Thiaroyes, einem heruntergekommenen Viertel mit hoher Kriminalitätsrate und Armut. In ihren Songtexten wehren sie sich gegen Korruption und die allgegenwärtige Verquickung von Religion und Politik. Und sie gehören zu jenen Crews, die durch kompromisslose Texte zum Regierungswechsel in Dakar beitrugen. In ihrem Song Def Si Yaw etwa, der 2000 anlässlich der Wahl im Senegal auf der viel diskutierten Kassette Politichien erschien, kritisieren sie einen Marabout (religiöser Gelehrte), der während des Wahlkampfs Geld von einem Politiker genommen hatte, um im Gegenzug seine Anhänger aufzurufen, für die betreffende Partei zu stimmen....Er ist eben ein »cadillac marabout«, wie Manu es ausdrückt, »der sich von den politichiens bestechen ließ«. Der Begriff »politichien«, ein Wortspiel aus »politicien« und »chien« (Hund) wurde von Wa BMG 44 geprägt. Das brachte den engagierten Musikern aus Dakar sogar Morddrohungen ein.
Wa BMG 44 ist auf zahlreichen Festivals aufgetreten, u.a. bei der Ars Electronica in Linz, als Opening Act der großen Saian Supa Crew, und tourte mehrfach durch Europa. Ihre Stücke sind auf verschiedenen Samplern erschienen, z.B. Africa Raps (2001/Trikont) oder Dakar Raps (2002/ Greenpeace Magazin). Zur Zeit bereitet die Gruppe ihr erstes internationales Album vor.

Auch in Deutschland war die HipHop-Szene noch klein, als sich Anfang der 90er Rapper David Pe, Glammerlicious, heute einer erfahrensten HipHop-Produzenten Deutschlands, und DJ Explizit zu Main Concept zusammenschlossen. David textete - dem Beispiel des Mutterlandes USA folgend - anfangs noch in Englisch. HipHop passierte zu der Zeit hauptsächlich innerstädtisch, regional; noch waren die Gruppen nicht vernetzt, noch gab es kein klares Profil. Doch bald öffnete sich auch das deutsche Publikum dieser Kunstform, die private Leidenschaft und Engagement mit einem eingängigen Massenmedium verknüpfen konnte.
Ganz anders als die damals schon chartverdächtigen Acts gab sich Main Concept nicht mit der schlichten Übersetzung amerikanischer Lyrics zufrieden, sondern setzte auf engagierte eigene Texte.1994 erschien das Debutalbum Coole Scheiße bei dem Indielabel MOVE. In den folgenden Jahren tourte das Trio mit den Beginnern aus Hamburg, MC Rene, den Massiven Tönen oder auch Fettes Brot durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ebenfalls seit 1994 zelebrieren sie den jährlich im Oktober in Kooperation mit KuchenGeorge stattfindenden Living Large Jam in der Muffathalle. Auch die Radioshow Fresh inside auf m94,5 wurde von Main Concept initiiert.
1998 veröffentlichte die Crew bei dem Label Deck 8 das Album Genesis, Exodus, Main Concept?. Gastmusiker wie Kung Schu von Blumentopf (Das Bildnis) und Wasi von Massive Töne (Kingstyles) waren an der Zusammenstellung beteiligt.
Unter dem Titel Plan 58 brachte Main Concept im Jahr 2000 eines der ersten Freestyle-Alben auf den Markt. Unterstützt von Spax, FlowinImmO, Raptile, Kamillion und Samy Deluxe (Dynamite Deluxe) zeigen die drei in 22 Tracks, wie HipHop aus deutschen Landen heute klingen muss: kurzweilig, humorvoll und trotzdem weit entfernt von billigem Spass-Entertainment. In den letzten Jahren brachten die Main Conceptler bei ihrem eigenen, 1998 gegründeten Label 58 Beats 3 Releases mit DV alias Christ, Samy Deluxe, Raptile u.a. heraus. Mit ihrem neuen Tonträger MUC>>NY>>STHLM>>BRM (2003) beschritt die Gruppe den Weg der Internationalisierung: Gäste aus München, New York, Stockholm und Bremen wurden eingeladen, um David Pe lyrisch »unter die Arme zu greifen«.
David Pe – der übrigens auch Kinder in einer Münchner Hauptschule im Fach Rap unterrichtet und sich für ein HipHop-Musical engagiert hat– hat sich innerhalb der deutschen Szene insbesondere mit seinen Freestyles profiliert. Neben Samy Deluxe gilt er als einer der besten Freestyler unseres Landes. Hauptanliegen des »praktizierenden Philosophen« – wie David sich selbst nennt - ist ganz klar:
»HipHop entwickelte sich nicht für die Industrie/ subkulturelle Kunst, Ideologie, Philosophie/ Man kann eine Platte machen und viel davon verkaufen,/ doch HipHop nicht als Sprungbrett in die Popkarriere missbrauchen,/ sondern bleiben wie man ist und die Regeln beachten, / Probleme dieser Welt von seinem Standpunkt aus betrachten.«
Auf einen Schlagabtausch scharfsinniger Rap-Lyrics zwischen David Pe und Manu bei diesem transkontinentalen Gipfeltreffen darf man gespannt sein.
Konzert und Gespräch mit Wa BMG 44 und Main Concept am Samstag, 13. März, in
Muffathalle und Muffatcafé. Moderation: Jay Rutledge



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