13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Kosmos Stimme
zu Salome Kammer
Von Roland Spiegel


Sie gurrt, sie fiept, sie flötet. Dann wieder schmettert sie wie eine ausgetickte Diva, tremoliert drauflos – und pendelt sich in einen waschechten Jodler ein. Um ein paar Minuten später schließlich die hohe Kunst der Geräusch-Musik vorzuführen: ein Sirren, ein Knattern, ein sich auflösendes Knarzen. Das alles kommt bei Salome Kammer nicht etwa aus einem Sampling-Computer, sondern direkt aus der Kehle. Und das alles ist bei ihr ganz selbstverständlich Musik.
»Salome Kammer: Stimme«, steht über ihrem biografischen Abriss. Nicht »Sängerin«, nicht »Vokalistin«, sondern einfach nur »Stimme«. Doch das ist in ihrem Fall viel mehr: alles, was das menschliche Sprech- und Sing-Organ hergibt. Was Salome Kammer nur mit Stimmbändern und Mundwerkzeugen an Klängen, Tönen und Lauten zuwege bringt, ist oft schlicht phänomenal.
In vielen Genres setzt die in Nidda, Oberhessen, 1959 als viertes von sechs Pfarrerskindern geborene Wahl-Münchnerin ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten ein. In Kabarett- und Chanson-Programmen mit dem Pianisten Peter Ludwig haucht sie sogar Gebrauchsanweisungen und Beipackzetteln aufregendes musikalisches Leben ein. Im Musical (My Fair Lady) glänzt sie als besonders zwischentonreiche Eliza Doolittle. Und in der zeitgenössischen Musik erstaunt sie das Fachpublikum mal mit Tönen, die so hoch sind, dass sie eigentlich als unsingbar gelten, mal mit einer solchen Vielfalt von aufschwirrenden, zerstückelten, sich überschlagenden Geräuschen, dass dabei ein unglaubliches Gefühls-Spektrum entsteht – wie etwa in der 2003 uraufgeführten Oper Das Gesicht im Spiegel von Jörg Widmann. Von der Bayerischen Staatsoper bis zur Avantgarde-Pilgerstätte Donaueschingen reichen dabei die berühmten Podien, auf denen diese immer neue Grenzen überschreitende Stimme gesucht und offenbar ganz zu Hause ist.
Die meisten kennen die Frau mit den dunklen Augen und dem manchmal forschen, manchmal forschenden Blick jedoch aus dem Fernsehen: Als Clarissa Lichtblau war und ist die gelernte Cellistin Salome Kammer in Edgar Reitz’ »Heimat«-Epos zu sehen, dessen dritter Teil im September in München vorgestellt wird.
»Volten & Vokale« heißt Salome Kammers Programm für die Internationale Frühjahrsbuchwoche. Sie wird dabei solo zu hören sein: die Stimme ganz allein – was in diesem Fall zum Kosmos werden kann. »Stücke, die mit dem Ursprung der Sprache arbeiten«, hat sie dafür ausgesucht, Kompositionen, »bei denen oft nur mit Lauten und durch den Klang, nicht durch Worte, ein Sinn ausgedrückt wird«. Etwa Totenklage von Hugo Ball (aus den Sechs Laut- und Klanggedichten): »Da kommt nicht ein bekanntes Wort vor, und doch versteht man, dass da jemand betrauert wird.« Oder Balls Seepferdchen und Flugfische: »Genau, was der Titel sagt, kommt dabei heraus, als sähe man es vor sich.«
Lauter Herausforderungen an die Ausdrucksvielfalt der Stimme sind diese Werke – von der ganz genauen, hochdifferenzierten Notation in Luciano Berios Sequenza III bis zu den auf Urlauten basierenden stimm-akrobatischen Möglichkeiten in der Ursonate von Kurt Schwitters, die ohne Noten in Gedichtform niedergeschrieben ist.
Solo-Abende sieht Salome Kammer als »das Ungewöhnlichste, was ich mache – und auch das, was am meisten meines ist«. Darin liegt für sie ein besonderer Reiz, aber auch eine besondere Verantwortung. »Alles hängt von mir ab. Und diesmal kommt es mehr als sonst darauf an, den Leuten das Ineinander von Musik und (Vor-)Sprachlichkeit nahe zu bringen«, sagt Salome Kammer über ihr Buchwochen-Programm.
Bei aller Vielseitigkeit ist die neue Musik das Herz-Stück ihrer Arbeit. »Da werde ich gebraucht. Da kann ich Maßstäbe setzen. Es ist ja auch toll, auf diese Art an Musikgeschichte beteiligt zu sein.« Zwei Werke im Programm, Die Alte und Emil von Carola Bauckholt, sind auf Salome Kammers Anregung entstanden. Auch das zeigt, wie wichtig wagemutige Interpreten für die Musik sind – und für das Publikum, das aufregende Dinge erleben kann, die es so noch nicht kannte. Das Etikett »Salome Kammer: Stimme« ist ein Garant dafür.

Soloabend am Samstag, 13. März, im Gasteig/ Black Box



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