13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Traumkünstler, Erzähler
zu André Heller
von Patricia Reimann

Der »Stumme Prophet«, eine meterhohe Lichtskulptur, die vor der dämmrigen Kulisse Ait Ben Haddous in Marokko Zwiesprache mit der schimmernden Sichel des Mondes hält. Eine über Manhattan, Tokio und der Gefängnisinsel Alcatraz hoch am Himmel schwebende bunte Riesenskulptur. »Begnadete Körper« und die »Stimmen Gottes«, Feuer-, Wasser-, und Gartenkunstwerke. Gegenwärtig der von Stadt zu Stadt rollende Fußballglobus, der nachts zur blau illuminierten Weltkugel wird, in der das Gespräch zwischen den Menschen die Luft zum Atmen ist und nicht Krieg sie ihnen nimmt. Einer, der erst skeptisch war und schließlich zugetan, Gert Johnke, fragt: »Sind seine Geschichten, Pläne, Projekte usw. Flussinseln, die mit dem Strom durchs Land wandern, ins Meer münden, durch die Ozeane weitertreiben, bis sie müdebewohnt in den Polarmeeren zu Glasbergen erstarren, zwischen den Wendekreisen verdunsten, das Echo eines unhörbaren Rufens, einfach die Erinnerung an nie gehabte Träume?« –
Andere, hartnäckige Heller-Gegner, stoßen beim Versuch, das Gesamtkunstwerk und Pop-Phänomen André Heller zu begreifen, immer wieder gern an das sprichwörtliche Brett vor dem trägen Kopf. Es ist das ursprüngliche Staunen, das Heller den Betrachtern seiner Installationen, Varietés und Spektakel, den Hörern seiner Lieder und Lesern seiner Erzählungen zurückzugeben vermag, die Option, einzutauchen ins Reich einer möglichen Erkenntnis, in dem Verstehen und Erfühlen eine archaische Einheit bilden.
Sich auf einen »anderen Ton stimmen« zu lassen – wie Heller das nennt -, fällt den Sachwaltern einer Kunst- und Kulturauffassung schwer, die aus den Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts vor allem eins lernen zu müssen glaubten: nicht nur dem untrüglichen Gespür für Masseninszenierung prinzipiell zu mißtrauen, sondern sich zudem rigoros gegen jede Art Verführung zu stemmen. Auch deshalb streicht der missliche Geruch einer im Hinblick auf Heller irrelevanten Debatte um Kunst oder Kitsch immer wieder über seine Zauberprojekte hinweg.
Wer seine jüngst erschienene CD Ruf und Echo hört, wird sich zurückerinnern und wissen, warum seine Lieder zum Besten gehörten, was an der Schnittstelle amerikanischer, französischer und deutscher Chansons in der Ära des Pop entstand.
Die Entdeckung, die Würdigung André Hellers als Schriftsteller hingegen steht noch aus, auch wenn ihm die Uni Tübingen im nächsten Semester ihre Poetik-Dozentur übertragen hat. Dabei ist das Schreiben die Konstante in seinem Schaffen. Wenn ein Gaukler zur Feder greift, dann entstehe poetisches Varieté unkten die Kritiker, aber »Nicht ein Altenberg von heute, sondern ein Maupassant, ein Schnitzler, vielleicht sogar ein Joseph Roth von morgen könnte er werden«, schrieb Joachim Kaiser schon bei Erscheinen des Erzählbands Schlamassel (1993), dem der Prosaband Auf und davon (1979) vorangegangen war, und vor allem der schmale, bis dato einzige und in seiner schlichten Vollkommenheit an Emmanuel Bove erinnernde Roman Schattentaucher. 61 Beschreibungen aus dem Leben des Ferdinand Alt (1987; dtv 2003), eines Klavierstimmers, der eigentlich Komponist war. In allen Figuren Hellers begegnet uns ein ’Ich’, das immer ein Fremder ist. Es erscheint als das gespiegelte ‚Ich’ seiner selbst, als ein konzeptioneller Identitätsentwurf, ein »Ich«, das sich immer neu entwirft, entfaltet, ausprobiert und mit jedem Mal Klugheit und Leichtigkeit, aber auch Melancholie hinzugewinnt. »Wer zu Traurigkeit neigt, sollte Orte besonderer Schönheit meiden«, schrieb Heller einmal und entführt uns mit seinem jüngst erschienenen Erzählband Als ich ein Hund war. Liebesgeschichten und andere rätselhafte Vorfälle (Berlin Verlag, 2003) just an eben solche Orte. Tanger, Marokko, Cadiz, das Tote Meer, eine Topographie, die auf die Ursprünge der Märchen weist, ihre besondere Schönheit aber aus jenem Licht bezieht, in das der »Luftmensch und Verwandlungsreisende« Heller seine Skizzen taucht – »Nebenprodukte seines Erlebens, die wie kostbare Scherben sind« (Julia Kosbach/profil). »Ich habe aufgeschrieben, was ich erinnere. Wer es brauchen kann, dem soll es gehören.«, sagt der Hund im letzten Satz der titelgebenden Kurzerzählung. Auch ein »Ich«, das ein anderer ist, und die Geste von einem, der sich in Bescheidenheit zu kleiden versteht, in einer Sphäre, wo das Große oft im Kleinen, im Unscheinbaren zu finden ist – in der Literatur.
Ja, er ist, urteilt Ulrich Weinzierl »ein Größenwahnsinniger, keine Frage. Doch einer mit gutem Grund«.

André Heller im Gespräch mit Roger Willemsen am 15. März im Gärtnerplatztheater



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