13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Frequenz unserer Weltstunde
zu James Hamilton-Paterson
von Andreas Nentwich

Seven-Tenths nannte er seine Expedition in die »Tiefen und die Dunkelheit« des Elements, das uns ins Leben wiegt: 992 erschien das englische Original, drei Jahre später die deutsche Übersetzung. James Hamilton-Paterson: Seestücke (Klett-Cotta, 1995, Ü.: Hans-Ulrich Möhring). Was sich hinter dem schlichten Titel verbarg, war ein Genre, das hierzulande noch immer ohne Entsprechung ist. »Faktion« lautet das hässliche Rubrum, das ein literarisches Juwel zum Verstauben in die »Special-Interest«-Regale abordnete, bis sich herumsprach, dass in ihm nichts Geringeres bewerkstelligt war als die Versöhnung von Poesie und Wissenschaft.
Durch Jahrmillionen Meeresbiografie hatte Hamilton-Paterson sein empirisch-metaphorisches Senkblei zum Grund der Lebensrätsel getrieben, um - vielleicht - aus der Spannung zwischen den Kulturleistungen des Homo Sapiens und der Gleichgültigkeit unendlicher Räume das kleinste Gemeinsame zu gewinnen. Als Mann von fünfzig Jahren tauchte er ohne Atemgerät auf der Suche nach dem »Grundton« unseres Sphäroiden, ein andermal nahm er einen Kassettenrekorder mit und ließ auf einem Korallenriff Mozarts g-moll-Quintett ertönen: »Ich wollte herausfinden, welche Wirkung Musik auf Fische und andere Rifflebewesen hat, aber auch, wie gut sie unter Wasser klingt«. Das Ergebnis ist enttäuschend; nur Missklang entweicht und verdrießt einen Riffbarsch.
Sind die Schöpfungen des Menschengeistes wirklich Laut vom Laut der Welt oder klägliche Surrogate einer Spezies mit Sinneswerkzeugen von allenfalls mittlerer Güte? Hamilton-Patersons Antwort darauf ist die produktive Unruhe seines Werks, die Flucht nach vorn vor den poetischen Antworten in Feldforschung und Wissenschafts-Phantasie.
Der Oxbridge-Absolvent, 1941 ins kulturgesättigte Milieu der gehobenen englischen Mittelklasse geboren, war dreiundzwanzig, als Lyriker schon preisgekrönt und überdies ein begabter Pianist, als er einen herben Schnitt machte und in die Welt ging. Libyen, Bolivien, Vietnam. Sprachlehrer, Reporter, Kriegsberichterstatter, dann, in den 70ern, Drehbuchschreiber und Krankenpfleger: ein letztes englisches Intermezzo, bevor er 1979 seine philippinische Insel Marinduque entdeckte, wo er seitdem den überwiegenden Teil des Jahres verbringt. Hier, in größter Europaferne, fand er den Hallraum, in dem sich seine politischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Recherchen fortan brechen sollten: das große Wasser. Dieses wurde dem Agnostiker zum Sub specie aeternitatis und relativierte das einzige Residuum des Religiösen, dem er noch hätte verfallen können: die Hochkultur Europas mit der metaphysischsten ihrer Projektionsflächen - der Musik. Sein Versuch jedoch, sich aus ihrem Sog zu schreiben, indem er einen ihrer Großen an der Konkurrenz des Ozeans scheitern ließ, war so imponierend wie vergeblich.
Gerontius hieß der Roman über einen ausgeglühten alten Mann namens Edward Elgar, mit dem Hamilton-Paterson 1989 debütierte. Den Titel gab Elgars Oratorium »Der Traum des Gerontius« (gleichlautend die deutsche Übersetzung des Romans von Wolfgang Krege, Klett-Cotta 2000), uraufgeführt im Jahr 1900, das der seit Purcells Tagen marginalisierten englischen Musik wieder zu Weltgeltung verhalf und den damals dreiundreißigjährigen Elgar zum ersten Komponisten der angelsächsischen Welt avancieren ließ. Als er 1919 das FINIS. R.I.P. unter sein schwermütiges Cellokonzert setzte und das Komponieren weitgehend einstellte, galt seine Musik als verstaubt und eklektisch: Ein Verdikt, das heute, siebzig Jahre nach seinem Tod 1934, seinerseits alt aussieht. Ob dies ihn glücklich gemacht hätte, steht zu bezweifeln, denn kein Kritiker dürfte je überboten haben, was ihm an Selbsthass zur Verfügung stand. Elgar war ein gleichsam multipel mit seinem Talent zerfallenes Genie, das noch fünfzehn Jahre zu leben hatte, als sein Funke erlosch: Hinter Offiziersgehabe und dem Panier eines martialischen Schnauzbarts fraßen Komplexe und Zweifel. Eine verschleppte Künstlertragödie, die der Roman in den Fokus einer sechswöchigen Schiffsreise nach Manaus zieht, von der wir lediglich wissen, dass sie der Komponist a.D. Ende 1923 unternommen hat.
Nichts geschieht während dieser Passage – außer dass eine Gesellschaft von First-Class-Repräsentanten der Welt von gestern über den Äquator palavert und sich die Köpfe zerbricht über den Heros ihrer spätestens seit 1914/18 verschlissenen Kunstreligion: Sir Edward Elgar, ein Egomane wie alle mit sich Verfeindeten, ein cholerischer Platzhirsch, den Fachsimpeleien mit Seeleuten und Naturforschern in Königslaune versetzen, der chevaleresk mit Damen plaudert, solange sie ein Thema vermeiden: seine Musik, den großen Irrtum und »Fluch« seines Lebens. Dabei fehlt es nicht an Zeichen, die Elgar ahnen lassen, dass das ozeanische Gefühl der Passage zum Echo seiner selbst zu werden drängt: Ganz neue Töne führt das Meer, führt die exotische Flora und Fauna des Amazonas-Gebiets an ihn heran; die Gabe seiner »verhassten Muse«, alles als Klang zu erfahren, was er hört, sieht und berührt, hat ihn nicht verlassen. Doch er verstopft seinen Geist mit Hader gegen ein ignorantes und materialistisches Zeitalter, statt den Äquator einer Musiksprache zu überschreiten, die das Gehörte längst nicht mehr fasst.
Gerontius ist Hamilton-Patersons Abgesang auf Eurozentrismus und Geniewesen, dialogstark, meeresverliebt, elegisch, von großer psychologischer Tiefenschärfe und stellenweise beträchtlicher Komik. Und doch bleibt ein Rest, der sich weiter trägt durch die Seestücke und in den 15 Stories von The Music (1995) noch einmal beherrschendes Thema wird: Die Macht der Musik - sei es Mozarts oder des Komponisten der »Enigma-Variationen« - über Geist und Sinne dieses europamüden Argonauten. Und die stille Hoffnung, dass sie, der seine Liebe gilt, mitschwingt in den geheimnisvollen Vibrationen der Erdkruste - als Frequenz unserer Weltstunde.

Lesung und Gespräch am 9. März im Literaturhaus. Partner: Sir Peter Jonas



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