13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Exakte Vision – Helen Hessels Jules und Jim
Hörspiel von Ulrike Voswinckel und Ulrike Haage (Produktion BR)
Live-Performance mit Ulrike Haage (Komposition/Klavier)
Am Sonntag, 14. März, 20.30 Uhr, im Gasteig, Black Box


Ulrike Haages »Exakte Vision« ist ein musikalisches und literarisches Ereignis: Es basiert auf den in Deutschland unveröffentlichten Tagebüchern von Helen Hessel, die die Komponistin zu einem musikalischen Psychogramm der Tagebuchschreiberin und einer Zeitreise in die Jahre um 1920 inspirieren. Der Flügel – von Ulrike Haage gespielt – übernimmt die bestimmende Rolle im Soundtrack, wird zu Helen Hessels Dialogpartner beim einsamen Geschäft des Briefe- und Tagebuchschreibens, feuert an, läuft sich neben der klappernden Schreibmaschine warm und bereitet den »Chanson d’Helen« vor: Exakte Vision der großen Liebesaffäre. Als präpariertes Piano wird das Instrument zum Gesamtkunst-Werkzeug, mischt sich ein in das Rattern von Filmprojektoren, oder friert tief getunt den Sound als Abgesang auf die Liebesaffäre ein. Für dieses Hörspiel ist eine Komposition entstanden, in der Ulrike Haage Zeitgeschichte in Originalaufnahmen und Kompositionen aus den Zwanziger Jahren anklingen läßt. Daß die Liebesgeschichte zwischen Helen Hessel, Franz Hessel und Henri-Pierre Roché in den 60er Jahren weltbekannt geworden ist, verdankt sie der Tatsache, daß Francois Truffaut einen Film daraus gemacht hat, nämlich »Jules und Jim«, dessen Vorlage der Roman gleichen Titels von Roché war. So wurde Helen Hessel in der Darstellung von Jeanne Moreau sozusagen inkognito einem großen Publikum bekannt; Henri Pierre Roché hatte Helens Tagebücher zur Hand, als er den Roman schrieb, aber veröffentlicht wurden sie erst 1991 in Frankreich, wo sie sofort Furore machten.
Es gibt nicht viele veröffentlichte Tagebücher, zumal aus der Zeit um 1920, die so ungeschützt minutiös die eigenen Gefühle und die eigene Sexualität beschreiben: die eigene Lust, den Machtwillen, die Rache, die Verletzlichkeit – und die Sehnsucht nach der einen ganz großen Liebe, dem Absoluten, wie Helen das nennt, und die Angst davor, die Angst vor der Selbstaufgabe. Helen Hessel will in all ihren Aktionen und Provokationen gesehen werden, hat Freude an erotischer Verführung, und das Reden darüber ist ein Spiel zu dritt, das manchmal zur Vivisektion der Seele wird.


Helen Hessel, 1886 in Berlin geboren, entstammte einer preußischen Offiziers – und Bankiersfamilie. Während ihres Malstudiums in Paris lernte sie den Schriftsteller Franz Hessel kennen und heiratete ihn 1913. 1920/21 mieteten Helen und Franz Hessel die »Villa Heimat« in Hohenschäftlarn bei München, wo die später so genannten »Jules und Jim« -Tagebücher entstanden. 1925 zog Helen mit ihren beiden Söhnen nach Paris und schrieb für die »Frankfurter Zeitung«. 1940 flüchteten Helen und Franz Hessel vor den Nazis nach Sanary-sur-Mer in Südfrankreich, wo Franz Hessel nach der Internierung in »Les Milles« an Entkräftung starb. Nach einem längeren Aufenthalt in den USA kehrte Helen nach Paris zurück, wo sie 1982 im Alter von 96 Jahren starb.

Ulrike Haage wurde durch Musikprojekte wie die Big Band »Reichlich Weiblich« und die Popgruppe »Rainbirds« mit Katharina Franck bekannt. Sie machte zahlreiche Theatermusiken, arbeitete u.a. mit Peter Zadek und Kazuko Watanabe. Konzertante Performances, Rundfunkkompositionen, Feature- und Hörspielproduktionen, darunter »7 Dances of the Holy Ghost« (1998, mit Andreas Ammer), »Bei unserer Lebensweise ist es sehr angenehm, lange im voraus zu einer Party eingeladen zu werden« (1999, nach Jane Bowles, mit Katharina Franck), »Reise, Toter« (2001, nach Durs Grünbein) u.a. Deutscher Jazzpreis 2003. Sie lebt in Berlin.

Die Ursendung des Hörspiels »Exakte Vision. Helen Hessels 'Jules und Jim. Ein Vorfilm'« findet am Montag, 8. März 2004, 20.30 Uhr in Bayern2Radio statt, Wiederholung am Dienstag, 9. März 2004, 15 Uhr..
Zur Internationalen Frühjahrsbuchwoche erscheint »Exakte Vision« mit dem Hörspieltext, einer CD des Hörspiels sowie einer Biografie Helen Hessels beim Verlag sans soleil.

In Zusammenarbeit mit dem BR Hörspiel und Medienkunst 2004



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