13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Das Auge hört, was dem Ohr entgeht
zu Geoff Dyer
von Konrad Heidkamp

»Er war wie ein Schriftsteller, nur dass seine Worte aus Klängen bestanden – und das Werk, an dem er arbeitete, war eine riesige musikalische Erzählung, die immerzu ergänzt wurde und die eigentlich von ihm selbst handelte...«, schreibt der britische Autor Geoff Dyer über Duke Ellington. Es ist eins der acht Kapitel seines Buches But Beautiful von 1991 (dt. 2003 bei Argon, Ü: Matthias Müller), das acht Jazzmusiker porträtiert, die Geoff Dyer - 1958 geboren - selbst nicht mehr erlebt hat. Acht Erzählungen, die zwischen Dichtung und Wahrheit oszillieren, die wahre Episoden mit erfundenen Dialogen versehen oder korrekt zitierte Aussagen in herbeiphantasierte Hotelzimmer verlegen. Die Rechtfertigung der Methode hat er als Zitat Ernst Blochs vorangestellt: »Wir hören nur uns selbst.«
Vor dem grandiosen But Beautiful hatte der in Cheltenham in Gloucestershire geborene Brite bereits zwei Bücher verfasst. Eines über das Werk John Bergers (1986) und einen Szene-Roman aus Bristol mit dem Titel The Colour of Memory (1989). Sie erscheinen wie Koordinaten, zwischen denen sich Dyer seitdem bewegt: dem literarischen Essay über die Welt anderer und der Fiktion, die er seinem eigenem Leben entnimmt. Mag man dem Eindruck folgen, den sein Roman Paris Trance (1998) erweckt – es ist erst das zweite Buch, das auf Deutsch publiziert wurde –, dann liegt Geoff Dyers Stärke eindeutig im Fremden, das seine Phantasie begrenzt. Sein neuester Roman Yoga For People Who Can’t Be Bothered To Do It (dt. Frühjahr 2004 bei Argon) macht da – glaubt man der New York Times - keine Ausnahme.
Der Pianist Keith Jarrett hatte But Beautiful – Titel eines Jazz-Standards – als »das einzige Buch über Jazz, das ich meinen Freunden empfehle« gelobt, und Musikkenner wie der Schriftsteller Josef Skvorecky oder Greil Marcus stimmten zu Recht in die Euphorie ein. Es verwischt die Grenzen zwischen Sachbuch und Literatur, und am Ende scheint es belanglos, ob diese Geschichten über Thelonious Monk, Chet Baker, Lester Young oder Bud Powell wahr oder erfunden sind. Sie erfassen die Essenz dieser Musik, weil sie dem Klang dieser Musiker nachhören. Zudem vermeidet er mit seiner – stilistisch glänzenden – Art zu schreiben jenen Zwiespalt, den rein fiktionale Texte wie die Erzählungen von James Baldwin, Jack Kerouac oder Maya Angelou auslösen: Beim Lesen ständig der Geschichte hinter den Geschichten nachzuhorchen, unbewusst das Biographische hinter der Leinwand zu suchen.
»Meine Geschichten sind eine Art von Augenschließen«, zitiert Roland Barthes einmal Franz Kafka in seinem Buch über Photographie und ergänzt: »Die Augen schließen bedeutet, das Bild zum Sprechen zu bringen.« Kein Wunder, dass Geoff Dyer in seinen Paraphrasen über die Musiker des modernen Jazz oft von Photographien ausgeht. »Das Auge hört, was dem Ohr entgeht«, schreibt er im Kapitel über den tragischen Pianisten Bud Powell. Es sind Dyers literarische Non-Fiction-Werke, die faszinieren, die von Bildern ausgehen und nicht vom Erleben: Über den Vater des Sehens, John Berger, dessen Essays er 2001 in einer Auswahl veröffentlichte, über die Schlacht an der Somme (1994), über die Photographien und Tagebücher William Gedneys What Was True, 2000) oder sein Buch über den Schriftsteller D.H.Lawrence (Out of Sheer Rage, 1997), für das er mit dem National Book Critics’ Circle Fiction Award in den USA ausgezeichnet wurde. Die ständige Klage über den Konsum von Bildern, die an die Stelle von authentischen Gefühlen treten, löst sich bei Geoff Dyer auf: über das Bild zur Fiktion zu den Gefühlen.

Lesung und Gespräch am 8. März im Ruffini; Gesprächspartner: Thomas Steinfeld. Live-Jazz vom Rosebud-Trio.



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