13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Akkorde des Geheimen
zu Roberto Cotroneo
von Ute Stempel


Mit einem langen »Brief« ist der italienische Literaturkritiker Roberto Cotroneo vor zehn Jahren selbst zum Schriftsteller geworden. Wenn ein Kind an einem Sommermorgen. Brief an meinen Sohn über die Liebe zu Büchern (dt. Insel 2002) überschrieben und so einen Titel Italo Calvinos variierend, sind diese autobiographisch getönten, scheinbar spielerischen Annäherungen an Texte, Themen und Kompositionsweisen der Weltliteratur zu einem erzählerischen und pädagogischen Wurf geraten: Leichtes und Schwieriges con anima harmonisierend, weckt er nicht nur bei kindlichen Lesern den Sinn für »Phantasie und Kreativität« als den »Zauberkräften des Lebens, die uns eine ganze Welt draußen so weit wie möglich zu entziehen versucht«.
Auf ebenso subtil romantische Weise gegen den Zeitgeist geschrieben sind auch die darauffolgenden Romane des Autors, der 1961 im piemontesischen Alessandria geboren wurde, in Philosophie promovierte und ausgebildeter Pianist ist. Vier sprachlich und gedanklich brillante Virtuosenstücke von diskreter Empfindungstiefe, die bei aller Bildungsfülle auch da wunderbar suggestiv klingen, wo Cotroneo seine Wörter nicht um das unaussprechliche Rätsel der Musik kreisen lässt. Das Unsagbare sagbar zu machen »in jener sonnendurchglühten Mittagsstunde, in der die Dämonen beschließen, sich zu zeigen«, das wünscht sich die junge Holländerin Velli in Otranto (dt. Insel 1998). In das gespenstisch verlassene Hafenstädtchen gekommen, um dort im Dom das phantasmagorische Fußbodenmosaik zu restaurieren, den großen, die Menschheitsgeschichte symbolisierenden Lebensbaum, verwirrt sich ihr Geist angesichts der magisch-numinosen Heiligkeit des südlichen Lichts. Halluzinierend dringt sie »in die stehende Zeit« ein und belebt deren kristalline Reglosigkeit durch die Energie ihrer inneren Bilder, um im mystischen Erleben der Welt endlich zu sich selbst zu finden.
Weniger verschlüsselt, aber ebenfalls der Tiefenpsychologie C.G. Jungs verpflichtet, ist der auf das biblische Hohelied anspielende Liebesroman Das vollkommene Alter (dt. Insel 2000). Wie in diesem, die zwanghafte Enge sizilianischer Provinzmoral aufbrechenden erotischen Furioso entziehen sich auch in Tempestad (dt. Insel 2003, Ü: Karin Krieger) die geheimen menschlichen Motive rationaler Erhellung. Vier Musiker(innen) ohne eigene Mitte verlieren sich beim gemeinsamen Versuch, Beethovens Große Fuge op. 133 zu interpretieren, im Labyrinth dieses kolossalen musikalischen Enigmas.
Tiefer noch in die Rätselhaftigkeit des Unsagbaren der Töne verstrickt sich ein alternder, berühmter Pianist in Die verlorene Partitur (dt. 1997, Ü: Burkhart Kroeber), dem dichtesten, geistreichsten, und auch abenteuerlichsten Roman Cotroneos. Eine bislang völlig unbekannte Notenhandschrift Frédéric Chopins stürzt den hypersensiblen, genialischen Maestro mit den geheimnisumwitterten Zügen Arturo Benedetti Michelangelis in die fast unerträgliche Leidenschaftlichkeit eines entfesselten Presto con fuoco. Das kaum spielbare Stück, angeblich im Liebesrausch für George Sands Tochter Solange als alternatives Finale der 4. Ballade in f-Moll komponiert, eröffnet dem psychisch fragilen Interpreten Himmel und Hölle der eigenen Künstlerexistenz. Konfrontiert ihn schicksalhaft mit der Frage nach der musikalischen Wahrhaftigkeit, die sich annähernd nur aus dem Geist der Romantik lösen lässt. Ihren Vorstellungen vom unendlichen Sinn der wortlosen Musik bleibt der aufregend unzeitgemäße Autor Roberto Cotroneo auch da noch verbunden, wo er uns in klugen Exkursen con leggerezza mit großen Interpreten und deren Deutungsproblemen vertraut macht. Der Kreis schließt sich, fürs erste, mit seinem neuesten, soeben in Italien erschienenen Buch Chiedimi chi erano i Beatles: Es ist ein langer »Brief« an seinen Sohn über die Liebe zur Musik.

Lesung und Gespräch am 12. März in »Dichtung & Wahrheit«.
Gesprächspartner: Hanns-Josef Ortheil



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