13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Verbrechen, Rock & Blues
zu Liza Cody
von Pieke Biermann


Inzwischen singt Liza Cody im Chor. Und gleich in zwei a capella-Chören. In Bath, wo sie heute lebt. Chorsingen, sagt sie, hilft genial gegen Vereinsamung am Schreibtisch. Sie singe nicht besonders gut, behauptet sie. Aber das ist natürlich understatement. Ausserdem versteht sie viel von Musik, wie man nicht erst seit ihrem letzten Roman Gimme more weiss. Sie hat auch einige »musikalische« Kurzgeschichten geschrieben. Walking Blues zum Beispiel, der immerhin in John Harveys berühmter Anthologie Blue Lightning erschienen ist. Liza Cody, Jahrgang 1944, gehört zu der Generation EuropäerInnen, die über die Musik den Geschmack an Freiheit und Abenteuer bekommen hat und nie wieder losgeworden ist – US-amerikanische Musik. Blues, vor allem.
Selber im Musikgeschäft war sie auch mal, mit einem Job »als Roadie einer der schlechtesten Rockbands von London«. Das war in den swinging 60s. Liza Cody studierte an der Kunstakademie und schlug sich mit abenteuerlichen Jobs durchs Leben - als Restaurateurin in Madame Tussauts Wachsfigurenkabinett, zum Beispiel. Da durfte sie tagsüber von Besuchern ramponierte Figuren reparieren und hatte eine Zeitlang viel mit Hitlers Haarbestand zu tun. Wahrscheinlich kriegt man da ihren biestig-grotesken Blick für den homo sapiens und seine Welt.
Der Weg der Schriftstellerin vom Roadie zur a capella-Chorsängerin scheint ähnlich weit wie der ihrer literarischen Figuren. Ihre erste, Anna Lee, war zwar Privatdetektivin, aber kein ins Weibliche gedrehter lonesome cowboy, sondern die kleine Angestellte einer Londoner Detektei. Das war neu, und mit dieser Figur (die auch im Videopiraten- und Musikbusiness ermittelt) stand Liza Cody von 1981 bis 1991 an vorderster Front bei der »Instandbesetzung« des verbrannten Kerls-Terrains namens hardboiled p.i. novel. Dann kam Eva Wylie, eine Catcherin, und das war Codys Kampfansage an jede Krimi-Formel-Gefahr. Literarischer freestyle, aber innerhalb des Genres, drei Romane von 1992 bis 1997, die - nebenbei - der britischen Unterschicht eine Stimme gaben. Und jetzt Birdie Walker, die Hauptfigur von Gimme More.
Musikalisch gesehen: »Anna Lee« heisst formal klassischer Detektivroman gegen den Strich gebürstet, sozusagen britische Blues-Renaissance. »Eva Wylie«, die muskelbepackte Catcherin mit dem grossen Herzen, das ist irgendwas zwischen Punk und Trash-Metal. »Birdie« ist globaler Rock. Bei Anna Lee wird viel Musik gehört, Eva Wylie ist selbst so schrill und laut wie ihr Ghettoblaster, und bei Birdie Walker ist Musikmachen Thema. Kann man »über Musik schreiben, ohne dass es idiotisch klingt?« Wenn man kann - ja. Liza Cody kann sogar mit Mollakkorden, Oktaven und Breaks hantieren, ganze Passagen lang. Und sie kann Rock´n´Roll schreiben, diesen »ururalten Zauber mit der Macht, aus blue Gold zu machen«. Ehrlicher Rock, der auf dem Blues basiert und wie er von elementaren Dingen erzählt. Davon erzählt auch Gimme More - von Gewalt, Verbrechen und dem Musikbusiness, wo die schmutzigeren Figuren die mit den sauberen Nadelstreifen sind.

Lesung und Gespräch mit Liza Cody und Jenni Zylka am 11. März im Muffatcafé. Gesprächspartnerin: Pieke Biermann



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