13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Virtuose auf der Klaviatur des Lyrischen
zu Alfred Brendel
von Jens Malte Fischer

Der Dramatiker Ödön von Horvath sagte einmal über sich, er sei familiär eine typische altösterreichisch-ungarische Mischung. Alfred Brendel, Pianist und poeta doctus, kann Vergleichbares von sich behaupten. Im nordmährischen Wiesenberg ist er geboren, aber unter den Vorfahren mischen sich nicht nur deutsche und österreichische Namen und Schicksale; eine Großmutter trug den Namen Guerra und stammte aus dem Friaul, ein Großvater hieß Wieltschnig und deutet so auf slawische Wurzeln hin. In Zagreb gab es den ersten Klavierunterricht, in Graz, Ende der vierziger Jahre, den ersten Auftritt als Pianist. Alfred Brendel umging, zu seinem eigenen Heil, wie er sagt, die Wunderkindkarriere, die ihm bei seiner phänomenalen manuellen Begabung wohl offengestanden hätte. Wer heute als Pianist mit zwanzig Jahren nicht international aufgefallen ist, den bestraft das Leben; Brendel war zehn Jahre älter, als die große Welt auf ihn aufmerksam wurde. In der entscheidenden Phase, wenn die Karriere eine Einzelhaft am Klavier erfordert, saß er nicht nur dort (ein besessener Über war und ist er nie gewesen), sondern las Robert Musil und Hermann Broch, Lichtenberg und Morgenstern, malte und sammelte Kurioses und Kauziges auf allen Gebieten. Einen Klavierwettbewerb in Bozen gewonnen, einmal bei den Salzburger Festspielen aufgetreten - von nun an ging es rascher nach oben, aber die Fundamente für eine künstlerische Existenz, die sich nicht nur in donnernden Oktaven und perlenden Läufen erschöpft, waren sicher und unverrückbar gelegt. Seit Anfang der siebziger Jahre wohnt Brendel in London. In Wien, wo er entscheidende Jahre verbracht hat, wollte er nicht auf Dauer leben - insofern ist der Nordmähre ein typischer Wiener, der es mit seiner Stadt schwer hat, aber nur wenige schaffen es, sich tatsächlich in ein anderes Klima zu transferieren.
Alfred Brendel entspricht als Pianist so gar nicht der weltweit üblichen Schubladisierung: entweder Poet oder Virtuose, entweder Schumanns verträumte Emphase und Brahms´ herbstliche Einkehr, oder Liszts transzendentale Etüden, Tschaikowskys und Rachmaninows Oktavengewitter. Mit den letzteren beiden »ows« kann er gar nichts anfangen, aber den Vater aller pianistischen Virtuosität, Franz Liszt, liebt er und hat ihn zu einer Zeit gespielt, als der von ernstzunehmenden Künstlern eher verachtet wurde. Auf der anderen Seite hat er seine große Hörergemeinde vor allem mit Mozart, Beethoven und Schubert gewonnen, das Schönbergsche Klavierkonzert aber ebenfalls Widerstrebenden aufgenötigt.
Zur Münchner Frühjahrsbuchwoche kommt Alfred Brendel nun nicht in erster Linie als Pianist, sondern als Autor, obwohl man auch hier keine strikte Zweiteilung vornehmen darf. Zu schreiben begann er über Musik. Der große Leser Brendel merkte, daß ihm das Formulieren leicht von der Hand ging. Er merkte auch, daß es Fragen gab, auf die es in der Literatur keine befriedigenden Antworten gab: was ist das Eigen- und Einzigartige an Schuberts späten Klaviersonaten, was das Neue am Stil des späten Beethoven, warum hat sich noch niemand mit dem Phänomen des Humors in der Musik beschäftigt? Mit Essays zu diesen und anderen Fragen wurde er bekannt, weit über seine englische Heimat hinaus, wo sie zuerst erschienen. Und der Hinweis auf den Essayisten Brendel wird zunehmend notwendiger, denn in den letzten Jahren tritt dieser in den Hintergrund, und der Lyriker Brendel erobert sich neue Leser und auch Hörer. Auf einem langen Flug, so schildert er es selbst, kam im Halbschlaf die Inspiration zu seinem ersten Gedicht, überfallsartig, wenn auch nicht im Sinne einer »écriture automatique«, denn Brendel feilt, ´komponiert´ lange und penibel an dem, was ihm Sprachlust, Sprachwitz, Situations-Absurditäten eingegeben haben. Entstanden sind poetische Gebilde, Figuren, Gruppen, Begebenheiten, die sich fest eingraben. Da sind die Huster von Köln, die sich mit den New Yorker Niesern und den Frankfurter Jungpfeifern zu einer die Konzertwelt belebenden Arbeitsgemeinschaft zusammengetan haben, da ist die Familie Brezel mit ihren sabbernden Hunden, da ist Herr Lachmann von der Firma Lachmann und Witz, bei dem es ein Hochzeitslachen schon durchaus preiswert gibt, während das glückliche Lachen, weil so enorm schwer, deutlich teurer ist. Die Jahressitzung des Ambivalenzvereins wird ebenso präzise geschildert, wie der heilige Steinway zu seinem 150. Geburtstag besungen wird. Musik im weitesten Sinne spielt in diesen Gedichten (jüngst zusammengefaßt in dem Band Spiegelbild und schwarzer Spuk, Hanser 2003) eine wichtige, aber statistisch eher geringere Rolle, Un- und Tiefsinn wechseln sich ab und gehen auch Hand in Hand, Engel und Teufel haben eher die Überhand über schwarze Noten und weiße Tasten. Alfred Brendel hat einen ganz eigenen lyrisch-skurrilen Weg gefunden, aphoristisch gewiß von Lichtenberg und lyrisch von Morgenstern ausgehend, aber sich erweiternd angeregt fühlend durch die Zeichnungen und Cartoons von Edward Gorey und Gary Larson, die Situationsabgründe von Ionesco und Beckett und die Filme von Chaplin, Keaton, Bunuel und Woody Allen (mit dem er auch schon mal physiognomisch verwechselt wurde). Der Pianist Alfred Brendel spielt auch als lyrischer Virtuose auf der Klaviatur des Skurrilen, Absurden und Grotesken mit bewunderungswürdiger Anschlagskultur.

Lesung und Gespräch mit Alfred Brendel am 8. März im Literaturhaus. Gesprächspartner: Jens Malte Fischer



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