13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Sprechen als Musik
Neue Soli, Duos und Trios – u.a. die Uraufführung der Lautgedichtfolgen von J.A. Riedl –
mit Jaap Blonk, Anna Clementi und Michael Lentz
am 12. März in der t-u-b-e, Einstein.

- »rorareirauriererorareirauriero«
- Heißt was?
Heißt erst einmal gar nichts. Bedeutung indes steckt hinter dieser Buchstabenfolge, die an einen harmlosen Abzählreim erinnern könnte, durchaus. Um dem näher zu kommen, ist es jedoch nötig, sich von der bloß visuellen Aneignung dieser scheinbar sinnfreien Zeichenkette, an der sich das lesende Auge entlangtastet, zu lösen und an dessen Stelle den Wechsel der Wahrnehmungsebene zu fokussieren, der sich beim Übergang vom stummen Lesen zum Nachsprechen vollzieht. Aus einer Folge von gelesenen Buchstaben wird eine Folge von hörbaren Lauten. Zwar gemahnen diese Laute noch an Sprache, aber durch die Herauslösung aus semantischen Zusammenhängen wird ihr klangliches Potential freigesetzt. Und damit kommt ihnen eine neue Qualität zu. Sie werden musikalisches Material, komponierbar wie jeder andere Klang auch: Sprechen als Musik.
»Zwei Lautgedichtfolgen« hat Josef Anton Riedl seine Komposition »rorareirauriererorareirauriero« genannt. Und mit dem Begriff des Lautgedichtes ist auch zutreffend jene Amalgamierung von Sprache und Musik bezeichnet, deren Wurzeln im Dadaismus liegen und die zur Herausbildung eigenständiger Formen geführt hat. Dabei waren es gleichermaßen Komponisten wie Literaten, die zur Entwicklung der Gattung der Lautpoesie beigetragen haben. Zu nennen wären Namen wie Raoul Hausmann als einer ihrer Begründer, Ernst Jandl, Gerhard Rühm, Dieter Schnebel, Josef Anton Riedl oder - aus der jüngeren Generation - Michael Lentz, Jahrgang 1964, und der 1953 in Holland geborene Jaap Blonk, der zu den international profiliertesten Vertretern der Lautpoesie gehört. Er arbeitet im Bereich der Neuen und der improvisierten Musik, wobei er in seinen Vokalstücken immer wieder die Grenzen sprachlicher Semantik auslotet.
Diese nur bruchstückhafte Aufzählung, die immerhin ein knappes Jahrhundert überspannt, legt nahe, hier von der Herausbildung einer Tradition der Lautpoesie zu sprechen. Doch wäre dies allein schon wegen der im Begriff der Tradition impliziten Rückbezogenheit unscharf. Könnte es doch suggerieren, es gäbe hier so etwas wie eine reine Lehre. Tatsächlich jedoch scheint den Protagonisten dieser Kunstgattung bis heute viel eher ein ungebändigter Entdeckertrieb eigen, der immer wieder aufs Neue auf Entgrenzung statt auf Abgrenzung zielt. Dies zeigt sich allein schon in deren Affinität zu neuen technischen Errungenschaften. So wurden zunächst das Tonband, später der Sampler und schließlich der Computer maßgebliche und auch formbildende Werkzeuge, mit denen die Lautpoeten experimentierten. Auch in den Lautgedichten von Josef Anton Riedl finden sich Aspekte, die auf seiner Auseinandersetzung mit der elektronischen Musik beruhen. Riedl, der heute u.a. die »Klang-Aktionen« gestaltet, setzte sich schon früh mit der aus Frankreich stammenden »musique concrete« auseinander und schuf eine Vielzahl von Tonbandkompositionen. Dabei wurden die Schnitt- und Montagetechniken der frühen elektronischen Musik für seine Lautkompositionen ebenso bestimmend wie die Einbeziehung von Umweltklängen und Geräuschen sowie der Medienmix. Auch in den zwei Lautgedichtfolgen »rorareirauriererorareirauriero« bleibt Riedl nicht beim Sprachklang allein. Hinzu kommen Geräusche wie Händeklatschen und –reiben, Stampfen und schließlich, in der zweiten Folge, CD-Einspielungen elektronischer Musik, Sprechen, Singen, Schreien sowie Klänge und Geräusche der Industrie, die elektronisch verarbeitet wurden. Das Sprachmaterial ist eine Buchstabenfolge, die er willkürlich einer Radiozeitschrift entnommen hat und – wie auch schon in früheren seiner Lautgedichte - ein Satz, aus Büchners »Leonce und Lena«, dem für diese Kunstgattung an der Grenze zwischen Sprache und Musik eine geradezu metaphorische Qualität zukommt: »Vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.«
Gewidmet hat Riedl diese Komposition den beiden Vortragenden: Anna Clementi und Michael Lentz, mit denen ihn eine langjährige Zusammenarbeit verbindet. Anna Clementi studierte u.a. Querflöte, Schauspiel, Jazzgesang sowie experimentelle Vokalmusik und zeitgenössisches Musiktheater. Neben ihrer Zusammenarbeit mit Dieter Schnebel, sowohl als Solistin als auch im Ensemble »die maulwerker«, hat sie sich besonders mit der Arbeit von John Cage auseinandergesetzt, dessen Werke für Stimme sie weltweit auf zahlreichen Festivals aufgeführt hat. Ihr Repertoire umfaßt Neue Musik, Freie Improvisation, Jazz, Performance Art, und ebenso Chanson, House und Dub. Michael Lentz ist einer der vielseitigsten deutschsprachigen Autoren. Der Ingeborg-Bachmann-Preisträger hat Lyrik und Prosa veröffentlicht (u.a. 2002 Muttersterben, 2003 den Roman Liebeserklärung), ist Musiker (Sprecher, Saxophonist) und Interpret von experimentellen Texten und Lautgedichten. Im Zuge seiner Promotion verfaßte er die wohl umfassendste Arbeit über »Lautpoesie nach 1945« und ist seit 1996 Kurator der Veranstaltungsreihe »SOUNDBOX. Akustische Kunst« in Salzburg und München.

Ulrich Müller



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