13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Sch’ma
Text-Musik von Klaus-Hinrich Stahmer, Tzvi Avni und Morton Feldman
nach Dichtungen von Primo Levi, Jehuda Amichai und Franz Kafka
Uraufführung mit Thomas Holtzmann (Stimme), Stefan Eblenkamp (Vibraphon, Percussion) und Zuspielband
Am Dienstag. 9. März, 20.30 Uhr, im Gasteig/Black Box

Mit »Sch’ma Jisroel«, Höre Israel – das zentrale jüdische Gebet, beginnt der Gesang der todgeweihten Juden am Schluss von Arnold Schönbergs »Ein Überlebender aus Warschau«. Es ist Aufforderung zum Hinhören, zu einem Vernehmen, das Hoffnung und Erinnerung birgt. So wurden durch die Jahrtausende Botschaften weiter gegeben. Dieses »Sh’ma« ließ nicht mehr los. Es hat kommende Literatur (Adorno fragte gar nach der Möglichkeit von Lyrik nach Auschwitz) ebenso beeinflusst wie die Musik, die schon immer das aufmerksame Hinhorchen, das Wahrnehmen zur ureigenen Sache machte.
Hier, im erinnernden, im nachdrücklichen Vernehmen treffen sich Literatur und Musik auf ganz besondere Art. Das mag den Komponisten Klaus Hinrich Stahmer zu dem Projekt einer Verknüpfung von Texten (Primo Levi, Jehuda Amichai und Franz Kafka) mit Musik Morton Feldmans, Tzvi Avnis und Stahmers selbst angeregt haben. Es ist keine Collage, auch kein spartenübergreifend multimediales Anliegen liegt vor. Gedacht ist an einen Prozess gegenseitiger Verdichtung und Vertiefung: Musik als Echo der Sprache, Sprache als Reflex der Musik.
Klaus Hinrich Stahmer wurde 1941 in Stettin geboren und erlebte als Kind das Schicksal der Vertreibung, der Entbehrungen und Tragödien, das das nationalsozialistische Deutschland heraufbeschworen hatte. Der Begriff des sozialen Komponierens begleitete seit jeher sein schöpferisches Tun. So verwundert es auch nicht, dass Stahmer immer wieder die Nähe zu anderen Medien, zu anderen Formen der Kunst sucht. Auf einem jüdischen Friedhof vor den Toren Würzburgs fand er Grabsteininschriften, die über private Schicksale berichten und zugleich Tore in viele Richtungen aufstoßen: hin zu prophetischen Ängsten Kafkas, zur mahnenden Erinnerung Primo Levis oder zur tief betroffenen Lyrik Jehuda Amichais... Alles ordnet sich im Schlagwerkstück mit CD-Zuspielungen »che questo è stato« zu einem Komplex, in dem geschichtliches und heutiges Bewusstsein sich vielgestaltig eng begegnen.
Solches aber trägt Keime des Weiter-Wachsens. Das Stück »The King of Denmark« des jüdischen Komponisten Morton Feldman (1926-1987) erinnert mit leiser Gegengewalt an Christian X. von Dänemark, der aus Protest gegen die nationalsozialistischen Besatzer sich selbst einen Judenstern an den Mantel heftete. Die Musik (eines der leisesten Schlagzeugstücke der Musikgeschichte) tut dies nicht im programmatischen Sinne, aber die Energie des stillen Sich-Widersetzens wird gleichsam zum Ausdruck der Komposition. Und die »5 Variations for Mr. K.« für Schlagzeug und Zuspiel-CD des 1927 in Saarbrücken geborenen, heute in Jerusalem lebenden Tzvi Avni gehen, auf Kafka Bezug nehmend, wieder einen anderen Weg. In Zitatschichten und gestisch markanten Zeichen wird eine Welt aus Härte, Verzweiflung, verhetzten Getrieben-Seins und keimender Hoffnung gezeichnet.
So kreisen Wort und Musik um schreckliche Erfahrung und entwickeln zugleich ein vielgestaltig ins Leben drängendes Spektrum. Es ist Trauerarbeit: gedenkend und in die Zukunft weisend.

Reinhard Schulz



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