13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Symposion
Literatur und Musik – Konkurrenz oder Symbiose?
Dialoge: Dietrich Fischer-Dieskau und Jens Malte Fischer, Vera Pavlova und Ilma Rakusa, Vykintas Baltakas und Lydia Hartl
Podiumsgespräch mit Dietrich Fischer-Dieskau, Violeta Dinescu, Hanns-Josef Ortheil und Manfred Trojahn
Moderation: Dieter Borchmeyer
Am 13. und 14. März im Literaturhaus

Im Vers 361 seiner Poetik hat Horaz Dichtung und Malerei verglichen: »ut pictura poesis …« heißt es da beiläufig: wie die Malerei sei die Dichtung. Das haben die Poeten und Poetiker lange wörtlich, oft zu wörtlich genommen, bis Lessing im Laokoon streng die Grenze zwischen Dichtung und bildender Kunst zog. Derselbe Lessing hat aber eine stärkere wechselseitige Annäherung von Poesie und Musik, vor allem auf dem Feld der dramatischen Kunst, für wünschenswert gehalten. Tatsächlich hat der Gedanke »ut musica poesis«, also die Vorbildlichkeit der Musik für die Dichtung, mit der Ablösung der bis zu Aristoteles zurückreichenden Nachahmungstheorie durch eine Schöpfungs- und Ausdrucksästhetik im 18. Jahrhundert, das »ut pictura poesis«-Prinzip vielfach verdrängt.
Die Frage, in welchem Verhältnis Literatur und Musik zueinander stehen und stehen sollten, inwieweit sie eine Symbiose eingehen können oder Konkurrenten sind, wird Thema des zweitägigen Symposions sein, das in mehreren Zwie- und einem Podiumsgespräch von Musikern und Schriftstellern ausgeleuchtet werden soll.


Prima la musica?
Prima la musica, poi le parole, betitelte Antonio Salieri eine seiner Opern (1786) und postulierte damit die künftig geltende Rangordnung im Bereich der Oper. Die hohe Wertschätzung der Musik - für Friedrich Schlegel »die höchste unter den Künsten« – prägt ästhetische Theorien bis in die Gegenwart.
Drei Künstler - ein Sänger, eine Lyrikerin und ein Komponist - öffnen im Gespräch mit Wissenschaftlern ihre je eigenen Perspektiven auf das Beziehungsgeflecht: Literatur und Musik.

Töne sprechen, Worte klingen lautet der Titel eines Buches von Dietrich Fischer-Dieskau aus dem Jahre 1985, eine »Geschichte und Interpretation des Gesangs« (so der Untertitel) von der frühen Einstimmigkeit bis zur Gegenwart, deren Hauptthema die Wechselwirkung von Sprache und Musik ist. Fischer-Dieskau, eine der prägenden Sängerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, hat sein Leben lang und wie kein zweiter den Gesang, zumal die Liedinterpretation, in den Dienst ingeniöser Textdeutung gestellt. Auch seine zahlreichen Bücher kreisen immer wieder um das Thema des angemessenen Verhältnisses von Wort und Ton, Musik und Dichtung. Der Theater- und Literaturwissenschaftler Jens Malte Fischer, einer der führenden Sängerexperten in Deutschland, wird im Eröffnungsgespräch des Symposions mit Fischer-Dieskau dem Thema der wechselseitigen Erhellung beider Künste und Ausdrucksmedien nachgehen.
Die als Slavistin, Übersetzerin und Lyrikerin mehrfach ausgezeichnete Ilma Rakusa, selbst ausgebildete Musikerin, wird im Gespräch mit der russischen Lyrikerin Vera Pavlova das Kräfteverhältnis von Musik und Lyrik ausloten. Pavlova, die Musik und Komposition studierte und bis heute in die Rubrik »Beruf« Musikerin einträgt, gehört zu den Lyrikern, die – wie in Deutschland einst etwa Clemens Brentano – nicht vom Bild, von der »pictura«, sondern vom Klang der Sprache, ihrer »musica«, ausgeht. Sie schreibt nach dem Gehör, und die Rezitation ihrer eigenen Lyrik wird zu einer Art Gesang.
Das dritte Gespräch führt Lydia Hartl – Kulturreferentin der Stadt München und Autorin zahlreicher Publikationen zur Wahrnehmungspsychologie, zur Medien- und Kunst- und Musikwissenschaft sowie zur Musik – mit dem litauischen Komponisten Vykintas Baltakas, der trotz seiner Jugend ein beeindruckend umfangreiches und vielseitiges Werk vorzuweisen hat. Sein jüngstes Werk, eine Oper, trägt den Titel Cantio (Uraufführung bei der Biennale im April 2004 in München) und setzt sich mit Wirkung und Bedeutung der literarischen Sprache in der Musik auseinander.



Mich dünkt, ’sollt passen Ton und Wort
Das hält Hans Sachs im zweiten Aufzug der Meistersinger Beckmesser vor, als dieser ohne Rücksicht auf die sprachlichen Betonungsverhältnisse den Text seines Ständchens nach rein musikalischen Gesichtspunkten vertont und singt. Jeden Akzentfehler und Verstoß des Tons gegen das Wort ahndet er mit einem Schlag auf die Sohlen des gerade bearbeiteten Schuhpaares. Das Podiumsgespräch wird der Frage, ob und wie Ton und Wort zueinander passen, nachgehen und damit an die zur Diskussion gestellte These »Prima la musica« anknüpfen. Seine Teilnehmer: Dietrich Fischer-Dieskau, die rumänische Komponistin Violeta Dinescu, der Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil und der Komponist Manfred Trojahn. Dinescu und Trojahn sind Musiker, deren kompositorisches Schaffen besonders stark auf literarische Vorlagen und Modelle abgestimmt ist und denen der >Medienverbund< der Künste eminent wichtig ist. So hat Violeta Dinescu eine neue Musik für Murnaus Stummfilm »Tabu« geschrieben. Manfred Trojahn ist nicht nur durch seine Dirigate weltbekannt, sondern auch durch Literaturopern wie »Was ihr wollt« nach Shakespeare, 1998 an der Münchner Staatsoper uraufgeführt, oder die »Limonen aus Sizilien« nach Geschichten von Pirandello und de Felippo. Hanns-Josef Ortheil ist ausgebildeter Pianist, der seine erfolgreich begonnene Karriere aus gesundheitlichen Gründen aufgeben mußte, dessen literarisches Schaffen aber von seinem – heute schon klassischen - Essay Mozart - Im Innern seiner Sprachen bis zu dem Roman Die Nacht des Don Juan in hohem Grade von Musik »durchtönt« ist. Schriftsteller, Komponist und Sänger werden in diesem Podiumsgespräch jeweils von der Warte ihrer Kunst und im Blick auf die anderen Künste das zu leisten suchen, was Goethe »Wiederholte Spiegelungen« genannt hat.

Dieter Borchmeyer



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