13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2004
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Literatur & Musik
Lesungen, Gespräche, Konzerte, Performances und Diskussionen:
Zur 14. Internationalen Frühjahrsbuchwoche in München treffen über 60 Künstlerinnen und Künstler - Schriftsteller, Komponisten und Interpreten - zusammen


»Welcher Dämon drängt den Komponisten unerbittlich zur Literatur? Welche Macht zwingt ihn, notfalls selbst Dichter zu werden? Ist es allein die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, nach jener ursprünglichen Einheit, um die man sich in vergeblichen Bemühungen verzehrt?« Diese Frage des Komponisten Pierre Boulez meint man auch von vielen seiner Schriftstellerkollegen zu hören, die es – umgekehrt - unerbittlich zur Musik drängt. Sie bleibt offen, kann und muß auch keine gültige Antwort finden. Was zählt, das sind die Werke, die vielfältigen Spielarten, die aus Anziehung, Annäherung, Auseinandersetzung zwischen den beiden Schwesterkünsten erwachsen sind und immer neu entstehen. Was Neugier erweckt, das sind die individuellen Antworten – und eigene Fragestellungen -, im künstlerischen Werk oder im Diskurs.

SchriftstellerInnen, KomponistInnen und Interpreten aus dem In- und Ausland kommen zur Internationalen Frühjahrsbuchwoche in München zusammen - zu einem Literatur-Musik-Festival, das die gegenseitige Inspiration beider Künste zum Klingen und Sprechen bringt: in Lesungen, Konzerten, Diskussionen, Performances. Von der mehrstimmigen Vokalmusik des frühen Mittelalters über die Lautpoesie bis zum Rap spannt sich der Bogen, vom großen Komponisten-Roman über den Jazz-Krimi zur Lyrik. Die Frühjahrsbuchwoche konzentriert sich auf die Werke der zeitgenössischen KünstlerInnen; ausgehend davon kommen auch ästhetische und theoretische Fragen in den Blick, ebenso wie die historische Dimension des Themas.

Für das Zusammenspiel der beiden Schwesterkünste liefert die Literatur- und Musikgeschichte – insbesondere seit der Romantik - reichen Stoff. Jahrhundertelang waren, dem antiken Orpheus-Mythos folgend, Dichtung und Musik eins; erst im 18. Jahrhundert beginnt diese Einheit sich aufzulösen, und der romantische »Mythos Musik« begründet entscheidend den Dualismus von musikalischem und sprachlichem Ausdruck. Die Autonomie beider Künste wird Ausgangspunkt zahlreicher ästhetischer Theorien und zur inspirierenden Herausforderung für Künstler, in deren Werken sich die Beschäftigung mit dem jeweils anderen manifestiert: vom Kunstlied der Romantik über Richard Wagners Musikdrama als Gesamtkunstwerk bis zu den Lautphantasien der Dadaisten oder den Romanen von Thomas Mann, James Joyce und Thomas Bernhard. Eine besondere Annäherung von Sprache und Musik vollzieht sich in den Werken der Avantgarde – u.a. in elektronischen Kompositionen - durch Dekomposition und Neustrukturierung des klanglichen und sprachlichen Materials.
Diese Tradition ist ein fruchtbarer Nährboden für die Künstlerinnen und Künstler von heute; intensiver und eigenwilliger denn je scheinen sich Musik und Literatur in der Gegenwart zu begegnen und zu überlagern.
Herzstück der Frühjahrsbuchwoche ist die Literatur: Vorgestellt werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Werk inspiriert ist von Musik, thematisch und nicht selten auch formal: Die niederländische Autorin Margriet de Moor mit ihrem raffiniert komponierten Roman Kreutzersonate, einem Gewebe aus literarischen Anspielungen und musikalischen Bezügen. James Hamilton-Paterson mit seiner motivreichen epischen Partitur Der Traum des Gerontius über den Komponisten Edward Elgar und dessen gleichnamiges Oratorium. Der italienische Schriftsteller und Literaturkritiker Roberto Cotroneo, der mit mehreren Romanen dem Faszinosum Musik nachgegeben und so »eine Musik aus Wörtern« geschaffen hat, »die wir in uns spüren können, selbst wenn wir das Gehör verlieren sollten«, wie ein Kritiker sagte. Alle drei haben Musik studiert, wollten in jungen Jahren Musiker werden: Sängerin, Komponist, Pianist . – Alfred Brendel wurde einer, einer der weltbesten Pianisten, bevor er anfing zu schreiben: Essays über Musik zuerst, dann Aphorismen und Gedichte, abgründige, skurrile lyrische Gebilde, die er mit Sprachwitz und scharfem Blick fürs Absurde komponiert. Eine Ausnahmeerscheinung unter den Schriftstellern ist der »Traumverwirklicher« André Heller, der zunächst als Chansonnier bekannt wurde, bevor er als Multimediakünstler Weltruhm erlangte und von dem nur wenige wissen, daß Schreiben die Konstante in seinem Leben ist. – Als tödliche Macht beschreibt der junge französische Autor Ollivier Pourriol die Musik, in seinem erstaunlichen »Psychothriller« Mephistowalzer , in dem ein Pianist durch äußerst ungeläufige Umstände zu Tode kommt. Kriminalromane ganz anderer, aber ebenfalls besonderer Art stammen aus der Feder des Kaliforniers Bill Moody, der seinen Amateurdetektiv und Jazzpianist Evan Horne auf die Spur ungeklärter Todesfälle durch Milieu und Geschichte des Jazz schickt und bei seinen Lesungen am Schlagzeug die Soundtracks zu den Krimis kreiert. Eine Hommage an den Jazz ist auch But beautiful von dem Engländer Geoff Dyer: Seine poetischen Porträts legendärer Jazzmusiker wie Thelonious Monk und Chet Baker ergeben »das einzige Buch über Jazz, das ich meinen Freunden empfehle«, so der Pianist Keith Jarrett. In die Rockmusikszene mit ihren Mythen und Machenschaften führt Liza Cody, bekannt durch ihre Krimis um Eva Wylie und Anna Lee. Wovon sie in ihrem neuen Roman Gimme more erzählt, das hat sie als Roadie bei »der wahrscheinlich schlechtesten Band von London«, wie sie selbst sagt, bestens kennengelernt. Sie liest und diskutiert mit der Berlinerin Jenni Zylka, die früher eine Frauen-Instrumental-Beat-Band gründen wollte und mit ihrer Fake-Biographie Beat baby beat diesen Traum nun als Autorin verwirklicht hat.

Musikalische Werke, die von Literatur inspiriert bzw. mit Sprache verquickt sind, bilden den Kontrapunkt zur literarischen Dimension der Frühjahrsbuchwoche. Mit der Interpretation von u.a. Benjamin Brittens Les Illuminations nach Gedichten von Rimbaud spüren das Münchener Kammerorchester und die Sopranistin Juliane Banse dem Wechselverhältnis von Literatur und Musik nach; das Hilliard Ensemble, eines der weltbesten Vokalensembles, ist mit Kompositionen aus dem frühen Mittelalter und der Gegenwart zu hören; Dichter und Komponisten wie Walter Helmut Fritz und Siegfried Matthus, Peter Hamm und Dieter Schnebel haben im wechselseitigen Austausch neue Lyrik und Vertonungen geschaffen, und Klaus Hinrich Stahmer verknüpft in seinem Projekt Sch’ma verschiedene Kompositionen der emigrierten Komponisten Morton Feldman und Tzvi Avni mit Lyrik von Primo Levi, Franz Kafka und Jehuda Amichai zu einer eindringlichen, meditativen Textmusik.

So zahlreich die Traditionslinien der Verbindung von Sprache und Musik sind – nie zuvor, so scheint es, waren die Ausdrucksformen verspielter und experimenteller als in unserer Gegenwart der »Grenzüberschreitungen« und »Unreinheiten«. Auch dank neuer technischer Möglichkeiten hat sich ein künstlerisches Spielfeld für Grenzgänger und Entdecker geöffnet: Autoren treten als Musiker oder DJs auf und umgekehrt - wie Thomas Meinecke oder die Gruppe FÖN; das sprachliche und musikalische Material wird zerlegt und neu gemischt – zu hören u.a. bei »Mix of Arts - Art of the Mix«, wenn die Wunderhorn-Lieder von Gustav Mahler, interpretiert von Thomas Bauer und Uta Hielscher, durch Zoro Babel eine erstaunliche Metamorphose erfahren. Worte werden zu Lauten, Klänge sprechen, in dem Soloabend der Stimmartistin Salome Kammer oder bei Sprach-Klang-Akten etwa von Jaap Blonk und Michael Lentz – den gegenwärtig wohl bedeutendsten Lautpoeten - , die zusammen mit der Sopranistin Anna Clementi u.a. Kompositionen von J.A. Riedl uraufführen. Eine ganz andere Art Sprechgesang, der Rap, ist bei der Frühjahrsbuchwoche mit einem »transkontinentalen Gipfeltreffen« der Gruppen Wa BMG 44 aus Dakar und Main Concept aus München präsent.. Text und Sound werden amalgamiert in Hörbildern und Klangcollagen – zu erleben in Ulrike Haages Hörspiel-Performance nach den Tagebüchern der Jules und Jim-Muse Helen Hessel.

Die dritte Säule dieser Frühjahrsbuchwoche bilden diskursive Einblicke in die Beziehung beider Künste: Gespräche und Diskussionen mit und zwischen Künstlern und Musik- und Literaturexperten und ein Vortrag von Joachim Kaiser zur Frage der Verbalisierbarkeit von Musik. Ein von dem renommierten Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer geleitetes zweitägiges Symposion wird die Beziehung Literatur & Musik mit der zugespitzten Fragestellung »Konkurrenz oder Symbiose?« beleuchten; Teilnehmer sind Dietrich Fischer-Dieskau und Jens Malte Fischer, die russische Lyrikerin Vera Pavlova und Ilma Rakusa, der litauische Komponist Vykintas Baltakas und Lydia Hartl sowie die rumänische Komponistin Violeta Dinescu, Hanns-Josef Ortheil und Manfred Trojahn. Der Bayerische Rundfunk ist mit einem Gespräch zwischen dem Schriftsteller Wolf Wondratschek und dem Komponisten und Dirigenten Udo Zimmermann dabei (»Dialoge« in den Kammerspielen) sowie mit der Live-Sendung »taktlos«, bei der u.a. Mauricio Kagel, Eckart Henscheid und Heiner Goebbels zu Gast sind.

Die Internationale Frühjahrsbuchwoche öffnet den Blick für Vielfalt und Fülle der künstlerischen Werke, die aus dem Zusammenspiel von Literatur und Musik entstehen – und sie schafft ein Forum für Begegnung und Austausch zwischen den literarischen und musikalischen »Protagonisten«. Die individuellen künstlerischen Formen und Aktionen, die zu hören und zu sehen sind, und die unterschiedlichen Perspektiven auf das Nah- und Fernverhältnis beider Künste, die zu Wort kommen, versprechen eine Erhellung des komplexen Themas – und spannende, lebendige Veranstaltungen.

Patricia Reimann, Eva Schuster



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