13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Poetische Zeitgenossenschaft
zu Nirmal Varma
von Lothar Lutze

N
irmal Varma wurde 1929 in Simla im heutigen Himachal Pradesh geboren. Er studierte Geschichte an der Universität Delhi. Sein längerer Aufenthalt in Prag (1959-1968) und häufige Reisen, die ihn auch in andere Länder Europas - darunter Deutschland - und in die USA führten, fanden ihren Niederschlag in mehreren Sammlungen von Reiseberichten und bestimmten seine Themenwahl in vielen seiner Erzählungen und Romane: die indische Diaspora im Westen, dargestellt in oft tragischen Einzelschicksalen. Immer wieder aber kehrt er in seinem erzählerischen Werk in die heimatlichen Berge zurück.
Er gilt als Vertreter der realistischen Neuen Erzählung in der Hindiliteratur; in Wirklichkeit ist er ein literarischer Einzelgänger. 1985 erhielt er den Preis der zentralen Literaturakademie (Sahitya Akademi). Im Jahr 2000 wurde er für sein Gesamtwerk mit dem Jnanpith-Literaturpreis ausgezeichnet, der Autoren vorbehalten ist, die in ganz Indien und darüber hinaus höchstes Ansehen genießen. Nirmal Varma wohnt in New Delhi.
»Von hier scheint mir dein Indien genauso weit entfernt zu sein wie mein Deutschland.« Die das sagt, ist Annaji, eine deutsche Immigrantin in Indien in Nirmal Varmas jüngstem Roman Der letzte Wald (2000). In diesem Roman, wie auch in den Erzählungen Traumwelten (Lotos Verlag 1997, aus dem Hindi von Hannelore Loetzke und R.N. Yadav), ist der Autor in seine Lieblingsszenerie zurückgekehrt: die Vorberge des Himalaja. Dort sucht und findet er die geläuterte Atmosphäre, die es seinen Figuren erlaubt, fern vom Lärm der Ebene in wechselnden Gruppierungen Gespräche über letzte Fragen - Krankheit, Alter, Tod - zu führen. Den europäischen Leser erinnert dieses Gegeneinander von 'Wir hier oben' und 'Die da unten', bei allen Vorbehalten, an den Thomas Mannschen Zauberberg, und es ist sicher kein Zufall, daß Nirmal Varmas Werk wieder und wieder zu weltliterarischen Vergleichen einlädt. So hat Der letzte Wald auch etwas von einem Strindbergschen oder Tschechovschen Kammerspiel, in dem das Unausgesprochene, das Schweigen eine zentrale Rolle spielt, und die Tatsache, daß Varmas erzählerisches Werk inhaltlich und atmosphärisch durchaus indisch erscheint, sich dabei aber einer internationalen Ästhetik bedient, erinnert an die Filme des Bengalen Satyajit Ray. Das gilt selbst für Der Brennende Zweig (Lotos 2001), seinen Travelogue über die Kumbh Mela am Ganges, die Pilgerfahrt nach Allahabad, die größte Wallfahrt der Welt, ein urindisches Ereignis.
Trotz seiner internationalen Erlebnisse und Erfahrungen hat Nirmal Varma den indischen Bezug niemals verloren. Er ist überzeugt, daß Indien nur dann wieder zu sich selbst finden kann, wenn es sich auf seine Vergangenheit besinnt, auf altindische Epen und Schriften des Sanskrit. Varma schreibt in Hindi und und handhabt diese Sprache meisterhaft, aber er wehrt sich gegen Versuche, ihn als Autor in einer der einheimischen indischen Sprachen gegen seine englisch schreibenden Kollegen auszuspielen. H. M. Enzensberger sprach einmal von der Weltsprache der modernen Poesie; in diesem Sinne stellt Nirmal Varmas Werk einen Beitrag zur gegenwärtigen Weltliteratur dar - einer Literatur, die, in einer Vielfalt von Sprachen verfaßt, eine Gemeinsamkeit des Denkens und Fühlens teilt, die auf Zeitgenossenschaft beruht.

Veranstaltungen mit dem Autor am 11., 12. und 13. März




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