13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Lahore brennt
zu Bapsi Sidhwa
von Kirsten Martins

Als die Parsen im 8. Jahrhundert vor dem Islam aus dem Iran nach Indien flohen, schickte ein indischer Prinz ihnen einen Boten mit einem Glas Milch entgegen. Symbol für Indien als einer homogenen Menge, die nicht verändert werden will. Als Antwort rührte der Anführer der Parsen etwas Zucker in die Milch: sie würden sich leicht anpassen und die indische Kultur noch versüßen. In den folgenden Jahrhunderten mischten sich die Parsen nie in die religiösen und politischen Angelegenheiten Indiens ein.
Diese Legende erzählt die Parsin Bapsi Sidhwa in ihrem Roman Ice Candy Man (dtv 1990, aus dem Englischen von Ditte König und Giovanni Bandini). Ihre Religion ermöglicht es ihr, aus einer neutralen Position auf die Auseinandersetzungen zwischen Pakistan und Indien, auf die grausamen Ausschreitungen zwischen Hindus, Moslems und Sikhs zu blicken. Sie weiß aber auch, daß »der Sieg auf dem Körper der Frau gefeiert und die Rache am Körper der Frau ausgeübt wird.« So berichtet sie auch immer wieder von Frauenschicksalen auf dem indischen Subkontinent und fuhr 1975 als Pakistans Repräsentantin zum »Asian Women’s Congress«.
1964 reiste Bapsi Sidhwa mit ihrem Mann nach Nordpakistan in die wilden Karakoram Berge. Dort erfuhr sie von einem jungen Mädchen aus dem Punjab, das an ein primitives Bergvolk verkauft worden und geflohen war. Doch ihr Mann und sein Clan jagten sie, und man fand ihren enthaupteten Körper an einem Fluß. Bapsi Sidhwa, Mutter von drei Kindern, die bis dahin nur heimlich geschrieben hatte, begann eine Kurzgeschichte über die junge Frau. Und daraus wurde ihr erster Roman The Bridge. Gleich danach entstand The Crow Eaters, den sie im Selbstverlag veröffentlichte. Die parsische Gemeinde reagierte anfangs wütend auf die Komödie über eine parsische Familie in Lahore. Bapsi Sidhwa spricht darin offen sexuelle Beziehungen und Sehnsüchte an und blickt mit Selbstironie und Humor auf die Lebensgewohnheiten ihrer religiösen Gemeinschaft - und sie beschreibt den politischen Prozess als schmutzig und gemein, unter dem die einfachen Leute leiden, während die Politiker sich daran bereichern. Der 1988 publizierte Roman hatte großen Einfluß auf die indische Literatur. Noch vor Salman Rushdies Midnights children gelang Bapsi Sidhwa die magische Verschmelzung von Fantasie und Geschichte - das Merkmal der in-dischen Fiktion in den 80er und 90er Jahren.
Ihr dritter Roman Ice Candy Man machte sie international berühmt. Im Mittelpunkt das Mädchen Lenny, das Bapsi Sidhwa sehr ähnlich ist. Wie sie hat auch die 12jährige Lenny Kinderlähmung gehabt, wird zu Hause erzogen und liest sehr viel. 1947 beobachtet Lenny in den Straßen von Lahore die bürgerkriegs-ähnlichen Kämpfe zwischen Hindus, Moslems und Sikhs. Die Teilung in ein hinduistisches Indien und ein islamisches Pakistan führte zu einer Völkerwanderung: Sieben Millionen Moslems flohen aus Indien und fünf Millionen Hindus aus dem neu geschaffenen Ost- und Westpakistan. Dabei kam es in den Dörfern und an der Grenze zu schrecklichen Gemetzeln. Lenny beobachtet auf den Strassen und im Park von Lahore, wie ihre zu unterschiedlichen Religionen gehörenden Freunde zu Feinden werden, wie religiöser Fanatismus ausbricht. Sie erfährt, daß die Welt in Kate-gorien und Überschriften zerfällt. »An einem Tage sind alle sie selbst - und am nächsten Tag sind sie Hindus, Moslems, Sikhs, Christen. Die Menschen schrumpfen, laufen zu bloßen Symbolen ein.«
Nach dem Roman Ice Candy Man drehte die kanadisch-indische Regisseurin Deepa Metha ihren großen Spielfilm »Earth«, der im Rahmen der Frühjahrsbuchwoche zu sehen ist. Bapsi Sidhwa erhielt mehrere hochdotierte Preise in Pakistan und in den USA. Sie arbeitete im Beraterstab von Pakistans Premierministerin Benazir Bhutto und lehrt an amerikanischen Universitäten. Seit vielen Jahren lebt sie in Houston, Texas. Aber auch ihr bisher letzter Roman An American Brat beschreibt die Erfahrungen einer jungen Pakistani in den USA. Bapsi Sidhwa sieht sich als Botschafterin ihres Landes. Lange Zeit schien sich die westliche Welt nicht für Literatur aus und über Pakistan zu interessieren. »I was told, that Pakistan was too remote in time and place for Americans or the British life to identify with«, sagt Bapsi Sidhwa. Ihre Romane erzählen die Geschichte ihres Landes, das unerwartet an politischer Brisanz gewann.

Veranstaltungen mit der Autorin am 13., 15., 16. und 17. März




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