13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Identität muß man sich erschreiben
zu Pankaj Mishra
von Claudia Wenner

P
ankaj Mishra, »Entdecker« von Arundhati Roys Gott der kleinen Dinge und Geburtshelfer von Raj Kamal Jhas Das blaue Tuch, veröffentlichte 1999 seinen Debütroman The Romantics (dtsch. Benares oder Eine Erziehung des Herzens, aus dem Engl. von Barbara Schaden. Karl Blessing, 2001), ein bemerkenswertes, nachdenklich stimmendes Buch über die Schwierigkeiten indischer Identität im späten zwanzigsten Jahrhundert. Mishras Figuren leben weder in den urbanen Zentren, noch gehören sie zur aufstrebenden Mittelschicht, was für die indoenglische Literatur eher ungewöhnlich ist. Es sind junge Brahmanen aus kleinen, pro vinziellen Verhältnissen, die ihre ehemaligen Privilegien verloren haben und anders als ihre Eltern nach dem Studium keine der begehrten Stellen im Civil Service bekommen. Herausgefallen aus einer an der Tradition orientierten Lebensweise, wissen sie nicht, wer sie sind, und treiben desorientiert in einer Art Niemandsland. Samar, der naive Antiheld, kommt weder zu sich noch richtig zur Welt. Er ist ein besessener Leser, kann aber sein Buchwissen nicht mit der Wirklichkeit in Verbindung bringen. Er träumt von der weiten Welt, von Erkenntnis und einem geistig aktiven Leben, gibt seine Ambitionen aber sehr schnell auf und zieht sich in einer Art missverstandenem Brahmanentum vorzeitig aus der Welt zurück. Bereits in R.K. Narayans Romanen gibt es viele solcher Figuren, die ihre Individualität nicht entwickeln können und dem Müßiggang verfallen oder Sadhus werden und in die Berge gehen. Sie sind Symptom einer amorphen Gesellschaft im Umbruch, deren Widersprüche sich immer weiter verschärfen. Ironischerweise fehlt jedoch auch den jungen Westlern, die Mishra schildert, die Individualität und Introspektion, für die er plädiert - ihre postbürgerlichen Verlorenheit ähnelt der postkolonialen Desorientiertheit, von der in einem leisen, ein dringlich gleichmütigen Ton erzählt wird, der lange nachwirkt.
Aufgewachsen ist Pankaj Mishra in der nordindischen Provinz Uttar Pradesh. Er lebt heute in Delhi, Mashobra und London und schreibt regelmäßig politische Essays und Literaturkritiken für das Times Literary Supplement, die New York Review of Books, die New York Times und den New Statesman. Als er Butterchicken in Ludhiana: Travels in Small Town India (Penguin 1995) schrieb, eine Reisereportage über die neureichen Zumutungen und die kulturelle Wüste der indischen Provinzstädte, war er 26 und hatte das Land noch nie verlassen. Ihm fehlten damals, wie er selbstkritisch erklärt, nicht nur eine klare Haltung gegenüber seiner Rolle als schreibendem Ich, sondern auch die außerindischen Vergleichsmaß stäbe, die er für essentiell hält. Deshalb hat er sich sehr schnell von diesem Buch distanziert. Regelmäßig Englisch spricht er erst seit dem 19. Lebensjahr, aber seine Bücher hätte er trotzdem nicht auf Hindi schreiben können. Während indische Autoren sich früher noch ganz bewußt für ihre erste Sprache entschieden, besteht diese Option heute kaum noch. »Indien ist kulturell viel abhängiger vom Westen als früher. Die nationalistischen Strömungen, die sich aus der Unabhängigkeitsbewegung speisten, waren zu meiner Zeit fast versiegt. Ich gehöre zu einer globalisierten Generation und wuchs vor allem mit europäischer und russischer Literatur auf.« Er schreibt für Leser, die die selben Bücher schätzen wie er - Flaubert beispielsweise, Turgenew und Tschechow, von denen er gelernt hat. Schreiben ist für ihn ein geistiges Abenteuer, es bedeutet, Zusammenhänge zu er forschen und sichtbar zu machen und dabei zu einer eigenen Identität zu finden, die im postkolonialen Indien nicht ganz einfach ist. Momentan arbeitet er an einem Buch über Buddha, in dem er noch unvermittelter erzählen will: »Ich bin aufgewachsen, wo Buddha vor 2500 umherzog, diese Gegend ist für mich Geschichte, mit der ich mich verbunden fühle, die einzige vielleicht.«

Veranstaltungen mit dem Autor am 10. und 11. März




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