13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Askese, Ekstase, Analyse
zu Sudhir Kakar
von Vanamali Gunturu

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ibt es so etwas wie die 'Mentalität' oder 'Psyche' eines Volkes? Oder ist es nur ein Klischee, wenn wir von der orientalischen oder indischen Mentalität sprechen? Angesichts wachsender Beziehungen zwischen Indien und Europa tut eine Diagnose Not, und kaum jemand ist besser für diese Aufgabe gerüstet als Sudhir Kakar.
Geboren in Indien im Jahre 1938, mitten im Freiheitskampf gegen die britische Kolonialherrschaft, wurde Kakar schon als Kind Zeuge der politischen Umwälzungen, der Befreiung und Teilung seines Landes und des Hasses zwischen Hindus und Muslimen - ein Thema, das er in seiner Studie Gewalt der Frommen behandelt. Nach einem Maschinenbau-Studium in Indien kam Kakar nach Europa, wo er sich in Frankfurt und Wien das Instrumentarium der Freudschen Psychoanalyse aneignete. Sudhir Kakars Bücher sind von der Psychoanalyse geprägt. Man sieht, dass er sich die Freudsche Lehre angeeignet, ja sie sogar überwunden hat. Geprägt von seiner indischen Herkunft, sucht Kakar den Zugang zur Analyse und umgekehrt, aus ihr heraus den Schlüssel zur indischen Psyche. Das Ergebnis sind tiefe, manchmal gewagte Einblicke in beide Bereiche.
Seinen Sachbüchern mit Überlegungen zur indischen Psyche liegt immer eine Frage zugrunde: Wenn man von der unterschiedlichen Mentalität der Inder und Europäer spricht, worin liegen dann diese Unterschiede und woher rühren sie? In seinen Untersuchungen arbeitet Kakar eine psychoanalytisch wichtige These heraus. Der Ödipuskomplex und der Kastrationskomplex, die bei der Entschlüsselung der europäischen Psyche eine wichtige Rolle spielen, sind im indischen Kontext von geringerer Bedeutung. Hier ist eher die Rolle der 'Großen Mutter' - Devi - entscheidend. Die intime Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind in seinen frühen Jahren und eine nachsichtige Kultur, die keine Anforderungen ans Kind stellt (nach den heiligen Schriften werden dem Kind alle normativen Erwartungen erlassen, bis es sieben Jahre alt ist!) formen die indische Psyche grundlegend (Kindheit und Gesellschaft in Indien und Intime Beziehungen). Daraus entwickeln sich Charakterzüge wie: das Gefühl relativer Zeitlosigkeit, das entspannte Erkennen von Stimmungsschwankungen, die Toleranz gegenüber widersprüchlichen, undeutlichen Impulsen. Die relativ lange ungestörte Zweierbeziehung zur Mutter hat zur Folge, dass das Kind erst spät lernt, sich von der Mutter zu unterscheiden. Erwachsene Inder neigen daher, laut Sudhir Kakar, eher zu primären Denkprozessen (Denken in visuellen und sensuellen Bildern) als zu sekundären Denkprozessen (Denken in abstrakten Begriffen) wie Europäer. Damit bestätigt er die weit verbreitete Meinung, Inder seien gefühlsbetonter und weniger rational als die Europäer. Positiv an dieser psychischen Beschaffenheit sind: die lässige Haltung zum Leben, das Zutrauen zu Mitmenschen, die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen oder anzubieten.
Erfahrungsgemäß sind Inder, ihre Züge, Busse, Flugzeuge furchtbar unpünktlich. Inder scheinen Vereinbarungen nicht einzuhalten. Gesellschaftliche Normen gibt es viele in Indien, aber viele bleiben unbeachtet. Das treibt Europäer zum Wahnsinn. Kakar macht dazu eine interessante Bemerkung: In der indischen Psyche sei die verinnerlichte moralische Instanz, das Superego, nicht gut ausgebildet und schwächer von der Quelle der Triebe, vom Es, unterschieden. Anstelle einer inneren 'Schildwache' gebe es viele äußere 'Wächter'.
Es ist Kakars Verdienst, dass er psychoanalytisches Licht auf indische Mythen und Sagen wirft und Umrisse der indischen Psyche freilegt. Irgendwann stellt sich jedoch die kritische Frage, ob jeder Gott und Dämon des Hinduismus nur analytisch zu entschlüsseln ist. Kakar behandelt diese Frage in seinem faszinierenden Werk The Analyst and the Mystic, der Biographie des indischen Heiligen Ramakrishna Paramahamsa. Aber Zweifel bleiben: Kann die Psychoanalyse auch mystische Phänomene erklären? Sind nicht ihre naturwissenschaftlichen Ansprüche und Thesen hinderlich?
In Hochform ist Sudhir Kakar im Buch Gewalt der Frommen, seinen Analysen der Hindu-Moslem-Unruhen in Hyderabad (1997 bei C.H. Beck, aus dem Englischen von Barbara Hörmann). Hier merkt man, dass er kein trockener Sachbuchautor ist, seine packende Erzähltechnik belebt die Untersuchung verfeindeter Religionsgruppen. An anderer Stelle (Intime Beziehungen) gesteht Kakar offen die enge Verbindung von Psychoanalyse und Erzählen: »...im Grunde gesehen ist die Psychoanalyse das Erzählen und das Wiedererzählen der Geschichte eines bestimmten Lebens.«
Sein erster Roman Kamasutra oder Die Kunst des Begehrens ist die fiktive Biographie des Kamasutra-Verfassers Vatsyayana und ein Kommentar zu dessen Aphorismen über Erotik. Der Mystiker oder Die Kunst der Ekstase beschäftigt sich mit der Biographie des indischen Heiligen Ramakrishna Paramahamsa und seines Schülers Vivekananda, der aus der mütterlichen Obhut über eine westliche Schulbildung an einen Guru gerät und letztlich zum Führer einer nationalistischen Bewegung wird (beide Bücher bei Beck, 1999 und 2001, Ü: Nathalie Lemmers).
Sudhir Kakar sieht sich ungern als Analytiker, der Romane schreibt, er sagt: »Ich bin Psychoanalytiker und Romancier.«

Veranstaltungen mit dem Autor am 14., 15. und 16. März




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