13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
Kurzinfo
Einführung
Autorinnen und Autoren
Gesprächspartner / Moderatoren ...
Veanstaltungskalender
Lesenächte, Symposien ...
Begleitveranstaltungen / Ausstellungen
Kinderprogramm
Filmprogramm
Artikel
Impressum
Veranstalter
Presseschau
Archiv
Home

Nächtliche Dialoge
zu Raj Kamal Jha
von Cornelia Zetzsche

Die Nacht gehört ihm. Schon als Kind fand er nachts Zuflucht vor dem Lärm des Alltags. Wenn das Haus schläft, die Straße versinkt in Stille, unterm Lichtkegel der Lampe, sitzt Raj Kamal Jha dann, wie das namenlose Ich seines ersten Romans Das Blaue Tuch: ein einsamer Mann, den die Vergangenheit einholt, als er vom Tod der Schwester erfährt und für das Baby, das sie hinterließ, die Familientragödie notiert. Eine Nacht lang vergräbt er sich in Sehnsüchte, Ängste, Bilder, Klänge, Momente einer grausamen Kindheit, in Träume und Traumata aus Alkohol, Gewalt und der Liebe zur Schwester unterm Blauen Tuch, dem Himmel über der imaginären Welt der Geschwister. Natürlich ist das nächtliche Schreiben eine Suche nach sich selbst. Natürlich sind Brutalität, Kindsmißbrauch, Inzest tabu im familienorientierten Indien. Das Besondere an Jhas Debüt sind aber nicht mal diese provozierenden Themen, es ist vor allem die in Dunkelheit getränkte, geheimnisvoll-flirrende Stimmung. Mitten in der lärmenden, überfüllten 12 Millionen-Metropole Kalkutta schafft Jha Intimität. Ein paar Farbtupfer nur, hier ein Fähnchen, da ein Hupen, dort die Tauben im Käfig dicht gedrängt wie die Menschen in ihren Wohnungen, genügen für das schemenhafte, mysteriöse Bild von Kalkutta. Rushdies Mitternachtskinder eröffneten Raj Kamal Jha, daß Englisch nicht nur Schulfach ist, vielmehr künstlerisches Medium im vielsprachigen Indien. Aber die Magie Rushdies, das Bilder-bunt Arundhati Roys sind Jha fern. Näher liegt der Vergleich mit dem Nou-veau Roman, auch wenn Jha Natalie Sarraute etwa nie gelesen hat. Auch sein Roman-Ich erzählt eine Geschichte vom Erzählen. Losgelöst von Zeit, Raum und Milieu, definiert es sich im Schreiben des inneren Monologs. Die Handlung bleibt Fragment.
»Völlig unindisch«, findet die literarische Establishment Indiens den Senkrechtstarter mit der Struwwelmähne, der - völlig unindisch - darauf verzichtet, sein Haar mit Pomade zu glätten, der Kastenregeln bricht, auf Englisch schreibt - schockierend erfolgreich. Aber wer aus einem Dorf in Bihar kommt, wird nicht akzeptiert als Bengali. Untypisch war der sechsstellige Vorschuß von Picador London, die Übersetzung des Debüts in 13 Sprachen, der Commonwealth Prize, sogar Platz 3 in anglo-indischen Bestsellerlisten. Die Eltern hatten ganz andere Hoffnungen. Immerhin absolvierte Raj Kamal Jha das Indian Institute of Technology, die Eliteschule für Privilegierte mit Garantie auf gut dotierte Jobs. Aber Raj wollte schreiben, folgte einem Stipendium in die USA und ließ die Eltern ahnungslos, daß aus dem Ingenieur ein Journalist wurde. Heute ist Raj Kamal Jha Executive Editor des »Indian Express«, an der Spitze einer großen Tageszeitung mit kritischem Blick auf die konservative Regierung und den Konsumrausch der neuen Mittelschicht. »Wir sind wie Kinder im Spielzeugladen, die alles haben wollen, seit sich Indien vor 10 Jahren wirtschaftlich öffnete und alles zu haben ist«, sagt Jha, der sensible Analytiker, der Kalkutta als sterbende Stadt sieht. In einem wohlhabenden Vorort Delhis lebt er heute, spricht Maithili mit den Eltern, Bengali mit seiner Frau, Hindi mit allen andern, Englisch im Job. Immer an zwei Telefonen gleichzeitig, schickt er Korrespondenten in alle Krisenregionen des Landes, zum Erdbeben oder nach Kaschmir, immer mit dieser sanften Entschiedenheit, der leisen Ironie. Der Tag gehört der Politik, nachts versetzt Jha die aus den Angeln gehobene Welt in fiktive Sphären. »Es war einmal...« beginnt sein zweiter Roman, der wieder bei Picador London erscheinen soll und mehr noch als der erste flirrt zwischen Traum und Wirklichkeit. If You Are Afraid of the Heights führt auf verwirrend irrealen Pfaden in eine Metropole, in der eine Seuche ausbricht; in eine Kleinstadt, wo ein mißbrauchtes, totes Kind gefunden und eine Reporterin den Mord aufdecken wird; und in ein Gebäude, dessen gläserne teleskopartige Wände das 500 Meilen entfernte Meer ganz nah heranholen. Der Roman ist »die Geschichte von Menschen, die im Geiste weite Entfernungen zurücklegen müssen, damit sich ihre Herzen begegnen können«, schreibt Raj Kamal Jha, schlaflos, bis fünf Uhr früh, im Schein der Lampe, in der Stille der Nacht.

Veranstaltungen mit dem Autor am 10., 11. und 12. März



Internationale Frühjahrsbuchwoche München Landeshauptstadt München Kulturreferat