13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Foto Ranjit HoskoteDas Archiv des Schlafwandlers
zu Ranjit Hoskote
von Ilija Trojanow

Ranjit Hoskote folgt einer Tradition, die er selbst entfaltet. Das Referenzsystem seines Schreibens ist von so eklektischer Eigensinnigkeit, dass einem schwindlig werden könnte. Er verknüpft Familienerinnerung mit Weltgeschichte, den Dialog mit der mystischen Dichterin Lal Ded aus dem Kaschmir des 15. Jahrhunderts mit der poetischen Vereinnahmung der Gemälde von Giorgio de Chirico und Francis Bacon. Eine Auswahl der Bezüge in seinem letzten Gedichtband The Sleepwalker’s Archive (Bombay 2001) mag die Reichweite seines (neu-) gierigen Interesses verdeutlichen: Kloster Pernegg, Lawrence von Arabien, Doppler und sein Effekt, die Verbotene Stadt in Peking, Seleukos Niketor, Flaubert, Chopin und Magritte, Kabir, Minotaurus und Mujaheddin, Benares und Wittgenstein. In seinen Gedichten offenbaren sich durch Nachbarschaften Verwandschaften, die immer wieder der jeweils eigenen Weltsicht, den herrschenden Meinungen widersprechen, und dadurch den Leser auffordern, seinem Denken neue Horizonte und Perspektiven zu gewähren. Diese Technik erinnert an die Parabeln von Sufi-Mystikern oder an die Gedichte des mittelalterlichen Kabir, der seine Zuhörer existentiell zu provozieren versuchte, indem er Sinn und Sprache auf den Kopf stellte, bis an die Grenze des Surrealen oder gar des Nonsens. Ranjit Hoskote, ein mitfühlender Skeptiker, geht nicht so weit - dazu fehlt es ihm an der missionarischen Motivation.
Manche Kritiker vermerken bei seinen Gedichten den fehlende Bezug zu Indien. Tatsächlich fehlen bei ihm Orientalismen, spirituelle Anwandlungen oder Rhythmen, die manche Leser von einem »typisch indischen Dichter« erwarten mögen, aber wenn er etwa dichtet: »In einen Witwenwald taumle ich hinein/ wo von Frauen geborene Bäume/ die Messer der Dürre erleiden«, dann ist der Ausgangspunkt offensichtlich in der Gegenwart seines Landes verankert. Allerdings überrascht Ranjit Hoskote den Leser auch bei diesem Gedicht (»Dem Pferdezähmer folgen«). Mit ein, zwei Metaphern überspringt er die Distanz zwischen Moderne und Urzeit und führt uns in eine Stammesgesellschaft mit ihrer archaischen Erfahrungswelt - zu den fernen Vorfahren aus Zentralasien, die aus Innereien des geopferten Ochsen die Zukunft lasen und die ihre größten Bauwerke aus Schädelköpfen errichteten. Schließlich wird der Pferdezähmer gebeten, die »erfrorenen Stümpfe meiner Sprache zu schärfen«, womit der Dichter seine Exkursion in die Vergangenheit bei sich selbst enden läßt.
Ranjit Hoskotes intensive Beschäftigung mit dem Buddhismus und dem Hinduismus (er hat z.B. jahrelang die von ihm eingerichtete religiöse Kolumne »Speaking Tree« in der Times of India betreut) schärfte seine Sensibilität für Gemeinsamkeiten, für die Einheit allen Seins, für das Netz Indras, durch das alles und alle miteinander verknüpft sind. Das bezeugen seine Gedichte, aber auch seine Arbeit als Kunstkritiker und -Kurator, als Dozent und Sekretär des PEN-Clubs, als Redakteur der renommierten englischsprachigen Tageszeitung The Hindu, als Übersetzer sowie als Herausgeber, zuletzt einer Anthologie zeitgenössischer indischer Dichtung. Und in jeder dieser Tätigkeiten legte er eine originelle Virtuosität an den Tag. Das Archiv des Schlafwandlers gebärt offensichtlich Wunder.

Veranstaltungen mit dem Autor am 8., 13. und 14. März



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