13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Foto Sunil GangopadyayDie Entdeckung des Alltäglichen
zu Sunil Gangopadhyay
von Christian Weiß

Wer sich einmal längere Zeit in Kalkutta aufgehalten hat, wird überrascht bemerkt haben, welche Bedeutung die Literatur für die Bewohner der indischen Millionenstadt hat. Überrascht, weil Kalkutta hierzulande mehr für seine Slums und die Armut der Menschen bekannt ist als für sein kulturelles Leben. Doch ist es kein Zufall, dass Rabindranath Tagore, der berühmteste indische Dichter des 20. Jahrhunderts und erste Literaturnobelpreisträger des Landes, gerade in dieser Stadt lebte. Lange Zeit dominierte Tagore das literarische Leben Kalkuttas. Doch als er 1941 starb, gab es viele junge Dichter, die versuchten, in der Lyrik, der Prosa und der Dramatik neue Wege zu beschreiten.
Zu dieser neuen Dichtergeneration gehörte auch Sunil Gangopadhyay (geb. 1934). Als Neunzehnjähriger gründete er die Zeitschrift »Krittibas«, die zum wichtigsten Forum der jungen Poeten der 50er Jahre wurde. Es war eine Zeit des mutigen Experimentierens mit Form und Inhalt. Die Gedichte wurden nun vorwiegend in der Umgangssprache geschrieben, auch Slang-Ausdrücke wurden verwendet, und man schrieb mit Vorliebe über Themen, die bisher tabu waren.
Nachdem er als Dichter schon bekannt geworden war, begann Sunil Gangopadhyay, auch Prosa zu schreiben, um von seinen Büchern leben zu können. Aber am liebsten, so gestand er mir vor einigen Jahren in einem Interview, würde er nur Gedichte schreiben. Das Publikum jedenfalls begrüßte seinen Entschluß sehr: Gangopadhyays Romane erreichten so hohe Auflagen, dass er heute der meistgelesene bengalische Gegenwartsautor ist.
Vielleicht liegt das Geheimnis seines Erfolgs bei bengalischen Leserinnen und Lesern darin, dass Sunil Gangopadhyay nicht nur anschaulich und fesselnd erzählt, sondern dass seine Romane auch immer wieder lyrische Passagen enthalten. So etwa der Roman Pratidwandi (dt. Der Widerläufer, aus dem Bengali von Alokeranjan Dasgupta, Lotos Verlag 2002): Er handelt von Siddhartha, einem verträumten jungen Mann, der in den Protestbewegungen der 70er Jahre versucht, in Kalkutta über die Runden zu kommen. Die Verfilmung dieses Romans durch Satyajit Ray machte den Autor noch bekannter.
Auch die Literaturkritiker konnte er mit seinen Erzählungen überzeugen. Als ein Meisterwerk moderner Prosa gilt etwa seine Kurzgeschichte Shah Jahan und seine Privatarmee. Beschrieben wird der Alltag des Toilettenwärters Haju Shajan. Schon die Themenwahl muss als mutig bezeichnet werden, bedenkt man, dass das soziale Ansehen eines Toilettenwärters in Indien noch niedriger ist als in Europa. Sunil Gangopad-hyay schildert, wie die Herren aus den oberen Gesellschaftsschichten ihre Späße mit Haju Shajan treiben. »Shah Jahan« nennen sie den Gedemütigten, wie den mächtigen Herrscher des 17. Jahrhunderts, der das Taj Mahal erbauen ließ. Doch Haju Shajan beweist, dass er in der Lage ist, sich eine eigene kleine Welt aufzubauen: Seine »Privatarmee« besteht aus Ameisen, die in Reih und Glied die Toilettenwand hinuntermarschieren. Er merkt, dass er die Ameisen zwingen kann, die Marschrichtung zu ändern, indem er ihnen Hindernisse in den Weg legt. Haju Shajan ist glücklich, dass es nun einen Bereich gibt, in dem er das Sagen hat.
Geboren wurde Sunil Gangopadhyay in Ostbengalen, dem heutigen Bangladesch. Nach der Teilung Bengalens im Jahre 1947 emigrierte die Familie nach Kalkutta. In dem 1970 erschienenen Roman Arjun beschreibt er, auf der Basis eigener Erfahrung, das harte Leben einer Migrantenfamilie. Der Protagonist dieses Erzählwerkes trägt den Namen eines Helden des altindischen Epos Mahabharata, dessen Pfeile nie ihr Ziel verfehlen.
Inzwischen ist Sunil Gangopadhyay auch Mitherausgeber der einflussreichen Kulturzeitschrift Desh, seine Popularität ist ungebrochen. Doch seine eigentliche Vorliebe gilt weiter dem Gebiet, auf dem er vor 48 Jahren begann: der Lyrik.

Veranstaltungen mit dem Autor am 8., 10. und 12. März



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