13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Foto Nabaneeta Dev SenEine bengalische Weltenbummlerin und ihr Zuhause
zu Nabaneeta Dev Sen
von Pankaj Chattopadhyay

Schon in sehr jungen Jahren betritt Nabaneeta Dev Sen (geb. 1938) die literarische Bühne von Kalkutta. Bereits in ihrer Studienzeit veröffentlicht sie Gedichte in den renommierten Literaturzeitschriften wie »Kavita« (Dichtung) und »Desh« (Land). Als Jugendliche gewinnt sie einen Dichterwettbewerb. Bei der Preisverleihung flüstert ihr der Vorsitzende - ein bekannter Dichter und Freund des Vaters - ins Ohr: »Na, war’s nicht doch der Papa, der das für dich geschrieben hat?« Natürlich nur ein Scherz, der aber langanhaltende Folgen hat. Bis ans Ende ihrer Studienzeit wird Nabaneeta von dieser Skepsis begleitet. Später gesteht sie: »Das sind die Tücken, die man als Tochter berühmter Eltern zu erdulden hat.«
Vorteile bringt das natürlich auch mit sich. Ihr Vater Narendra Dev zählt zu den bedeutendsten bengalischen Dichtern des vorigen Jahrhunderts, und ihre Mutter beschreibt Nabaneeta selbst als »zweifache Lyrikerin«, denn sie veröffentlicht unter den Namen Radharani und Aparajita. Der letzte Name bedeutet »die Unbesiegbare« und ist der Mutter Künstlername, unter dem sie in Bengalen als Wortkünstlerin sehr geschätzt wurde. Das Haus des Dichterehepaars im Süden von Kalkutta, welches sie mit ihrer einzigen Tochter Nabaneeta bewohnen, trägt den Namen »Bhalo-Basa« - auf Deutsch »Gutes Heim«. Nimmt man den Bindestrich weg und schreibt nur »Bhalobasa«, so heißt das »Liebe«. Was für ein poetischer Name für das eigene Heim! Von Kindesbeinen an sieht Nabaneeta viele Dichterpersönlichkeiten und Schriftsteller im Haus ein und aus gehen. Das veranlasst sie eines Tages zu folgender Äußerung: »Dass auch ich schreibe, ist sicherlich weniger meiner eigenen Begabung zuzuschreiben als vielmehr all diesen inspirierenden Begegnungen!«
Bis zum Ende der Studienzeit bleibt für sie dieser Umgang erhalten. 1957/58 sind für Nabaneeta zwei recht bewegte Jahre. Sie schließt ihr Universitätsstudium ab, veröffentlicht ihren ersten Gedichtband Pratham Pratyay (Erste Prämisse), heiratet den jungen Ökonomen Amartya Sen, dem 1999 der Wirtschafts-Nobelpreis verliehen wird, und reist schließlich zu weiteren Studien nach Europa.
Etwa vierzehn Jahre verbringt sie in England und Amerika. Nabaneeta wird Mutter zweier Töchter, gleichzeitig promoviert sie in Vergleichender Literaturwissenschaft. Sie trennt sich von ihren Mann und kehrt nach Kalkutta zurück. Dort lehrt sie an der Universität Jadavpur, wo sie einst selbst studierte.
Nach ihrer Rückkehr widmet sie sich in verstärktem Maße der Prosa. Sie beschreibt hier ihre Erlebnisse als Weltenbummlerin, entwickelt eine eigenständige Erzählkunst, die so lebhaft und humorvoll klingt, dass der Leser fast das Gefühl bekommt, als säße die Autorin vor ihm. Fast über Nacht wird Nabaneeta Dev Sen zu einer der beliebtesten Schriftstellerinnen in Westbengalen. Ihre Romane und Kurzgeschichten gelten als wahre Fundgruben für indische Realitäten. Bei der Erzählung dablu dablu dablu (www.schmetterling.com) handelt es sich zum Beispiel um eine arrangierte Ehe im Zeitalter des Internets. Ihre Reiseberichte sind wesentlich mehr als nur die topographische Beschreibung einer Stadt oder einer Landschaft. Es sind vielfältige, vielschichtige und authentische Dokumentationen menschlicher Begegnungen. Im Reisebericht Damascus Gate etwa versucht Nabaneeta, den israelisch-palästinensischen Konflikt aus dem Blick-winkel einer arabischen Großfamilie in Jerusalem zu erhellen.
In Nabaneetas englischen Abhandlungen spiegelt sich dagegen die Wissenschaftlerin wider, welche die Literatur komparatistisch auslotet. In ihren belletristischen Essays, die sie ausschließlich in bengalischer Sprache schreibt, tritt die Welt einer Bengalin - zwischen Nostalgie und Emanzipation - zutage.
In ihrer literarischen Prosa wirkt die Künstlerin rastlos und lebendig, witzig und unterhaltsam. Ihre Gedichte dagegen strahlen eine kontemplative Stimmung aus. Sie zeichnet darin eine Welt voller Hingabe und Pathos. Ist das vielleicht ihre innere Welt?
Nabaneeta selbst sagt: »Manche Leute meinen, für mich sei das Dichten eine Art Flucht. Ich bin gegenteiliger Meinung. Dichten bedeutet für mich stets Selbstvertrauen. Jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, dass mir das Leben den Boden unter den Füßen weggerissen hat und mich in einen nasskalten Graben hineinwarf, schrieb ich Gedichte. Sie gaben mir Halt. Es erschien mir, als würde ich an die Hand genommen und ans Licht, in die Wärme, in die Geborgenheit geführt - so wie es Gott tut.«

Das Moskitonetz
Na, wo treibst du dich herum, in Amsterdam oder Mexiko?
Am Mittelmeerhimmel? Oder tanzen die Schatten
deiner leichten Schwingen über dem Atlantik?
Oder räkelst du dich im Himmelbett in Manhattan
im fünfundzwanzigsten Stockwerk?
Hauptsache ist nur, dass du jetzt weder
In Kalkutta noch in Shantiniketan bist.
Fazit: im Moskitonetz bin ich umsurrt

Von blutgierigen Moskitos.

aus: »Svagata Devadut«,
(Willkommen, Engel) Kalkutta 1971,
Übersetzung: Alokeranjan und Trudberta Dasgupta

Veranstaltungen mit der Autorin am 9. und 12. März



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