13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Die Erkundung verborgener Wahrheit
Zu Anita Desai
Von Utta Roy-Seifert

V
on Kindheit an, sagt Anita Desai, sei ihr das Schreiben so natürlich wie das Atmen: ein Bedürfnis. Sie schreibe, um das Wesentliche kenntlich zu machen, um die wie unter dem »Eisberg« der sogenannten Realität verborgene Wahrheit zu erkunden. Deshalb komme in ihren Romanen den kleinen Begebenheiten, flüchtigen Regungen und scheinbaren Nebensächlichkeiten große Bedeutung zu.
Als Tochter eines bengalischen Geschäftsmannes und einer deutschen Mutter 1937 geboren, wuchs Anita Desai in Delhi auf, studierte dort englische Literatur und unterrichtet heute »Creative Writing« am Massachusetts Institute of Technology. Anita Desai wurde mit bedeutenden indischen Literaturpreisen ausgezeichnet, kam zweimal in die Endrunde des renommierten Booker-Preises und ist Mitglied britischer und amerikanischer Akademien.
Im Zentrum ihrer Romane stehen Menschen, die nach dem Ende der britischen Kolonialherrschaft versuchen, zu einer neuen, eigenen Ordnung zu finden oder sich in ihrer brüchig gewordenen Welt zu behaupten. Meist ist es die Welt des gebildeten Mittelstandes, in der zunächst Männer im Vordergrund stehen. Etwa der berühmte alte Urdu-Dichter in dem auch von Salman Rushdie hochgelobten Roman Der Hüter der wahren Freundschaft (List Verlag) und sein ehrfürchtiger Bewunderer, der - ausgerechnet Hindi unterrichtende - Lehrer Deven, der jedoch jämmerlich versagt in seinem rührenden Eifer, die Kunst des großen Alten für die Nachwelt zu bewahren. In kurzen Einblendungen nur werden die von den Männern in den Hintergrund gedrängten Frauen sichtbar: kluge, aufbegehrende oder beharrliche und unentbehrliche. Sie sind es meist, in Haupt- oder Nebenrollen, die in Anita Desais Büchern - obwohl keineswegs immer liebenswert - trotz ihrer schwächeren Position die Starken, Zähen sind, sein müssen.
Mit feinem Gespür weiß Anita Desai, selbst vierfache Mutter, Kinder und Heranwachsende darzustellen: die wilde, einzelgängerische Urenkelin der alten Frau am Berg etwa (in Berg im Feuer, List Verlag) oder den kleinen Buben, der von seiner Mutter in den unbequemen Samtanzug gezwängt und zu einer Hochzeit mitgeschleppt wird und davon träumt, auf Rollschuhen davonzulaufen (Spiele in der Dämmerung) oder die Tochter in Fasting, Feasting, die von ihren Eltern fast wie eine Sklavin im Haus gehalten wird, während der Sohn in den USA studieren darf.
Anita Desai sieht und schildert die Menschen mit unbestechlichem, aber nicht unbarmherzigen Blick: die amerikanische Gastgeberfamilie in Fasting, Feasting, den heruntergekommenen deutsch-jüdischen Emigranten und seine ehemaligen Landsleute in Baumgartners Bombay, das junge italienisch-deutsche Paar, das sein Seelenheil im indischen Ashram sucht und kläglich scheitert (in Reise ins Licht).
Bewußt verwendet Anita Desai gewisse Bilder immer wieder; diese bekommen so - obwohl ganz real - die Bedeutung von Symbolen, und mit ihnen führt sie uns in immer neuer Beleuchtung die Grundmuster menschlichen Verhaltens vor Augen. So auch in den Erzählungen Spiele in der Dämmerung (neu bei Edition Kappa, aus dem Englischen von Helga Pfetsch und Utta Roy-Seifert): Sie sind meisterhafte Momentaufnahmen indischen Lebens und zugleich nuancenreiche Erkundung von Seelenlandschaften.
Anita Desais Schreiben ist, wie sie selbst sagt, Teil ihres »persönlichen Bemühens, das Rohmaterial des Lebens in eine Form zu bringen, ihm trotz aller offenbaren Planlosigkeit Sinn und Ordnung zu verleihen.« Ihr Interesse gilt nicht zuletzt »der bewußten Arbeit daran, Sprache und Symbole, Wort und Rhythmus miteinander in Einklang zu bringen. Die Handlung, das dramatische Geschehen der Geschichten sind nur wichtig, wenn sie aus dem Träumen, dem Wollen der Personen erwachsen.«
In Anita Desais Büchern ist die Atmosphäre Indiens stets spürbar, die Farben, der Duft, das Aufatmen in der abendlichen Kühle nach der erstickenden Hitze des Tages. Auf berührende und humorvolle Weise zeigt uns diese Autorin die Tiefen und Untiefen menschlichen (Zusammen-)Lebens, oft oszillierend zwischen Melancholie und Komik, und bereichert die Literatur mit einem ganz eigenen poetischen Ton.

Veranstaltungen mit der Autorin am 16. und 17. März



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