13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Der Planet Chitre
zu Dilip Chitre
von Gert Heidenreich

D
ilip Chitre, der Poet aus Pune/ Maharashtra, der im Herzen wohl immer ein Mann aus Bombay geblieben ist, neigt dazu, das Leben in Metaphern zu verwandeln; ich darf dies sagen, über den Freund. Er vereint nicht die Berufe des Schriftstellers, des Malers, des Filmemachers - er lebt die Existenzen so, als gäbe es außer dieser Weise, die Welt zu betrachten, keine, die ihm das Gefühl gibt zu sein. Es liegt eine gewisse Rücksichtslosigkeit, sich selbst gegenüber, in solchem Künstlerdasein, eine Gefährdung - aber auch ein großer Lebensgewinn. Wenn man Chitre gesehen hat, wie er der Sitar bei Konzerten im kleinen Kreis zuhört und die Musik mit Gesten begleitet, begreift man diesen ungewöhnlichen, multiplen Künstler: er nimmt in einer so lebendigen, frohen und tiefen Weise Eindrücke in sich auf, wie wir es in der westlich-reflektierten und vergleichsweise domestizierten Künstlerexistenz kaum mehr von uns selbst erwarten. Und so ist er mit den Jahren zu dem geworden, was er selbst von sich sagt: »Ich bin ein Planet, bin eine Art Erde, ein Raum-Zeit-Kontinuum, in dem sich die Welt reflektiert.« Sein Indien hat keine politischen Grenzen, weder territoriale noch zeitliche.
Dilip Chitre wurde 1938 in Baroda geboren, lange Jahre hat er in Mumbai (Bombay) gelebt, heute wohnt er mit seiner Familie in Pune (Poona) und macht sich gelegentlich den Spaß, die deutsche Bäckerei nahe dem Ashram aufzusuchen, einen Stadtteil, den er mit unüberhörbarer Ironie »Europolis« nennt. Das Weltbürgerliche hat er sich nicht aneignen müssen, zum Indien-Gefühl gehört Welt; er hat es freilich durch viele literarisch begründete Reisen nach Europa, Amerika, Afrika in sich gefestigt; Chitre stellt all diese Erfahrungen in einen poetischen Zusammenhang, und so sehr seine Gedichte und seine Erzählungen von indischer Kultur geprägt sind - so wenig sind sie in ihrer Bedeutung regional oder historisch beschränkt. Mit seiner berühmten Übersetzung der Gesänge des Dichters (und Gottes) Tukaram hat Chitre dreihundert Jahre übersprungen und das frühe Marathi Tukarams in zeitgenössischem Englisch 'nachgesungen' - längst gibt es eine kongenial übersetzte deutsche Ausgabe. Auf deutsch erschienen soeben unter dem Titel Bombay Quartett neue, märchenhafte, groteske, freilich der Stadt Bombay, alias Mumbai, verpflichtete Erzählungen (A1 Verlag, Ü: Wieland Grommes) aus dem Schicksalsvorrat dieser »verrücktesten Metropole der Welt« (Chitre). Unermüdlich entwickelt Chitre neue Projekte: ein Spielfilm, ein Musical; die flirrende Ausdrucks-variation in Chitre scheint von einer ebenso raschen und grenzenlos aufmerksamen, unablässigen Beobachtung gespeist zu sein. Wenn man ihn sieht mit seiner unvermeidlichen schwarzen Baskenkappe, freundlich, nicht groß, leicht rundlich, an der Seite seiner überaus zart-klugen Frau Viju, die ihn manchmal ironisch, oft besorgt betrachtet - dann ahnt man kaum, daß Dilipp Chitre einer der wenigen ist, die den Mut haben, den Planeten auf eine Art im Blick zu behalten, die das Gegenteil der Globalisierung ist. Er liebt die Menschen zu sehr, als daß er sie dem Zynismus überlassen könnte.
Biographisch wären noch etliche Gedichtbände aufzuzählen, viele, hohe Literaturpreise, Stipendien. Das hat ihn begleitet. Doch was ihn erhält, sind seine Neugier und sein ungeheures Sensorium. Man lese nach - vor allem in dem großartigen Bild-Text-Band, den er mit dem Fotografen Henning Stegmüller und dem Dichter Namdeo Dhasal publiziert hat: Bombay/Mumbai, Bilder einer Mega-Stadt (A1 Verlag 1996). Chitres Lyrik - hier zeigt sie ihren spürbaren Bezug zur Realität, die lyrisch verdichtet wird. »Für mich ist Lyrik etwas, dem ich seit meinem 16. Lebensjahr fast religiös verfallen bin«, hat er einmal gesagt. Vielleicht ist die Poesie die zentrale Religion seines Lebens, d.h. seine Weise, sich zu transzendieren. Und vielleicht darum kann man mit Dilip Chitre so gut schweigen und dabei viel sagen und hören.

Veranstaltungen mit dem Autor am 8., 9. und 10. März


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