13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Die Umarmung des Alltags
zu Amit Chaudhuri
von Claudia Wenner

A
ls verspäteten Flaneur hat sich Chaudhuri einmal bezeichnet, für dessen Imagination die koloniale Stadt eine Schlüsselrolle spielt: die offenen Fenster, die Geräusche der Straße, die Ziellosigkeit hat er in England vermißt, wo er studierte und bis vor kurzem wohnte. Aufgewachsen ist er in Bombay, aber seine Liebe gilt Kalkutta, der Stadt, in der er 1962 geboren wurde und in der er heute lebt. »Es ist die einzige mir be kannte Stadt, die zeitlos ist, in der jede Veränderung ihren Ort in den alten fließenden Mustern findet und wo Erschöpfung und Kapitulation an die Stelle der Ängstlichkeiten treten, die das Vergehen der Zeit hervorruft«, heißt es in Afternoon Raag.
Chaudhuri hat vier Romane veröffentlicht, von denen die ersten drei - A Strange and Sublime Address (1991), After noon Raag (1993) und Freedom Song (1998) in einem Band erschienen sind, der unter dem Titel Die Melodie der Freiheit auf Deutsch vorliegt (Bles sing 2001, aus dem Eng-lischen von Gisela Stege). Chaudhuri er zählt keine Geschichten, die einen Anfang und ein Ende haben, er beschreibt auch nicht einfach, sondern evoziert atmosphä risch den ganz gewöhnlichen Alltag in all seinen Nuancen: un spektakulär folgt ein Augenblick dem an deren, die Sprache spürt ihm in seinen Verästelungen nach, ohne ihn jedoch künst lich mit Bedeutung aufzuladen und gerade da durch wieder zu entwerten.
Der erste Roman handelt vom zehnjährigen Sandeep, einem Einzelkind, das in einem Hochhaus in Bombay wohnt und die Sommerferien mit seiner Mutter bei Ver wandten in einem al ten Haus in Calcutta verbringt. Mit seinen Cousins lebt er in einer Welt aus Phantasie und Empfindungen, deren Ma gie nicht durch außergewöhnliche Ereignisse vermittelt wird, sondern durch die Evokation eines pulsierenden Bezie hungsge webes, das Geborgenheit gibt. Auch in Afternoon Raag geht es um die Wahrnehmung dessen, was einen Ort ausmacht - der Ich-Er zähler zeigt die traumhafte Unwirklichkeit seines Studentenle bens in Oxford, die von Erinnerungen durchzogen ist: an seinen ver storbenen Musikleh rer, an das Le ben in Bombay und Kalkutta. Freedom Song schließlich erzählt vom Alltag zweier Familien in Kalkutta. Wie Chaudhuri diese Stadt sieht, ist das eigent lich Erstaun li che dieser nur lose miteinander ver bundenen Ro mane. Der bürgerliche Alltag, die behütete Kindheit und die Gelas senheit, mit der hier gelebt wird, scheinen einer ande ren Zeit und einem anderen Ort anzugehören. Kein Westler würde sie im heutigen Kalkutta vermuten, das im mer wieder als Proto typ der Elendsstadt und permanenter Aus nahmezustand darge stellt wurde - zuletzt von Günter Grass in Zunge zeigen. Chaudhuris vierter Roman A New World (Pica dor 2000, noch nicht über setzt), der von einem gerade geschie denen Mann er zählt, der in Amerika lebt und zusammen mit sei nem kleinen Sohn einen Sommer im sich verändernden Kalkutta bei seinen al ten Eltern ver bringt, deutet zum Schluß leise auf dieses ein seitige Bild, wenn eine Amerikanerin sagt: »Es hat mir dort gut gefallen. Es gibt so viel Po sitives, trotz - Sie wissen schon - sie zuckte die Achseln - trotz allem.«
Chaudhuris Romane sind der Augenblicksästhetik der klassischen Moderne (Virginia Woolf, James Joyce, Kathe rine Mansfield) verpflich tet. Daß ein sogenannter postkolonialer Schriftsteller auf diese Weise über das zeitge nössische Leben der ehemaligen Hauptstadt des Britischen Em pire schreibt, liefert ganz neben bei einen schweigenden Kom mentar zur postkolonialen Theorie, die die von ihr untersuchte Literatur oft einebnet und auf Un terdrückungs verhältnisse un tersucht, die sich längst verscho ben haben. Dem Klischee von einem Indien der entfesselten Phanta sie, das seit Rushdies »Mitternachtskindern« durch die westli che Welt geistert, setzt Chaudhuri seine Umarmungen des ge wöhnlichen Alltags entgegen. Die Moderne, um die es ihm geht, ist jedoch nicht nur eine vergan gene, europäische, son dern auch dieje nige Indiens, die Mitte des 19. Jahrhunderts begann. Ihre Tra ditionen und Widersprüche lassen sich in The Picador Book of Modern Indian Literature (Picador, 2001) verfolgen, das Chaudhuri herausge geben hat. Er zeigt dort, daß die neue, indo-englische Literatur nicht vom Himmel gefallen ist, sondern in einem Kon text steht, jenem dichten Ge webe, um das es ihm auch in seinen Romanen zu tun ist.

Veranstaltungen mit dem Autor am 14. und 15. März


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