13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Das Beste beider Welten
zu Vikram Chandra
von Uwe Pralle

Es gibt neue Generationen von Schriftstellern, und keineswegs nur von indischen, für die es heute geradezu selbstverständlich ist, an mehr als einem Ort zu leben - und das sogar auf verschiedenen Kontinenten. Nicht fremd ist ihnen außerdem, sich in mehreren Metiers gleichzeitig zu bewegen. Zu ihnen gehört auch Vikram Chandra, und unter den jüngeren indischen Schriftstellern ist er einer der erfolgreichsten. Ob er nun ein indischer Schriftsteller ist oder ein amerikanischer, ist gar nicht so entscheidend in einer Zeit, in der die Kulturen fast überall das Crossover von lokalen und globalen Elementen kennen. Geboren wurde er 1961 in Neu Delhi, aber schon seit den frühen 80er Jahren lebt er im ständigen Wechsel zwischen Indien und den USA, mal mehr in Washington DC, mal mehr in Bombay, jener verwirrenden Stadt, in der es - wie er einmal schrieb - keine gerade Linie zu geben scheint. Facettenreich ist auch sein Bildungshintergrund. Den indischen Schulweg schloß er am Mayo College in Ajmer ab, einem Internat im Bundesstaat Rajastan, in dessen Wüstenregionen jene kriegerischen Stämme beheimatet sind, von denen unter anderem auch in Chandras erstem Roman Red Earth and Pouring Rain/ Tanz der Götter (Aufbau Verlag 1997, Ü: Ulrike Seeberger), erzählt ist. Nach einer kurzen Zwischenstation am St. Xavier’s College in Bombay begann er in den USA zu studieren: und das natürlich auch mit jenem Spektrum weit verzweigter Interessen, das geradezu obligatorisch ist für einen Erzähler, der den Verschränkungen von Historie, Mythologie und Modernität nachspürt. Ein Literaturstudium in Los Angeles und die Film School der Columbia University in New York waren weitere Stationen. In ihrer Bibliothek stieß er zufällig auf die Autobiographie von Colonel James »Sikander« Skinner, eines anglo-indischen Misch-lings und legendären Truppenführers aus dem 19. Jahrhundert, die Chandras Tanz der Götter anregen sollte. Das Filmstudium brach er ab, um sechs Jahre lang an diesen Roman zu schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er damals als Software- und Hardware-Berater und als Dozent für Creative Writing.
Chandra selbst hatte seine Zukunft früher eigentlich eher im Film als in der Literatur gesehen, denn er war von klein auf vom indischen Film beeinflußt. Seine Mutter arbeitete als Drehbuchautorin in »Bollywood«, eine seiner Schwestern hat es ihr nachgemacht, eine andere wurde Filmkritikerin. Als Drehbuchautor hat Vikram Chandra mittlerweile bei der indischen Produktion 1942 - A Love Story selbst Erfahrungen gesammelt, aber seine literarischen Ambitionen scheinen bisher doch stärker. Auch sie gehen bis in die Kindheit zurück, als er den Geschichten seiner Großmütter und Tanten lauschte, vor allem solchen aus der Mythologie. Dieses mündliche Erzählen spielt - so wie heute noch immer in Indien - auch in Chandras bisherigen beiden Büchern - neben Tanz der Götter der Erzählungsband Love and Longing in Bombay/Die fünf Seiten des Lebens (Aufbau 1999, Ü: Ulrike Seeberger), eine große Rolle. In der raffinierten Konstruktion von Tanz der Götter spendet das mündliche Erzählen geradezu den Atem für ein Epos, das eine Passage vom Indien des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart vollführt. Seit einiger Zeit schreibt Chandra an einem neuen Roman, der wieder in Bombay spielt und an den letzten Erzählungsband und einige seiner Figuren anknüpft.
Chandra hat einmal für sein Teil-Leben in Washington lakonisch einen nicht ganz unwichtigen Grund angegeben: Dollars. Tatsächlich ist das Leben in Indien auch für die englisch schreibenden jüngeren Schriftsteller schwierig, weil das nach zwei Jahrhunderten britischer Kolonialherrschaft zur literarischen Tradition gehörige Indo-Englisch nur die Sprache einer Minderheit ist. So ist Chandras amerikanische Orientierung - ähnlich wie die englische früherer Schriftstellergenerationen - auch ein Balanceakt seiner literarischen Existenz, der ihm internationales Renommee, einige Literaturpreise und viele Leser eingebracht hat. Die besten Möglichkeiten beider Welten miteinander zu verbinden: das ist das Credo des Vierzigjährigen. Seit einiger Zeit richtet er sowohl in Washington als auch in Bombay regelmäßige Treffen aus, bei denen Filmemacher, Computerleute und Autoren Ideen austauschen. Auf solche Horizonte beider Welten, die er literarisch zu verknüpfen versteht, kann und will Vikram Chandra nicht verzichten. (Und mit manchen aus dieser transkontinentalen Existenz entstehenden Schwierigkeiten läßt sich im digitalen Zeitalter auch viel leichter zurechtkommen. So ist er einer der wenigen Schriftsteller, der gegen-über seinem erstaunten Verleger darauf bestanden hat, seine E-Mail-Adresse in allen seinen Büchern anzugeben. Damit kann er an jedem Ort mit Menschen an anderen Orten im Dialog bleiben, was in der elektronischen Welt ja eine Kom-munikation ermöglicht, die fast ein wenig an die uralte Form der mündlichen erinnert.) Und eines will er auch auf keinen Fall tun, so leicht sich die Orte und Identitäten heute auch austauschen zu lassen scheinen: die indische Staatsbürgerschaft aufgeben. Denn daran hänge er »symbolisch und emotional«.

Veranstaltungen mit dem Autor am 15. und 16. März


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