13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Sehnsuchtsland Indien
Zur Rezeption Indiens in der deutschen Literatur
von Veena Kade-Luthra

I
nterkulturelle Empathie oder kulturelle Seelenverwandtschaft - gibt es so etwas? Und was bedeutet sie? Von einem »Indien der Seele«, von einer »geistigen Heimat« hat Hermann Hesse gesprochen. »Wer einmal nicht nur mit den Augen... sondern mit der Seele in Indien gewesen ist, dem bleibt es ein Heimwehland, an welches jedes leiseste Zeichen ihn mahnend erinnert« (1925). Von dieser besonderen Anziehungskraft Indiens erzählen die deutsche Literatur und Philosophie der letzten zwei Jahrhunderte - in Gedichten, Erzählungen, Briefen und geschichtsphilosophischen Werken. Es läßt sich darin ein Indienbild aufspüren, das als überlagertes Sediment im deutschen kulturellen Gedächtnis seine Spuren hinterlassen hat, und - verformt und verwandelt, auch als Klischee - sich im allgemeinen Bewußtsein eingeprägt hat.

Die Reihe der deutschen Schriftsteller, Philosophen und Kulturkritiker, die sich mit der für sie so andersartigen Denk- und Lebenswelt Indiens beschäftigt haben, ist verblüffend lang: Herder, Goethe, Novalis, die Brüder Schlegel, Jean Paul, Heinrich Heine, Friedrich Rückert, Schopenhauer, Nietzsche, Max Müller, Hermann Hesse, Stefan Zweig, zuletzt auch Günter Grass und Peter Sloterdijk, um nur die wichtigsten zu nennen. Was zog sie zu Indien hin? Was haben sie dort gesucht? Was haben sie gefunden?

Erst vor zwei Jahrhunderten lernte man in Deutschland die jahrtausendealte Kultur Indiens näher kennen, zunächst über Reisebücher und bebilderte Beschreibungen. Es ist das Erstaunliche gerade an der deutschen Beschäftigung mit Indien, daß man beinahe ein Jahrhundert lang einen Indien-Mythos aus der Ferne aufbaute, einen Mythos, der durch die Studien der Indologen und Übersetzer, durch literarisch-philosophische Werke wie Sakonpala, die Bhagavadgita und die Upanishaden genährt wurde.

Für die Romantiker wurde Indien zum Inbegriff des Poetischen. In der indischen Literatur und Philosophie fanden sie das verkörpert, was sie zum romantischen Programm erhoben hatten: eine Universalpoesie, die Verschmelzung von Dichtkunst, Philosophie, Religion und Wissenschaft, eine Harmonie von Mensch und Natur. Joseph von Görres schwärmt: »Kennt ihr das Land, wo die jugendliche Menschheit ihre frühen Kinderjahre lebte?... Nach dem Morgenland, an die Ufer des Ganges und Indus, da fühlt unser Gemüt von einem geheimen Zug sich hingezogen.« Und Heine schreibt in einem Sonett aus dem Jahr 1823, nicht ohne ironischen Unterton: »Verlaß Berlin, mit seinem dicken Sande/Und dünnen Tee und überwitzgen Leuten,/ ...Komm mit nach Indien, nach dem Sonnenlande,/Wo Ambrablüten ihren Duft verbreiten,/Die Pilgerscharen nach dem Ganges schreiten,/ Andächtig und im weißen Festgewande.«

Bei Dichtern wie Novalis oder Jean Paul wurde Indien zu einem Traumbild, zu dessen Merkmalen Blumen, Sanftheit und meditative Gelassenheit gehörten. Gegen das pragmatische Zeitkalkül des Frühkapitalismus priesen sie den Müßiggang und die »heilige Stille der Passivität«, sie sahen in dem indischen Brahmanen ein Sinnbild des Künstlers, der über die Geheimnisse der Welt meditiert. Nach Indien verlegten sie die Sehnsüchte, die das aufgeklärte, vernunftgläubige Europa nicht stillen konnte. Für die auswandernde Phantasie war die Welt noch ein offener Raum.

Auch Goethe ist zutiefst beeindruckt von den wunderbaren Fabeln und Märchen, den religiösen Mythologien Indiens. Zwar wurde Indien für Goethe nie das Sehnsuchtsland wie für seine jüngeren Zeitgenossen; es fesselten ihn jedoch die Sinnlichkeit und Hingabe der indischen Frauenfiguren: der Hetären, der Tempeltänzerinnen, der freiwillige Feuertod indischer Witwen. Diese Motive und Bilder hat er in zwei großen Gedichten »Der Gott und die Bajadere« und »Paria« verarbeitet und im Lichte der Aufklärung verwandelt. Sie sind keine Anklage indischer Zustände: die liebende Hingabe der Tempeltänzerin führt zur Erlösung, die Pariagöttin verkündet eine revolutionäre Botschaft der Gleichheit allen menschlichen Strebens.

Von der indischen Götterwelt und Ästhetik aber distanziert sich Goethe ausdrücklich. Die Göttergestalten mit ihrer Mischung aus menschlichen und tierischen Formen, Ele-fantenrüssel und Affenschwanz, den vielen Armen und Köpfen, konnten dem Dichter der Klassik, der in Griechenland sein Kunstideal fand, nicht geheuer sein: »In Indien möchte ich selber leben,/ Hätt es nur keine Steinhauer gegeben.«

Mehr als ein Jahrhundert lang hatten sich die deutschen Schriftsteller damit begnügt, an den geistigen Küsten des alten Indien anzulegen. Erst im 20. Jahrhundert erschloß sich das geographische Indien jenseits der Meere. Schriftsteller wie Hermann Hesse, Stefan Zweig und Waldemar Bonsels reisten nun wirklich dorthin und schrieben über ihre Reiseimpressionen. Indien, das bislang imaginierte Land, war Europa näher gerückt.

Die Indien-Sehnsucht zieht ab Beginn des 20. Jahrhunderts unaufhaltsam neue Kreise. Wie bei Herder und den Romantikern erscheint Indien erneut als Kulturalternative zu Europa. Yoga. Meditation, die hinduistische Gedankenwelt von Karma und Reinkarnation finden reges Interesse: die theosophischen Sekten, okkulte Gruppen und Anthroposophen suchen neue Lebenswege in der indischen Geisteswelt. Hesse schreibt 1921: »Europa beginnt an mancherlei Verfallserscheinungen zu spüren, daß die hochgetriebene Einseitigkeit seiner geistigen Kultur ...einer Korrektur bedarf, einer Auffrischung vom Gegenpole her.« Hesses Tagebücher, Briefe und Erzählungen und sein zum Kultbuch gewordener Roman Siddhartha. Eine indische Dichtung (1922) erzählen uns von dieser Suche nach einer »magischen Brücke« zwischen Europa und Indien. Mit der Wallfahrt der Blumenkinder, der Aussteiger, der Sanyassins zu den Quellen der Weisheit in den sechziger und siebziger Jahren mutierte Indien im allgemeinen Bewußtsein vollends zum Gegenpol des Zweckrationalismus und der Bürgerlichkeit der westlichen Welt.

Auch die Reisen von Günter Grass nach Indien in den sechziger und siebziger Jahren waren eine Flucht - Flucht vor »Verletzungen, Ekel, Überdruß, den ellenbogenspitzen Selbstverwirklichungsspielen«. In Indien sucht Grass einen Mythos auf. Er will die Göttin Kali sehen. Sie ist für ihn zum Symbol des Schreckens geworden, Symbol auch für die Scham des Europäers gegenüber Indien. Er besucht jedoch nicht nur die Tempel Kalis, sondern Slums, Kinderheime, Lepra-Hospitäler. Auf das Elend Kalkuttas ist er nicht vorbereitet. Bedrückend schwarze Bilder zeigt er in Der Butt und Zunge zeigen von der Stadt, die auch als »City of Joy« in die Literatur eingegangen ist.

Zwischen dem deutschen Indien-Mythos einer präkolonialen Welt, dem von den Romantikern imaginierten Land der Lotosblumen am Ganges und dem »blumigen Wahnsinn«, den Günter Grass vorfindet, liegen Welten: fast zwei Jahrhunderte einschneidender weltgeschichtlicher Veränderungen. Die Bücher von Grass bringen eine radikale Dekonstruktion und Entzauberung des alten Indienbildes mit sich. Nicht zuletzt die Medien zeigen uns heute ein anderes Indien, das Indien der technologischen Fortschritte, die Nuklearmacht.
Welche Indienbilder werden wohl die jungen Autoren erschaffen?

Veena Kade-Luthra ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher und Artikel über Indien und die indische Literatur.



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