13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Kasten und Stammesgesellschaften in Indien
Aspekte eines komplexen Systems
Monika Böck und Aparna Rao

Kaste, varna und jati
Der soziale Raum Indiens ist ein hochdifferenziertes Gebilde, das durch eine im Hinduismus verwurzelte Sozialordnung zu einem organischen Ganzen zusammengefügt ist: das Kastensystem. Der aus dem Portugiesischen stammende Begriff »Kaste« korrespondiert zwar im wesentlichen mit den einheimischen Konzepten varna und jati, doch ist eine direkte Übersetzung irreführend. Das Wort jati wird von der Sanskrit-Wurzel jan/ja (»gebären«, »erzeugen«) abgeleitet, basiert also auf der Idee der Geburt, während sich varna (Grundbedeutung: »Farbe«) auf ein Klassifikationssystem bezieht, das das Universum in seiner Gesamtheit organisiert. Im Rigveda, der ersten der »heiligen Schriften«, findet man die wichtigste Textstelle, in der das spätere Vier-varna-Konzept (Brahmanen, Kshatriya, Vaishya und Shudra) mit dem Gedanken einer göttlichen sozialen Ordnung verknüpft wird. Die Pflicht des Brahmanen - im Sinne einer göttlich auferlegten »Pflicht« (dharma) - ist es, zu studieren und zu lehren, Gaben zu verteilen und zu empfangen; die der Herrschenden (Kshatriya) ist es, das Volk zu beschützen. Die Hauptaufgabe der Vaishya liegt im Ackerbau und Handel. Der Shudra hat als Handwerker oder Bauer die Pflicht, den anderen drei varna zu dienen.

Reinheit-Unreinheit
Entsprechend ihrer varna- und jati-Zugehörigkeit, ihres Geschlechts und ihres Status, sind in jeder Person ganz bestimmte Eigenschaften - guna - vorhanden. Man stellt sich diese guna als Substanzen vor, die sowohl weitergereicht (durch Vererbung oder beim Kontakt mit anderen Wesen) als auch absorbiert werden. Kommt man mit Menschen mit gleichen Eigenschaften in Kontakt, so tauscht man gleichwertige Substanzen aus und bleibt rein. Interagiert man mit »Höher«- bzw. »Niedrigwertigen«, so nimmt man bessere bzw. schlechtere, unreinere Substanzen auf. Dieser Austausch von Substanzen findet in alltäglichen Situationen statt: beim gemeinsamen Essen und Wohnen, bei der Arbeit, etc. In solchen Situation versucht man daher, den direkten Kontakt mit »niedrigwertigen« Menschen möglichst zu vermeiden. »Blutmischungen« durch Heirat zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Kasten führen zur unerwünschten Absorption minderwertiger Substanzen. Noch heute werden in den meisten ländlichen Gebieten Paare, die gemäß dieser moralischen Vorstellungen als »ungleichwertig« betrachtet werden, geächtet oder manchmal sogar ermordet.

Arbeitsteilung
Ein weiteres wichtiges Merkmal des Kastensystems ist die ausgeprägte Arbeitsteilung. Das Prinzip Reinheit-Unreinheit bringt die Berufsgruppen in eine Rangordnung von »dienen« und »bedient werden«, z.B. ist die jati, die für die Abfallbeseitigung zuständig ist, die »unreinste« und gehört daher zu den sog. »Unberührbaren«. Mit Berufswechsel und Veränderung der Lebensweise hin zu einem »reineren« Zustand kann eine jati in der Kastenhierarchie aufsteigen. Soziale Mobilität ist also innerhalb des Systems möglich, allerdings nur für eine Gruppe als Ganzes.

Die »Unberührbaren«
Wiederholt traten in der Geschichte religiöse Bewegungen auf, die sich gegen das Kastensystem richteten. Dazu gehörten der Buddhismus als eine der frühesten dieser Gegenbewegungen und die hinduistischen mystischen (bhakti) Bewegungen. Beide religiösen Impulse fanden besonders bei den niedrigen Kasten Anklang. »Scheduled castes« ist heute die offizielle Bezeichnung für viele dieser Gruppen. In ähnlich euphemistischer Weise hatte Mahatma Gandhi - so die Meinung vieler Mitglieder dieser Kasten - den Begriff harijan, »Gottes-Volk«, für sie geprägt. Der Begriff Dalit, »Gebrochene, Ausgebeutete, Unterdrückte«, wie vor allem politisch aktive Gruppen sie nennen, dürfte ihrer realen Situation am ehesten entsprechen. Auch sie ordnen sich in zahlreiche jati, die wiederum der Hierarchie von Reinheit-Unreinheit folgen. »Unberührbarkeit« gilt seit 1951 per Verfassungsdekret als abgeschafft und soll strafrechtlich verfolgt werden. Diskriminierung aufgrund der Kastenzugehörigkeit ist jedoch schwer nachzuweisen und wird von den Beamten, die selbst oft höheren Kasten angehören, selten bestraft.

Kaste und Nicht-Hindus
In die hierarchische Denkweise der Reinheit-Unreinheit und des Dienens-Bedientwerdens sind auch alle anderen Religionsgemeinschaften Indiens - Muslime, Christen, usw. - eingebunden. Obgleich sowohl Muslime als auch Christen das Ideal der Gleichheit hochhalten, sind auch ihre Sozialsysteme in der Praxis engst mit dem Kastensystem verbunden. Selbst diejenigen Gruppen, die durch ihre Benennung als Außenstehende gekennzeichnet sind - die »Unberührbaren« und die sog. »Stammesgesellschaften« - sind in dieses allumfassenden Denksystem eingeschlossen. Der Begriff »Kastenlose«, auch wenn er von vielen Indern benutzt wird, ist daher irreführend.

»Stammesgesellschaften«
Etwa 70 Mio. der indischen Gesamtbevölkerung sind Mitglieder sogenannter »Stammesgesellschaften«, auch tribals oder auf Hindi adivasi (Ureinwohner) genannt. Eingeführt von den Briten während der Kolonialzeit, sollten mit dem Begriff tribe in erster Linie Gruppen gekennzeichnet werden, die in abgelegenen Wald- und Bergregionen Indiens lebten und aufgrund ihrer angeblichen Isoliertheit grundlegende Unterschiede zu den sogenannten Kastenhindus aufzuweisen schienen. 1874 wurden von der Kolonialregierung erstmals legislative Schutzmaænahmen erlassen, die die tribals vor dem Verlust ihres Landes bewahren sollten. In »Stammesgesellschaften« existieren weniger ökonomische Spezialisierungen und - damit verbunden - weniger Abhängigkeitsverhältnisse und hierarchische Stratifikation als in Kastengemeinschaften, in denen hochrangige Kasten tendenziell auch im Besitz des Landes und der politischen Macht sind.

Kaste und Politik
Im Zuge des ökonomischen Wandels sind Kasten immer mehr mit Klassenstrukturen verflochten. Im Ver-lauf des 20. Jahrhunderts haben sich vor allem im urbanen Bereich die Kastenstrukturen bedeutend gelokkert, allerdings sind damit verbundene Praktiken, wie arrangierte Heiraten, häufig weiter erhalten geblieben. Obwohl sich die Werte der brahmanischen Tradition einerseits und die der westlichen Kultur andererseits häufig widerspre chen können, so greifen sie dennoch ineinander. Als nachahmenswerte Vorbilder werden vor allem diejenigen Gruppen angesehen, die einen hohen wirtschaftlichen Status innehaben. Diese Gruppen haben ihre Position meist erreicht, indem sie eine westliche Bildung genossen, zu der sie jedoch häufig nur Zugang hatten, weil sie einer höheren Kaste angehörten. Fehlende Schulpflicht, ein fehlendes Verbot von Kinderarbeit und eine fehlende staatliche Sozialversicherung führen dazu, dass die Bildungschancen für Kinder aus armen Familien immer noch extrem eingeschränkt sind, und extreme Armut ist auch heute noch hauptsächlich bei niedrigen Kasten und vielen »Stammesgesellschaften« anzutreffen. Seit der Unabhängigkeit versucht die Regierung mit einer Politik der »positiven Diskriminierung« gegen soziale Benachteiligungen vorzugehen. Es wurde ein Quotensystem eingeführt, das Mitgliedern unterprivile gierter Kasten und Stammesgesellschaften Berufsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst erschließt.
Auch heute ist im Alltag die Denkweise des Kastensystems immer noch präsent, obwohl es offiziell als abgeschafft gilt. Ebenso ist die Vorstellung von »Unberührbarkeit« noch lange nicht überwunden. Dies bezeugen in erschreckender Weise Zei tungsberichte über bewaffnete »Kastenkriege« und gewaltsame Übergriffe auf Dalits, insbesondere Vergewaltigungen von Dalit-Frauen.

Monika Böck ist Dozentin, Aparna Rao wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Völkerkunde der Universität Köln.



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