13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Indien - Verkehrsknotenpunkt der Religionen
von Silke Fischer

D
enkt man an das religiöse Indien, so denkt man vielleicht erst einmal an eine heilige Kuh, umgeben vom hupenden indischen Verkehrschaos und dennoch gelassen, seltsam unbeteiligt. Aber Indien hat weit mehr zu bieten als unser Bild von der heiligen Kuh. Neben dem Hinduismus entstanden der Jainismus, der Buddhismus und Sikhismus auf indischem Boden; von Einwanderern und Eroberern wurden der Islam, der Zoroastrismus, das Christen- und Judentum nach Indien gebracht. All diese Religionen sind heute lebendig, und schon stehen wir mitten im indischen Verkehrsgetriebe der Religionen.

Den größten Anteil am religiösen Verkehrsaufkommen hat der Hinduismus, etwa 82% der Bevölkerung befahren seine weitverzweigten und sehr unterschiedlich beschaffenen Wege. Der Hinduismus kann nicht auf einen Religionsstifter zurückgeführt werden und besitzt dementsprechend auch keine verbindliche Lehre. Geglaubt wird - je nach Familientradition, oft auch je nach momentanen Anliegen des Hindu-Gläubigen - an verschiedene Heilswege und Götter, die in der Religionsausübung vom Gläubigen sehr unterschiedliche Praktiken fordern. Allen Hindus gemeinsam ist jedoch der Glaube an karman, Wiedergeburt und das Kastensystem. Die Qualität der Wiedergeburt eines Menschen wird von der Qualität seiner Handlungen aus den früheren Leben bestimmt. Dieses karman-Prinzip ist auch für die Kaste verantwortlich, in die ein Hindu hineingeboren wird und die er zeit seines Lebens nicht wechseln kann.
Aus der brahmanischen Opfer-Religion, die ca. 1500 v. Chr. von den Ariern nach Indien gebracht wurde, hat sich über Jahrhunderte hinweg durch Assimilierungen lokaler Volkskulte und nicht-brahmanischer Glaubensüberzeugungen allmählich das vielfältige Straßengewirr des Hinduismus entwickelt. Die komplizierten Rituale der brahmanischen Religion (bis heute ein wesentlicher Bestandteil der hinduistischen Heilslehre), dürfen nur von ausgebildeten Brahmanen-Priestern durchgeführt werden, die aufgrund ihres Vorrechts, mit den Göttern »kommunizieren« zu können, hohes Ansehen und große Macht in der Gesellschaft besitzen. Mit der Bhâgavadgîtâ, einem Teil des großen Epos Mahâbhârata, wurde ca. 200 v. Chr. ein neuer Erlösungsweg geebnet, der über die vertrauensvolle Hingabe des Gläubigen an einen Gott zur Erlösung aus dem Wiedergeburtskreislauf führt. Dieser Weg stand auch mittellosen und ungebildeten Volksschichten offen, denen bislang nichts weiter übrig geblieben war, als durch die Erfüllung ihrer Kastenpflichten auf eine bessere Wiedergeburt zu hoffen. Um 500 n. Chr. trat dann auch der sektiererische tantrische Erlösungsweg in Erscheinung.

Vom weitverzweigten Straßennetz des Hinduismus zurück zur Verkehrskreuzung der Religionen. Um 500 v. Chr. begründete der Prophet Jina Mahâvîra einen religiösenHeilsweg, der zwar abseits von brahmanischen Priestern, komplizierten Ritualen und dem Kastensystem verläuft, aber den hinduistischen Glauben an Wiedergeburt und das karman-Prinzip in seine Erlösungslehre integriert. Im Zuge der islamischen Eroberung im 12./13. Jahrhundert wurde die Glaubensgemeinschaft der Jainas verfolgt, das Verhältnis von Jainismus und Islam entspannte sich jedoch unter dem muslimischen Kaiser Akbar im 16. Jahrhundert. In der heutigen indischen Gesellschaft ist der Einfluss der Jainas groß im Verhältnis zu ihrer geringen Zahl, sie stellen nur ca. 0,4% der Bevölkerung, konnten sich aber als Geschäftsleute erfolgreich durchsetzen.

Gautama Buddha integrierte um 500 v. Chr den Glauben an Wiedergeburt und das karman-Prinzip in seine Erlösungslehre, in der Götter (und damit Brahmanen) keine Rolle spielen. Der vom Buddha gepredigte goldene Mittelweg zur Überwindung allen Leidens steht allen Menschen gleichermaßen offen. Eine Blütezeit erlebte der Buddhismus ca. 300 v. Chr. unter dem Herrscher Ashoka, der den Buddhismus weit über den Subkontinent hin ausbreitete. Mit dem Ansturm muslimischer Eroberer im 12./13. Jahrhundert ist die buddhistische Religion auf indischem Boden jedoch ausgelöscht worden. In neuester Zeit wird der buddhistische Verkehrsweg wieder befahren, heute sind etwa 0,7% der Bevölkerung Indiens Buddhisten.

Der streng monotheistische Islam, dem heute in Indien ca. 12% der Bevölkerung anhängen, wurde über vier Wege nach Indien gebracht: durch Eroberer, Missionare, Kolonisatoren und Einwanderer. Neben Zwangskonvertierungen durch die muslimischen Besatzer ab dem 12. Jahrhundert erhielt der Islam, wie auch der Buddhismus und der Jainismus, freiwilligen Zulauf wohl vor allem aus den unterprivilegierten Schichten der Hindu-Bevölkerung, da der Islam das Kastensystem nicht anerkennt. (Die meisten Muslime In- diens sind Sunniten, die sich auf den Koran und die maßgeblichen Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed berufen. Trotz ihrer gegenseitigen Beeinflussung in Indien haben Hinduismus und Islam im Kern unverändert jahrhundertelang nebeneinander bestanden, ihre Anhänger jedoch kollidierten und kollidieren immer wieder an der wohl unfallträchtigsten religiösen Verkehrskreuzung Indiens.)

Den Versuch, die besten Elemente aus Hinduismus und Islam in Indien zu vereinen, unternahm der Gründer des Sikhismus, Guru Nânak, im frühen 16. Jahrhundert. Die streng monotheistische Sikh-Religion, der ca. 2% der Bevölkerung Indiens angehören, verwirft Götzendienst, Ritualismus und das Kastensystem, erkennt den Glauben an Wiedergeburt und das karman-Prinzip jedoch an. Aufgrund der Unterdrückung des Sikhismus durch die muslimischen Herrscher nahm dieser im 16. Jahrhundert unter dem Einfluss des Guru Gobind Sing militante Züge an. Heute fordern Sikhs gegen die Interessen der Hindus im Punjab, wo die meisten Sikhs leben, größere Autonomie für ihre Glaubensgemeinschaft. In der indischen Gesellschaft gehören sie zur höheren Schicht und haben sich besonders auf technische Berufe spezialisiert, z.B. als Taxifahrer und Flugzeugmechaniker.

Mit ca. 2,3% Bevölkerungsanteil nehmen die Christen nach Hindus und Muslims den dritten Platz im religiösen Straßenverkehr ein. Der Apostel Thomas soll 54 n. Chr. im südindischen Kerala gelandet sein und den Grundstein für das Christentum in Indien gelegt haben. Trotz der Massenkonversion unterprivilegierter Schichten im 16. Jahrhundert unter portugiesischer Missionierung wurde das Kastensystem von den zum Christentum bekehrten Hindus nie ganz aufgehoben; so gibt es heute in Goa z.B. Brahmanen-Christen und Shudra-Christen, die nie untereinander heiraten würden. In einigen südindischen Städten bestehen kleine jüdische Gemeinden, insbesondere in Kerala, wo Einwanderer bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. das Judentum etablierten.

Der Zoroastrismus, der im 7. Jahrhundert n. Chr. von den Parsen nach Indien gebracht wurde, wurde in Persien von dem Propheten Zarathustra ca. 600 v. Chr. gegründet. Die zoroastrische Religion, deren heilige Schrift der Zend-Awesta ist, bekennt sich zu einem einzigen allmächtigen unsichtbaren Gott, dem Gott des Lichts, Ahura Mazda. Die Anhänger Ahura Mazdas kämpfen mit guten Gedanken, guten Worten und guten Taten gegen den bösen Geist Angra Manju. Die Totenbestattung erfolgt, indem die Toten in »Türmen des Schweigens« den Geiern überlassen werden. Die Anhänger des Zoroastrismus in Indien, ca. 0,1% der Bevölkerung, sind Nachkommen jener Perser, die vor der islamischen Eroberung Persiens nach Indien flohen, und leben heute hauptsächlich in Bombay. Ihr Einfluss auf die indische Gesellschaft ist aufgrund ihrer erfolgreichen Handels- und Industrietätigkeit unvermutet groß.

Natürlich verlaufen die Religionswege Indiens nicht so parallel und linear wie hier in Kürze dargestellt. Das religiöse Verkehrsnetz ergibt mehr als die Summe seiner Einzelteile, ganz im Sinne der Chaostheorie. Die Verkehrsteilnehmer suchen sich mit ihren Fahrzeugen unberührt voneinander ihre Route im Straßengewirr und erfahren nur dann eine konkrete Berührung, wenn es zu einer Kollision kommt. Gemessen an der Dichte des Religionsverkehrs und der Unterschiedlichkeit der beteiligten Fahrzeuge und Verkehrsrichtungen jedoch, mag es an ein Wunder grenzen, dass Indiens religiöse Verkehrssituation bisher ohne die Einführung der NATO-Verkehrsordnung auskam.

Silke Fischer ist Indologin mit Schwerpunkt Religionswissenschaft




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