13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Die Sprachenwelt Indiens
von Renate Syed

Indiens jahrtausendealte Kultur und seine reichen Literaturen erschließen sich nur dem, der versucht, zumindest grundlegend die Sprachenvielfalt und Sprachgeschichte dieses Landes zu verstehen, in dem heute weit über eine Milliarde Menschen leben, die Hunderte von Sprachen und unzählige Dialekte sprechen.

Indiens Schriftkultur ist über 3000 Jahre alt, und bis auf den heutigen Tag ist Indien ein Land mit einer ungeheuren Literaturproduktion, qualitativ wie quantitativ. Sogar in Sanskrit, Indiens Gelehrtensprache, wird heute noch publiziert. Auch das Englische - geliebte, aber auch gehasste Sprache der Kolonialherren - ist eine wichtige Umgangssprache und Literatursprache, in der zahlreiche indische Autoren und Autorinnen - im Lande selbst wie in der »Diaspora« - veröffentlichen, um eine möglichst große Leserschaft zu erreichen. Und das internationale, auch das deutsche Interesse an Indien, einem Kultur- und Wirtschaftsgiganten, wird immer größer.

Indien, dessen Staatssprache seit 1949 das Hindi ist, besitzt etwa 15 regional gebundene Hauptsprachen sowie über hundert weitere eigenständige Sprachen und unzählige Dialekte. Die indischen Sprachen teilen sich in zwei Gruppen: in die im Norden verbreiteten indoarischen Sprachen und in die im Süden heimischen dravidischen Sprachen.

Erstere gehören zur indogermanischen Sprachfamilie, die auch die iranischen, die slawischen, keltischen, italischen und germanischen Sprachen umfasst. Die ältesten indoarischen Sprachen sind das Vedische, das in den sog. »Veden«, religiösen Texten ab ca. 1300/1200 v. Chr., belegt ist, und seine jüngere Form, das von den altindischen Grammatikern um etwa 500 v. Chr. normierte, grammatikalisch analysierte und geradezu »wissenschaftlich« beschriebene Sanskrit. Das Sanskrit (wörtl.: »das Geordnete«) ist seit etwa 500 v. Chr. die Sprache des hinduistischen Kultus und Ritus, der Priester und der Gelehrten. Sanskrit war jedoch niemals Erstsprache, sondern immer im Unterricht erlernte Zweitsprache, d.h. es war niemals »Muttersprache«, da die Frauen - wie auch die Angehörigen der als »niedrig« definierten Kasten - es nicht erlernen durften.

Aus dem Altindoarischen oder, kurz, Altindischen, entwickelte sich ab ca. 500 v. Chr. das in Inschriften und Texten belegte Mittelindische, zu dem vor allem die Volks- und Literatursprachen Pali und Prakrit gehören. Das Mittelindische war wiederum die Grundlage für die ab ca. 1000 n. Chr. entstehenden neuindoarischen Sprachen. Die bedeutendsten neuindoarischen Sprachen sind - von Westen nach Osten genannt - Sindhi, Rajasthani, Panjabi, Gujarati, Hindi und Urdu (vornehmlich in Uttar Pradesh und Madhya Pradesh verbreitet), Marathi, Bihari, Bengali, Oriya und Assami. Alle diese Sprachen sind hinsichtlich Morphologie (Formenlehre), Syntax (Satzbaulehre), Wortschatz und Semantik (Wortbedeutungslehre) eng mit dem Sanskrit verwandt, als dessen »Enkelinnen« sie betrachtet werden können.

Das Hindi verwendet - wie das Sanskrit - die sog. »Devanagari«-Schrift. Diese entwickelte sich aus der Gupta-Schrift des 4./5. Jh. n. Chr., die wiederum aus der (Nord-) Brahmi-Schrift entstand, die seit dem 3. Jh. v. Chr. inschriftlich belegt ist. Die anderen genannten nordindischen Sprachen besitzen von der Gupta-Schrift abgeleitete, modifizierte Schriften.

Das Urdu entstand ab dem 16./17. Jahrhundert als höfische Literatursprache in den muslimischen Fürstenstaaten und verwendet die arabisch-persische Schrift und zahlreiche Lehnwörter aus dem Arabischen und Persischen. Urdu ist heute die Staatssprache Pakistans, wird aber auch von Millionen indischer Muslime gesprochen (etwa 82% der Inder sind Hindus, ungefähr 12% sind Muslime).

Im Süden Indiens sind die dravidischen Sprachen heimisch, die eine eigenständige südostasiatische Sprachfamilie darstellen; die wichtigsten Vertreter sind Telugu (Andhra Pradesh), Tamil (Tamil Nadu), Kannada und Malayalam (Südwestindien). Jede dieser Sprachen hat ihre eigene Schrift.

Obwohl sie einer ganz anderen Sprachfamilie angehören, weisen die dravidischen Sprachen heute einen starken indoarischen Einfluss im Wortschatz auf, denn unzählige Sanskritwörter sind in die südindischen Sprachen eingegangen; der Mehrheit der Sprecher beider Sprachfamilien ist ja die hinduistische Kultur und Religion gemeinsam. Das Tamil ist seit dem 3. Jh. v. Chr. als Literatur-, Verwaltungs- und Wissenschaftssprache belegt.

Die ältesten altindischen Texte, die sog. »Veden« (»das heilige Wissen«), sind ab 1200 v. Chr. in der ältesten indischen Sprache, dem »Vedischen« verfasst worden. Ab ca. 500 v. Chr. verwendete man das Sanskrit für die religiöse und philosophische, wissenschaftliche und medizinische Literatur; es ist auch die Sprache der altindischen Epik, Dramatik, Lyrik und Romanliteratur. Außerhalb Indiens bekannt geworden sind vor allem die Upanischaden, die ab ca. 600 v. Chr. entstanden sind, daneben die beiden ebenfalls in Sanskrit verfassten Epen Mahabharata und Rama-yana (sie entstanden in den Jahrhunderten um Christi Geburt) und das Liebeslehrbuch Kamasutra. Sanskrit ist niemals zu einer »toten« Sprache geworden; es ist das Medium der Gelehrten und Religiösen bis auf den heutigen Tag. Es gibt sogar Bestrebungen, eine leichtere Form des überaus schwierigen Sanskrit als Staatssprache einzuführen.
In den Mittelindischen Sprachen wurden die buddhistischen Texte und die philosophischen Werke der Jainas, einer bedeutenden Religionsgemeinschaft, verfasst; erstere in Pali (der Begriff »Pali-Kanon« bezeichnet die umfangreichen heiligen Schriften der Buddhisten), letztere in den sog. »Prakrits«. Die Prakrits sind »Volkssprachen« (Prakrit bedeutet »das Natürliche«) und sie erscheinen auch in den Dramen der nachchristlichen Jahrhunderte.

In allen genannten modernen indischen Sprachen gibt es selbstverständlich eine umfangreiche, bis auf den heutigen Tag lebendige Literaturproduktion. Daneben bedienen sich viele indische Autoren und Autorinnen der Kolonialsprachen Französisch, Portugiesisch, vor allem aber des Englischen, das immer noch eine Lingua franca darstellt. (Die Staatssprache Hindi in ganz Indien als Lingua franca durchzusetzen ist am Widerstand vieler Angehöriger der dravidischen Kultur gescheitert.) Es sollte aber nicht vergessen werden, dass die Analphabetenrate in Indien immer noch sehr hoch ist: Nach der letzten Volkszählung (dem Census of India 2001) können 75.85% der männlichen Bevölkerung lesen und schreiben, aber nur 54.16% der Mädchen und Frauen. Aber auch die Analphabeten leben selbstverständlich nicht ohne Literatur, denn Indiens Traditionen mündlich überlieferter Literaturen, vor allem Märchen, Epen, Volksdichtung und Volkstheater, sind alt und bis auf den heutigen Tag lebendig.

Die Entwicklung der indischen Sprachen ist keinesfalls abgeschlossen. So findet unter dem Einfluss des sog. »Hindu-Fundamentalismus« eine Sanskritisierung des Hindi statt, wobei die Urdu-Wörter (die aus dem Arabischen und Persischen stammen) und die Anglizismen entfernt werden. Andererseits bedienen sich die Muslime Indiens und Pakistans eines immer stärker »arabisierten« Urdus, das frei von Sanskrit- und Hindiwörtern ist.

Die Pflege und öffentliche Durchsetzung des sanskritisierten Hindi ist auch ein Anliegen eines erstarkenden Hindu-Bewußtseins (»Hindutva«) vieler Konservativer. So setzte der indische Premierminister Atal Bihari Vajpayee durch, dass die indischen Delegierten in den Versammlungen der Vereinten Nationen nun Hindi anstelle des Englischen verwenden. Er feierte dies mit einem Gedicht, das den Titel trägt: »Hindi erklang in der Welt, ein Traum wurde wahr!«

Dr. phil. habil Renate Syed ist Indologin und Privatdozentin in München.
Vortrag »Die Sprachenwelt Indiens« von Renate Syed am 5. März.




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