13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Postcolonial Writing
Anmerkungen zur indischen Gegenwartsliteratur
von Claudia Wenner

Als Salman Rushdie in seiner 1997 erschienenen Anthologie »The Vintage Book of Indian Writing 1947-1997« verkündete, daß die Prosa englisch schreibender indischer Autoren über zeugender und bedeutender sei als alles, was in den letzten fünfzig Jahren in den 16 anderen offiziellen Sprachen Indiens erschienen ist, ging ein langer Aufschrei durch Indiens Literatenwelt. Harish Trivedi, Englischprofessor an der Delhi University, schrieb, diese radikale Verunglimpfung der Indischen Literatur habe nur eine einzige historische Parallele, nämlich Lord Macaulays notorische Behauptung, ein einziges Bücherbord einer guten Europäischen Bibliothek sei so viel wert wie die gesamte Literatur Indiens und Arabiens. Auch schien die alte Debatte, ob Englisch als Sprache der Indischen Literaturen überhaupt legitim sei, wieder aufzuleben, zwei Jahrzehnte nachdem ausgerechnet Rushdies selbstbewußter und geradezu tollkühner Umgang mit dem Englischen diese Diskussion hinfällig gemacht hatte. Während sein Roman Mitternachtskinder in der westlichen Welt zum paradigmatischen postkolonialen Text und bedeutendsten Werk aus der Dritten Welt avancierte und gleichzeitig als Prototyp des postmodernen Romans gesehen wurde, war er in Indien wesentlich am Wiederaufleben der indisch-englischen Literatur beteiligt. Der Schriftsteller und Filmemacher Ruchir Joshi erklärt die befreiende Wirkung, die von Rushdies Roman ausging: »Wir feierten unter anderem die - wie wir glaubten - definitive Botschaft, daß wir als Inder oder Pakistanis oder Südasiaten kein Englisch schreiben mußten, das zu fünfzig Prozent aus Story und zu fünfzig Prozent aus erklärenden An merkungen für einen imaginären ausländischen Leser bestand. Zudem war hier der Nachweis erbracht worden, daß wir jetzt sogar auf Englisch so erzählen konnten, wie es unserem eigenen Empfinden entsprach, daß wir Englisch-Wallas jetzt auch Zu gang zu dem ganzen dichten, bunten Dschungel der Erzählweisen hatten, in dem sich die Autoren und Geschichtenerzähler der anderen indi schen Sprachen seit Jahrtausenden tummelten. Wir feierten auch die unbestreitbare Tatsache, daß die impe rialistische Vorherr schaft des Neunzehnten-Jahrhundert-Realismus endlich vorbei war, daß wir das große unausgesprochene amerikanische und eu ropäische Edikt endlich los waren, das lautete »Wir kümmern uns um alles Experimentelle, und ihr halbmodernen Bazillen könnt in jedem Stil kritzeln, so lange ihr wie Dickens klingt und uns alles erklärt.«

Während es um die Altmeister der indo-englischen Literatur - R. K. Narayan, Raja Rao, Mulk Raj Anand, Kushwant Singh -, ebenso still geworden war wie um die nachfolgende Generation, zu der z.B. Anita Desai, Ruth Jhabvalla und Kamala Markandaya gehören, erschienen ab Mitte der Achtziger Jahre Autoren wie Amitav Ghosh, Vikram Seth, Rohinton Mistry und I. Allan Sealy, die einen neuen Ton anschlugen. Ihr Verhältnis zur englischen Sprache ist unbeschwerter, oft ist es ihre erste und manch mal die einzige Sprache, in der sie sich schriftlich ausdrücken können, auch wenn sie mit mehreren Sprachen aufgewachsen sind. Die Beherrschung des Englischen, das wie einst Sanskrit oder Persisch immer Sprache der gebildeten Elite war, führt jedoch nicht mehr wie einst zur bewußten Pflege der sogenannten Regionalsprachen. Sie haben nicht nur durch die Globalisierung an Prestige eingebüßt, sondern auch da durch, daß Englisch und nicht die verordnete Nationalsprache Hindi zu einer Art »Lingua franca« wurde, die heute unerläßlich für jede Karriere ist.

Spätestens seit Arundhati Roys Gott der kleinen Dinge boomt die indo-englische Literatur und wird von den indischen Medien gefeiert, während die indischen Literaturkritiker skeptisch bleiben und sich oft feindselig gebärden, nicht zuletzt wegen der exorbitanten Vorschüsse, die westliche Verlage an die Autoren zu zahlen bereit sind und an denen die Werke gemessen werden. Exotistische Anbiederung an den westlichen Markt wird unterstellt, und die Verdächtigungen fachen die Authentizitätsdebatte neu an, die in den 60er Jahren begann. Was macht einen Roman zu einem indischen Roman, wird gefragt, und kann ein Inder, der im Ausland lebt, als indischer Schrift steller gelten? Die Antworten fallen je nach Literaturbegriff unterschiedlich aus.

Ananthamurthy beispielsweise oder Mahashweta Devi haben Englisch gelehrt, schreiben aber bewußt in Kannada bzw. Bengali. Das ungebrochene Selbstverständnis der am Unabhängigkeitskampf beteiligten Gandhi-Generation fehlt ihnen jedoch. »Diese Generation fühlte sich mit dem Schicksal der breiten Masse Indiens verbunden, und das war für uns nach der Unabhängigkeit nicht mehr so. Sie dachten wirklich, sie würden für das ganze Land schreiben und sprechen«, schreibt Ananthamurty. In einem In terview vom letzten Jahr spricht er über das falsche Leitbild des europäischen Nationalstaats: »Je gebildeter heute jemand ist, desto weniger Sprachen spricht er, weil er der Europäischen Vorstellung von der Einsprachigkeit und Monokultur nach eifert. Aber Inder haben immer mehrsprachig gelebt, es gibt die Sprache, die wir zu Hause sprechen (ich nenne sie nicht die Muttersprache), dann die, die wir sprechen, wenn wir das Haus verlassen, und schließlich Englisch, um uns zu verständi gen.« Trotzdem finden sich auch jüngere Schriftsteller, die lieber in ihrer »Haussprache« schreiben, aber oft erst wahrgenommen werden, wenn sie in englischer Übersetzung erscheinen oder einen Literaturpreis erhalten - den altehrwürdigen Jnanpith Award beispielsweise, der für alle Sprachen mit Ausnahme von Englisch vergeben wird, oder den Crossword Award für Eng lische und ins Englische übersetzte Bücher, den es erst seit ein paar Jahren gibt. »Hätte ich meinen Roman Mai nicht auf Hindi sondern auf Englisch geschrieben, hätte ich sicher eine größere Leserschaft erreicht. Als Mai nach zehn Jahren in eng lischer Übersetzung vorlag, habe ich in nerhalb eines Jahres mehr Rezensionen, Interview- und Phototermine bekommen als in der gesamten Zeit davor«, sagt Geetanjali Shree. Übersetzungen von einer Regionalsprache in die andere sind heute seltener geworden, meistens wird ins Englische über setzt, weil die Au toren und Verlage sich er hoffen, auf diese Weise nicht nur in Indien wahrgenommen zu werden. Neben der staatlichen Sahitya Akademi, die Anthologien mit englischen Übersetzungen aus 22 indischen Sprachen ver öffentlicht hat und jedes Jahr den renommierten Sahitya Akademi Award vergibt, hat der 1985 gegründete englischsprachige Verlag Penguin India begonnen, Übersetzungen zu veröffentlichen. Katha wählt seit 1991 jährlich die besten Kurzgeschichten in den offiziellen Sprachen aus und prämiert sie, und Macmillan und Picador, India haben Reihen mit moderner indischer Literatur in Übersetzung ins Leben ge rufen. Amit Chaudhuri, der die Picador-Reihe betreut, hat zum Auftakt eine Anthologie moderner indischer Literatur herausge geben, ein engagiertes Lesebuch sorgfältig ausgewählter und kommentierter Prosatexte aus mehreren Sprachen, das gleichzeitig die vielleicht konstruktivste Art darstellt, Rushdie zu antworten.

Claudia Wenner ist Literaturkritikerin und Übersetzerin. Sie lebt abwechselnd in Pondicherry/Südindien und Deutschland



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