13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Ich bin Du und Du bist Ich
Zur politischen Situation Indiens
von Ilija Trojanow

I
n einem Film von Richard Attenborough sitzt Gandhi auf einer Uferbalustrade in seiner Heimatstadt Porbander und sagt zu dem amerikanischen Journalisten Walker: »Meine Familie gehörte der Pranami-Sekte an, Hindu natürlich. Aber in unserem Tempel pflegte der Priester aus dem islamischen Koran sowie aus der hinduistischen Gita zu lesen, von dem einen zum anderen wechselnd, so als wäre es bedeutungslos, aus welchem Buch gelesen wird, solange Gott angebetet wurde.« Gandhis Zugehörigkeit zur Pranami-Tradition (wie der Sikhismus und der Kabir Panth eine synkretistische Glaubensbewegung) wird in offiziellen Legenden meist unterschlagen, doch sie weist auf die alte indische Tradition des Dialogs und der Vermischung von Religionen.

Die Geschichte der Synthesen endete mit der Teilung Indiens und Pakistans vor gut 50 Jahren, die durch Kaschmir ging. Seitdem ist »das schöne Tal« zum Spielball im Kampf zwischen zwei unsicheren, jungen Nationalstaaten geworden, zum Schlachtfeld ihrer politischen Rhetorik. Nachdem am 13. Dezember 2001 schwerbewaffnete Männer das indische Parlament überfallen haben, ist der jahrzehntelange Konflikt zwischen Indien und Pakistan um die Kaschmir-Region erneut entflammt. Kaschmir, in seiner langen Geschichte immer wieder ein unabhängiges Königreich, ist zu etwa 80% moslemisch besiedelt. Jammu & Kaschmir ist somit der einzige mehrheitlich moslemische Bundesstaat in Indien. Das islamische Pakistan möchte den Prozeß der »Zwei-Nationen-Werdung« vollenden. Indien möchte beweisen, daß es ein multireligiöser, säkularer Staat ist, zu dem auch eine überwiegend moslemische Region gehören kann. Beide Seiten haben die fragile kulturelle Ökologie der Region zerstört. Vor allem in den letzten zehn Jahren, in denen auf den bewaffneten Freiheitskampf islamischer Gruppen eine brutale Antwort der indischen Armee folgte. Zudem regieren zu beiden Seiten der Grenze korrupte Eliten, die von der Aufrüstung und dem Ausnahmezustand bestens profitieren.

Zu den Mantras der seit einigen Jahren in Indien regierenden konservativen BJP gehört die Warnung vor einem stets aggressiven, stets zerstörerischen Islam, der das Goldene Zeitalter der hinduistischen Kultur beendet und verbrannte Erde zurückgelassen habe. Die Anhänger der BJP sowie der ihr nahestehenden Organisationen RSS (eine paramilitärische Vereinigung), Bajrang Dal (eine Schlägertruppe) und VHP (die »Weltfamilie der Hindus«) empfinden daher die Vielfalt und Freiheit der hinduistischen Tradition als Schwäche und setzen sich mit Agita-tion, Einschüchterung und Gewalt zur Wehr. Hinduistische Ideologen arbeiten forciert an einer Neufassung der indischen Geschichte, schreiben Schulbücher um und zensieren Wahrheiten, die den »Stolz der Nation verletzen«. Typisch war vor kurzem der aggressive Protest der Shiv Sena, eines Koalitionspartners der BJP, gegen ein Schulbuch, das den Kriegsherrn und regionalen Volkshelden Shivaji als Sohn von Unberührbaren vorstellte. Das Buch wurde rasch aus den Klassenzimmern zurückgeholt. Bemerkenswert war jedoch, dass niemand die historische Wahrheit des Textes bestritt.

Schon der Begriff des Hinduismus, der sich der kolonialen Sprachregelung verdankt - Hindus sind diejenigen, die hinter dem Indus-Fluß leben, eine Nomenklatur, die offensichtlich nicht von den Indern selbst stammen kann -, behauptet eine ahistorische Homogenität. Das sanatan dharma ('ewiges Gesetz'), wie traditionelle Hindus ihren Glauben nennen, kennt keinen Kanon, keine Linearität. Im Meer geistiger Traditionen gibt es die Untiefen alter Opferrituale, dualistische Strömungen und monistische Gegenströmungen, lokale Strudel animistischer Verehrung und hohe Wellen philosophischer Abstraktion. Alles lässt sich finden, außer Einheitlichkeit. Diese Geisteswelt war also wie keine zweite in der Lage, den Islam zu verführen, ihn in eine intime Beziehung zu locken, der allerlei Mischlingskinder entsprangen.

Natürlich waren die moslemischen Eroberer, seien es Araber, Perser, Türken oder Mongolen, anfänglich brutal wie jede einmarschierende Armee, wie die Hunnen oder Goten, wie die Konquistadoren oder die Wehrmacht. Aber die Trennlinien waren nicht unbedingt religiöser Natur. Als der hinduistische Somnath-Tempel im westindischen Gujarat 1024 von Mahmud von Ghazni zerstört wurde, leisteten die arabisch-moslemischen Händler der Stadt Widerstand. Und auf Ghaznis Seite kämpften Söldner aus dem südlichen Indien, allesamt Hindus.

Kaum hatten moslemische Generäle und Sultane ihre Herrschaft etabliert, wandten sie sich einem um Machterhalt und Bereicherung bemühten Regieren zu. Obwohl sich die moslemischen Chronisten immer wieder in einer Rhetorik des bilderstürmenden Puritanismus gefallen, wurden religiöse Fragen im Alltag eklektisch und unideologisch gehandhabt. Viele Herrscher beschäftigten hinduistische Minister und assimilierten die lokalen hinduistischen Eliten, solange sie ihnen Treue schworen. Probleme traten nur auf, wenn diese Eliten Widerstand leisteten oder gar einen Aufstand wagten.

Durch die Jahrhunderte waren Konflikte überwiegend politisch, materiell begründet. Die Behauptung vom zivilisatorischen Graben zwischen Islam und Hinduismus, zuerst von britischen Kolonialhistorikern proklamiert und später von rabiaten Nationalisten auf beiden Seiten, hat sich als »self-fulfilling prophecy« erwiesen. Mit der Teilung des Subkontinents 1947 in einen hinduistischen und einen moslemischen Staat wurde ein Status Quo etabliert, der die Vermischungen und Verflechtungen in das Korsett der Homogenität presst. Die von BJP-Politikern angestachelte Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya 1992 durch einen »unkontrollierbaren Mob«, in deren Folge Tausende Menschen bei Massakern umkamen, war der vorläufige Höhepunkt dieser gegenläufigen Tendenz. Sie steht, wie alle ihre düsteren Vorläufer, in einem bestimmten sozialpolitischen Kontext der Bedrängnis, des Machtkampfes. In solchen Zeiten geraten die wunderschönen Zeilen des Dichters Amir Khusrau aus dem 12. Jahrhunderts allzu schnell in Vergessenheit: Manto shudam to man shudir - Ich bin Du und Du bist Ich.

Ilija Trojanow, bulgarisch-deutscher Schriftsteller und Publizist, lebt seit vier Jahren in Bombay.




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