13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
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Indien grundsätzlich
von Martin Kämpchen

I
ndien war wieder in den Nachrichten. Die Gründe sind leider nicht die besten. Krieg vor Indiens Haustür, nämlich in Afghanistan, Terroranschläge in Kaschmir und auf das Parlament in Neu-Delhi, neuer Konflikt mit Pakistan... Ein Land - mit einer Milliarde Menschen das zweitgrößte der Welt -, das mit einer fortdauernden Kultur von rund fünftausend Jahren eines der ältesten und vielseitigsten Völker der Welt beheimatet, kommt in unseren Medien beinahe nur in den Katastrophenmeldungen vor.

Als diese Ereignisse die westlichen Medien überschwemmten, war in Indien gerade Winter. Der letzte Monsunregen war reichlich gefallen, die Reisernte blieb von Überschwemmungen, Dürren und Wirbelwinden unbeeinträchtigt. Also konnte sich die Landbevölkerung entspannen und sich den turbulent-bunten Erntedankfesten mit ihren Jahrmärkten, Theateraufführungen und dem Kirmesbetrieb hingeben. Das Volk hatte Brot in den Scheuern, nun durfte es auch die Spiele genießen. Kein Echo von der Kriegsaufwiegelei oder ihrer Besänftigung war zu vernehmen. Der Puls des Lebens in Indien schlägt anders, nämlich mit den Kreisläufen der Jahreszeiten. Nahrung und Arbeit hängen bei einer Mehrzahl der Bevölkerung vom Zusammenwirken mit der Natur ab. Indern sagt man fehlende Disziplin und Lethargie im Erfüllen der Pflichten nach. Doch sobald der Monsunregen die Felder durchnäßt hat, gehen die Bauern im gesamten Land von der Morgen- bis zur Abenddämmerung hinter dem Pflug. Sie pflügen und säen, jäten, ernten, dreschen mit einer traumwandlerischen Disziplin und geradezu vehementer Pflichterfüllung, die über die Jahrhunderte hin in Fleisch und Blut übergegangen sind.

Indien überlebt aus diesem Ethos der Landbevölkerung. Der Hinduismus (zu dem sich heute 83% der Bevölkerung bekennen) entstand als Religion von Hirten und Jägern und bewahrt sich diese pastorale Vergangenheit bis heute. Er versucht, die Menschen mit den Grundelementen der Schöpfung in eine Beziehung zu bringen: mit der Sonne und dem Feuer, dem Wasser, der Luft, der Erde, den Bergen, den Bäumen. Auf unterschiedliche Weise gewinnt der Hindu Kraft, Segen und Trost durch diese pantheistische Neigung zum Elementaren. Es ist eine Beziehung, die wir Europäer erst mühsam über Kanäle des Verstandes zurückerobern. Diese Kosmosfrömmigkeit wirkt auch in modernen Indern weiter.

Der Islam, der sich nach und nach den ganzen Norden Indiens eroberte, trat um das Jahr 1000 aus dem Nordwesten in den Subkontinent ein, also etwa um jene Zeit, als sich in Europa das Christentum in ein östliches des Mysteriums und ein westliches des Rechts und Verstandes spaltete. Der Islam brachte in die Atmosphäre barock verschlungener hinduistischer Vielfalt einen Sinn für Strenge und für Ordnung ein. Die Muslime kamen als Eroberer, so wie später die Briten. Der Islam hat in der hinduistisch geprägten Kultur Spuren hinterlassen, doch umgekehrt hat er auch Wesentliches vom Hinduismus angenommen.

Elf Prozent der indischen Bevölkerung sind Muslime. Sie sind für ihren starken Glauben und ihre geradezu demonstrative Glaubenspraxis bekannt. An Feiertagen beten sie in langen Reihen auf Plätzen vor den Moscheen oder auf verkehrsberuhigten Straßen. Viele tragen muslimische Kleidung und die charakteristischen Vollbärte. Der Ruf zum Gebet dringt über Lautsprecher von den Minaretten jeder Moschee. Als eine Minderheit haben die Muslime den natürlichen Wunsch, ihre Identität auch nach außen hin zu bekunden. Darin verhält sich die christliche Minderheit Indiens nicht anders. Doch setzen sich die Muslime auch durch manche Gebräuche, etwa durch den Konsum von Rindfleisch, von den Hindus ab, denen die Kuh als heilig gilt. Hindus sehen Muslime häufig als roh und gewalttätig an, gerade weil sie Rindfleisch essen, aber auch weil sie als Minderheit zusammenhalten und sich bei Angriffen auf einen Einzelnen gemeinsam verteidigen.

Das ist jedoch nur die eine Seite der Beziehungen von Hindus mit Muslimen. Die andere ist, daß ein jahrhundertelanges enges Zusam-menleben eine beträchtliche gesellschaftliche und kulturelle Vermischung herbeigeführt hat. Einmal ist die Muttersprache fast aller indischer Muslime die der Region, in der sie leben. In den Koranschulen lernen sie zwar Arabisch, in Nordindien sprechen sie in den Familien vielfach Urdu, eine Mischsprache aus Hindi und Arabisch. Doch verständigen sie sich außerhalb von Familie und Moschee in den Landessprachen. Der spezifisch indische Islam - der Sufismus - ist vom Hinduismus beeinflußt, andererseits ist die allgemein akzeptierte klassische Vokal- und Instrumentalmusik Nordindiens vom Islam geprägt, und viele wichtige Vertreter sind bis heute Muslime. Diese Musiker werden von muslimischen wie Hindu-Musikliebhabern verehrt, und sie nehmen Schüler aus dem Islam wie aus dem Hinduismus an. Der Hindu Ravi Shankar zum Beispiel, der im Westen bekannteste Sitarspieler, hatte einen muslimischen Guru. Kaum ein gebildeter Inder denkt über die Glaubenszugehörigkeit nach, wenn es um Musik geht - oder um Literatur und Kunst. Indiens bekanntester Maler, M. F. Husain, ist Muslim. Er malt aber auch, und zwar mit Vorliebe, Hindu-Gottheiten und Themen aus der Hindu-Mythologie.

Es geschieht nicht selten, daß Muslime an den religiösen Festen der Hindus auf einer gesellschaftlichen Ebene teilnehmen. So kürzlich in meiner Umgebung: Die Hindus eines Dorfes feierten die Kali-Puja, das Fest zu Ehren der Göttin Kali. Die muslimischen Nachbarn trugen zu seiner Finanzierung bei und halfen beim Aufbau der Halle. Zwar feierten sie nicht die Gottesdienste mit, doch nahmen sie an dem Festessen danach teil. Gibt es Streit und Spannungen zwischen Hindus und Muslimen in Indien, dann meist aus politischen Gründen: weil Politiker bestehende Unterschiede für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Das war vom Anfang das Dilemma des modernen indischen Staates: die Ausbeutung der religiösen Gefühle durch die Politik. Ein relativ friedliches Nebeneinander von Hindus und Muslimen wurde politisch so stark emotional aufgeladen, daß die Anführer der beiden Religionsgruppen schließlich nicht mehr glaubten, in einem Land zusammenleben zu können. Es kam 1947 zur Teilung des britischen Kolonialreiches Indien in die indische Union und in Pakistan. Gleichzeitig erhielten beide Länder die politische Freiheit, für die mehrere Generationen von Freiheitskämpfern sehr viel Lebenszeit und oft auch ihr Leben geopfert hatten. Die Teilung in ein mehrheitlich muslimisches Pakistan und ein mehrheitlich hinduistisches Indien hatte die Flucht riesiger Völkermengen von einem Land ins andere zur Folge: die indischen Muslime flohen nach Pakistan, die pakistanischen Hindus nach Indien. Der Haß aufeinander verursachte einen Holocaust, wie ihn das Land bisher nicht erlebt hatte. Bis heute sind die Teilung, der Verlust von Haus und Heimat und die Massaker das Trauma der Nation. So begann die Unabhängigkeit von den Engländern unter einem schlechten Stern. Mahatma Gandhi, weltweit bekanntester indischer Freiheitskämpfer, hatte versucht, durch seine Strategie der Gewaltlosigkeit die Freiheit zu erreichen und mußte das Blutbad miterleben.

Bedenkt man die enorme ethnische, linguistische, religiöse und kulturelle Vielfalt des Landes, ist es ein Wunder, daß Indien nicht zersplittert. Nicht einmal der Hinduismus ist eine Religion, sondern eine Gruppe von Kulten, die nur wenige gemeinsame Elemente zusammenhalten. Das Christentum in Indien ist um einige Jahrhunderte älter als das in Mitteleuropa. Der Buddhismus und Jinismus, beides vorchristliche Reform-Religionen des Hinduismus, haben zwar ihren Ursprung auf indischem Boden, sie haben sich auch darauf entfaltet, doch der Buddhismus ist in die Randländer nach Süden und vor allen in den Osten und Norden gedrängt worden, während der Jinismus auf den nordwestlichen Zipfel Indiens zusammengeschrumpft ist. Die indischen Ureinwohner (Adivasis) sind von allen Ethnien und Religionen Indiens die unbekanntesten, obwohl im ganzen Land verstreut rund 70 Millionen Mitglieder unterschiedlicher Stämme wohnen. Das sind beinahe so viele Menschen, wie in Deutschland leben. Sie praktizieren zum großen Teil noch ihre Naturreligionen, denen magische und schamanische Elemente nicht fremd sind.

Dieses Miteinander niederer und höchster Entwicklungsstufen des religiösen, kulturellen und zivilisatorischen Lebens fasziniert an Indien. Das Land hat nicht als Schmelztiegel gewirkt, wie Nordamerika, sondern (etwa durch sein Kastendenken) als Bewahrer der Geschichte. Diese Tendenz hat vielfach antimoderne Züge, und man wünschte sich als westlicher Beobachter stärkere soziale Dynamik. Daß es aber gerade in einer modernen Regierungsform, in der die Religionen und die Menschen als gleich vor dem Gesetz gelten, nämlich mit der »säkularen Demokratie« gelingt, dieses Land zusammenzuhalten, ist darum ein großes Kompliment an den Ethos Indiens.

Martin Kämpchen ist Schriftsteller, Übersetzer und Indien-Kulturkorrespondent der FAZ.




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