13. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2002
Kurzinfo
Einführung
Autorinnen und Autoren
Gesprächspartner / Moderatoren ...
Veanstaltungskalender
Lesenächte, Symposien ...
Begleitveranstaltungen / Ausstellungen
Kinderprogramm
Filmprogramm
Artikel
Impressum
Veranstalter
Presseschau
Archiv
Home

Indien: Zwischen Mythen und Mausklick
Mit 20 indischen Autorinnen und Autoren zeigt die 13. Internationale
Frühjahrsbuchwoche Facetten eines (literarischen) Kontinents

W
enn es einen Ort gibt, wo alle Träume seit den ersten Tagen, da der Mensch zu träumen begann, eine Heimat gefunden haben, dann ist es Indien«, schrieb Romain Rolland. Andere teilten die Faszination: Novalis, Marx, Hesse und C.G. Jung, Nietzsche, Sloterdjik, Jean Paul und die Beatles. Und der Indologe Max Müller fragte Studenten im britischen Empire: »Was können wir von Indien lernen?« Ein Affront bis heute. Die Übermacht des Westens scheint klar. Medienbilder zeigen Traumata, nicht Träume: Naturkatastrophen, Hungerleider, esoterische Schwärmer, Kasten- und Religionskonflikte im Panjab, in Hyderabad, immer wieder in Kaschmir. Die Gewalt der Frommen, nennt der Psychiater und Romancier Sudhir Kakar den hinduistischen und islamistischen Terror am Brennpunkt Indien, dem Elendsland, Sehnsuchtsland, Boom-Land.

Mit dem Zusammenbruch sozialistischer Systeme entschied sich auch Indien 1991 für wirtschaftliche Liberalisierung und Joint Ventures. Bisher resistent gegen Aufklärung und Moderne, importierte das Land nun Coca Cola und exportierte Computer-Kulis. Zum Mythos Indien kam das Cyberwunder. Gelbe Telefon-Buden allüberall; ISDN und Internet vernetzen Indien mit dem Rest der Welt. Zu Abdul Bismillahs Song of the Loom, zum Lied des Webstuhls und der Fron von Seidenwebern in Benares kamen Cybercities wie Bangalore und die kaufkräftige Mittelschicht mit einer Vorliebe für Pizza-Service und Lifestyle. Neben der 5000 Jahre alten Kultur entstand eine Medienlandschaft mit 90 Fernseh-Kanälen und Murdoch’s »Wer wird Millionär?«. Von Literatur keine Spur in den Zeitungen. Bücher finden nicht statt, klagt der Schriftsteller Kiran Nagarkar, »und wenn das Buch stirbt, stirbt das Denken«. Changing Realities in der größten Demokratie der Welt. Eine Gesellschaft im Umbruch. Hierarchien bleiben. Ungewöhnlich noch immer, wenn Gagan Gill das Verlangen einer Frau ins Zentrum ihrer Gedichte rückt. Shashi Deshpande erfindet eine berufstätige Frau als Romanfigur, aber hinter der modernen Fassade herrscht das alte Patriarchat. Vergangenheit und Zukunft fallen in der Gegenwart zusammen. Babas und Bytes, Mythen und Moderne existieren zeitgleich. Mit dem Ochsenpflug fährt Indien ins Global Village. Eine Reise vom Dorf in die Stadt ist eine Reise vom 19. ins 21. Jahrhundert. Ganz normal, wenn Vikram Chandra seinen Affenmenschen im Tanz der Götter an die Schreibmaschine setzt und vom Affengott aus dem Ramayana beschützen läßt; wenn Shashi Tharoor die Helden des 2000 Jahre alten Nationalepos Mahabharata ins 20. Jahrhundert schickt; wenn Dilip Chitre den Mystiker Tukaram aus dem 17. Jahrhundert ins Heute holt und Sunil Gangopadhyay seinen Flüchtlingsjungen im Roman Arjun nennt, wie einen Helden des Mahabharata. Immer wieder bezieht sich die Literatur von heute auf dieses Epos.

Verblüfft über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die Symbiose von Mythen und Moderne, ist nur der Fremde, ausgeliefert diesem Ansturm der Klänge, Düfte, Bilder. Rückzug zwecklos. Hilfreich nur: Sehen, Hören, Bleiben, Lesen in dieser Welt, in der das Übermaß an Realität die Wirklichkeit unwirklich macht. Vikram Chandra, auch Sudhir Kakar und Amit Chaudhuri schreiben an diesem Schnittpunkt der Sinne, Zeiten, Künste. Was der Westen programmatisch »Crossover« nennt, ist für Roman- und Drehbuch-Autoren wie Chandra und Chitre selbstverständlich. Unter dem Titel »Buch, Bild, Bollywood« debattieren vier Autoren die enge Beziehung der Künste: die Schriftsteller und Drehbuchautoren Kiran Nagarkar und Bapsi Sidhwa, der Kunstkritiker und Dichter Ranjit Hoskote und Gulzar, der über den Film zur Lyrik kam.

Nur konsequent ist es da, wenn die Ausstellung indischer Handschriften in der Bayerischen Staatsbibliothek mit Lesung und Tanz aus dem »Mahabharata« eröffnet, visuelle, darstellende, schriftliche Kunst verbindet. Musik und Film erweitern das belletristische Programm der Frühjahrsbuchwoche. Wer Fragen hat und die informelle Begegnung mit den indischen Gästen sucht, ist willkommen im Café India.

Zum ersten Mal riskiert die Internationale Frühjahrsbuchwoche München die Annäherung an einen so fernen »literarischen Kontinent«. Viel ist geboten: Innenansichten in die fremde Welt der Brahmanen von Ananthamurthy; neue, flirrende Geschichten von Raj Kamal Jha im Stil des Nouveau Roman; Pankaj Mishra am Ganges auf den Spuren Flauberts; Frauenschicksale bei Shashi Deshpande; epische Bilderreigen bei Vikram Chandra; historische Kulissen bei Kiran Nagarkar, der mit Göttern, Heiligen, Rajas aktuelle Probleme Indiens benennt: Reformstau, Korruption und Bruderzwist.

Aufregend ist nicht nur das Fremde, sondern auch, wie wenig exotisch indische Literatur sein kann: Einsamkeit, Liebe, Tod - die universalen Themen des Lebens beschäftigen Nirmal Varma, den Freund Vaclav Havels, der, an westlicher Literatur geschult, dennoch auf Hindi schreibt und zum wichtigsten Autor dieser Sprache wurde, fern von den bilderbunten, klangfrohen Familien-Epen von Amitav Gosh, Vikram Seth, Jhumpa Lahiri, dem Hinglish Arundhati Roys oder der Magie Salman Rushdies.

Die indo-englische Literatur der »Expatriates« boomt im Ausland. Auch in Indien gewinnt Englisch an Boden. Harper Collins, Picador, Penguin Books London eröffneten indische Filialen. Shootingstar Raj Kamal Jha eroberte auch indische Bestseller-Listen, aber Fakt ist: nicht mal 20% aller Inder verstehen Englisch! Zwei Drittel der Literatur Indiens existiert in indischen Sprachen! Nach den USA und Großbritannien ist Indien der weltweit drittgrößte Produzent englischsprachiger Bücher, aber wer hat bei einem Lehrergehalt von 5000 Rupien schon 150 übrig für Kiran Nagarkars Cuckold? Premierminister Vajpayee ist Dichter, aber die Unesco schätzt für Bundesländer wie Uttar Pradesh 70% Analphabeten. Über 50% sind es im Landesdurchschnitt, bleiben aber immer noch 500 Millionen potentielle Leser im Millardenland! Niedrige Auflagen von maximal 2000 Stück sind die Regel, Gangopadhyay jedoch schafft allein in Bengalen 15.000! Aber auch für die Statistik gilt das indische Prinzip der Vielfalt. 12.000 Neuerscheinungen im Jahr schätzt die Unesco, von 60.000 sprach der National Book Trust India im Januar auf Indiens größter Buchmesse in Delhi. Ob 10.000 oder 60.000, auf alle Fälle produziert Indien weit weniger als das kleine Deutschland - dafür in 22 Sprachen!

Salman Rushdie brachte die Literaturen indischer Sprachen in Mißkredit, die Autorin und Literaturkritikerin Nabaneeta Dev Sen hatte allen Grund, ihm zu widersprechen: Renommierte Autoren wie Gangopadhyay, Ananthamurty und Ashokamitran schreiben in Bengali, Kannada, Tamil und anderen Sprachen, die Rushdie nicht spricht, die kaum Übersetzer finden, hierzulande ungelesen, also unbekannt bleiben.

Die 13. Internationale Frühjahrsbuchwoche beginnt deshalb mit der »Polyphonie der Stimmen« einer Indischen Nacht: Neun Autoren lesen in sieben Sprachen. Zu hören sind: Hindi, Kannada und Bengali, die Sprache Tagores, Urdu von Rajvinder Singh, Marathi von Bombays vielsprachigem Porträtisten Dilip Chitre, Tamil von Ashokamitran, der neue Erzählungen vorstellt.

Das Symposion am Sonntag fragt: »All India - Geteiltes Land oder Großer Plural?« mit Blick auf die sprachliche und kulturelle Vielfalt Indiens, aber auch auf religiöse, soziale und politische Barrieren, auf Atomtests in Rajasthan, Krisen in Kaschmir. Bis heute leidet Indien unterm Trennungsschmerz, seit Pakistan (1947) und Bangladesh (1972) eigenständige muslimische Staaten wurden. Entwurzelung hieß das für Sunil Gangopadhyay aus Bangladesh, für Keki Daruwalla und Bapsi Sidhwa aus dem heutigen Pakistan, beide Präsidentenberater ihrer Länder, bis zu ihrem Rückzug in die Literatur. Shashi Tharoor formuliert seine Diagnose als UN-Mitarbeiter in New York, Abdul Bismillah aus muslimischer Perspektive. Immer wieder werden Religionen instrumentalisiert im Kampf um die Macht. Brennende Tempel, zerstörte Moscheen, Übergriffe auf Christen lassen oft vergessen, wie friedlich der Parse Daruwalla, der Hindu Ananthamurty, der Moslem Bismillah in Indien koexistieren können.

So liberal die Wirtschaft, so konservativ ist aber die Tendenz in Kultur und Gesellschaft. 70 Jahre nachdem R.K.Narayan dem Englischen im literarischen Indien den Weg geebnet hat, haben Fundamentalisten das Sagen. Sie zerstören Cricket-Pokale als Trophäen eines ‘unindischen’ Sports, vertreiben die indo-kanadische Regisseurin Deepa Mehta bei Dreharbeiten am Ganges, attackieren indo-englische Autoren wie Hoskote oder Nagarkar. Wie ko-existieren Ost und West? diskutieren Sudhir Kakar, der Erforscher der indischen Seele, Vikram Chandra, der Pendler zwischen Washington und Bombay, Amit Chaudhuri, der aus Oxford nach Kalkutta zurückkam, und Ananthamurthy, der Star aus Karnataka, der bewußt Kannada als Literatursprache wählte. Und: was heißt eigentlich ‘indisch’?

Wie ‘indisch’ ist Anita Desai mit ihrer deutschen Mutter, dem ben-galischen Vater, dem Zuhause in Massachusetts? Wie schafft Münchens berühmteste Inder Zubin Mehta die multinationale Symbiose zwischen Indien, München und den USA? Oder der Komponist Sandeep Bhagwati, der Inder in Berlin? Seine Kompositionen nach Gedichten von Dilip Chitre - eine Uraufführung im Rahmen der Deutsch-Indischen Nacht - ist ein musikalischer Höhepunkt dieser Frühjahrsbuchwoche, die wieder ein Netz spannt zwischen Literatur und anderen Künsten, Ereignissen und Institutionen. Das reicht von der Klassiker-Lesung in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste bis zur »bayerischen Entdeckung« Indiens in der Monacensia, von der Filmreihe in der Lupe2 bis zum Kinderfest im Rumfordschlößl. Tänzer, Musiker, Schauspieler sind Partner, und deutsche Autoren wie Thorsten Becker, Ulrike Draesner, Gert Heidenreich, Felicitas Hoppe, Albert Ostermaier, Indien-Reisende im letzten Jahr.

Indien muß man riechen, schmecken, hören, sehen. Das Licht, das Indiens Farben täglich neu erfindet, die Trommeln, Glocken, Muezzine - all das läßt sich nicht ins ferne München tragen, aber Duft-Installationen von Timm Ulrichs und Klanglandschaften von Peter Pannke sind Schnittpunkte zwischen Dort und Hier. Sie erinnern an Hermann Hesses Resumée: »Wer einmal nicht nur mit den Augen, sondern mit der Seele in Indien gewesen ist, dem bleibt es ein Heimwehland.«

Cornelia Zetzsche


Internationale Frühjahrsbuchwoche München Landeshauptstadt München Kulturreferat