12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Die zweite Schöpfung
Sonntag, 11. März, Literaturhaus
Moderation: Ulrich Schnabel

14.00 Uhr
Wunder aus der Retorte - Mit Dolly in die Zukunft?
Ian Wilmut im Gespräch mit Joachim Müller-Jung
15.45 Uhr
"Gehirngespinste" – Von künstlicher und natürlicher Intelligenz
Valentin Braitenberg im Gespräch mit Jeanne Rubner
17.30 Uhr
Brave new Cyberworld – Virtuelle Verheißungen
Margaret Wertheim im Gespräch mit Ernst Wilhelm Händler

In Zusammenarbeit mit der Burda Akademie zum Dritten Jahrtausend und der Stiftung Literaturhaus


Spätestens seit Mary Shelleys "Frankenstein" ist uns das ethische Dilemma künstlichen Lebens bewusst, schon Aldous Huxleys "Schöne neuer Welt" bereitete uns auf die Debatten über moderne Reproduktionstechniken, Gentests und Klon-Experimente vor. Doch so weitsichtig Visionäre wie Huxley oder Shelley auch waren: die Manipulation menschlichen Lebens war ihnen nur als Monströsität denkbar, die allenfalls unter dem Deckmantel des Verbrechens oder in einem totalitären System gedeihen konnte.
Kaum jemand konnte sich wohl vorstellen, dass der erste Klon eines Säugetieres ein unschuldiges Schaf sein würde, das stolz dem Blitzlichtgewitter der Weltpresse präsentiert werden würde. Und wenige hätten erwartet, dass seine Schöpfer nicht etwa als moralische Unpersonen gebrandmarkt, sondern als Pioniere der Arzneimittelforschung gefeiert würden, die postwendend den Aktienkurs ihrer Firma in die Höhe trieben.
Was lernen wir vom Schaf Dolly und welche "Wunder aus der Retorte" haben wir in Zukunft zu erwarten? Diese Frage kann wohl niemand besser beantworten als Ian Wilmut, der "Vater" von Dolly aus dem Roslin Institut in Schottland. Ist er auch nur einer jener "Glücksritter der Gene" die der FAZ-Wissenschaftsredakteur Joachim Müller-Jung in seinem neuesten Buch beschreibt? Oder läutet Wilmuts Arbeit wirklich "Die zweite Schöpfung" ein, wie dessen Neuerscheinung reklamiert? Das Gespräch der beiden auf dem verspricht ebenso kenntnisreich wie kontrovers zu werden.
Doch nicht nur die Gen- und Biotechnik, auch die Hirnforschung und all jene Arbeiten, die um das Stichwort "künstliche Intelligenz" kreisen, werden mit Sicherheit unser Menschenbild nachhaltig verändern. Zur "zweiten Schöpfung" zählt eben nicht nur die biologische Manipulation unseres Erbguts, sondern auch die Veränderung unserer Wahrnehmungswelten. Von den virtuellen Verheißungen der "Cyberworld" handelt daher der zweite Dialog auf dem Podium zwischen der amerikanischen Wissenschaftsjournalistin und Autorin Margaret Wertheim und dem Schriftsteller und studierten Philosophen Ernst-Wilhelm Händler, die sich beide in ihren neuesten Werken - auf sehr unterschiedliche Art - mit der Realität der künstlichen Welt auseinandersetzen, in der wir längst alle leben. Denn das eigentlich Erstaunliche an der Veränderung unseres Selbst- und Naturbildes ist ja nicht etwa der Prozess als solcher, sondern die nahezu fraglose Selbstverständlichkeit, mit der dabei jahrhundertelange Sicherheiten über Bord geworfen werden. Mutet uns nicht heute, da wir alle am PC arbeiten und im Internet surfen, die Warnung Stanley Kubricks vor der Machtübernahme der Computer in "Odyssee 2001" eher nostalgisch an?
Auch Mary Shelley hätte sich wohl kaum träumen lassen, dass die späten Nachfahren ihres "modernen Prometheus" der Menschheit nicht als schreckliche Monster gegenübertreten, sondern in Form niedlicher Roboterhunde, künstlicher Butler oder vollautomatischer Krankenschwestern. Werden uns die Maschinen also immer ähnlicher – oder definiert umgekehrt die Hirnforschung den menschlichen Geist nur noch als Ergebnis biologischer Regelkreise? Um solche Themen kreist der Dialog zwischen der Münchner Wissenschaftsjournalistin Jeanne Rubner und Valentin Braitenberg, dem ehemaligen Direktor des Max-Planck-Institutes für biologische Kybernetik, der sich seit vielen Jahren mit natürlicher und künstlicher Intelligenz auseinandersetzt.
Eines werden die drei Gesprächspaare bestimmt deutlich machen: Die "zweite Schöpfung" ist längst nicht mehr nur ein Thema für Forscher oder Literaten. Der "moderne Prometheus", den Mary Shelley am Ende ihres Buches im ewigen Eis verschwinden ließ, ist mitten unter uns.
Ulrich Schnabel

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