12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Foto N. Lee WoodDie Kunst des Überlebens
zu N. Lee Wood
von Karlheinz Steinmüller


Vermutlich weiß es Lee noch nicht, aber ihr Thema ist Survival. Ihre Helden stürzen ab und gehen in den zerstörten Städten der Zukunft beinah verloren. Oder sie legen sich in Nahost mit fanatischen Muslims und dem amerikanischen Geheimdienst an. Oder sie nehmen den Kampf mit diktatorischen Feudalregimes auf. Nur ein Superman kann die Situationen, in die Lee sie schickt, überleben. Und doch kommen sie durch, irgendwie, gezeichnet an Körper und Geist. Es sind zähe Burschen und zähe Frauen...
Nehmen wir Berk Nielsen, den Hubschrauberpiloten aus "Faradays Waisen" (Heyne 1999, aus dem Amerikanischen von Walter Brumm). Berks Odyssee führt uns ins Jahr 2242. Da hat die Erde ihr Magnetfeld verloren. Harte Sonnenstrahlung hat die Ökosysteme zerstört; wer sich zu lang im Freien aufhält, stirbt bald an Krebs. Die Menschen haben sich in einige wenige überkuppelte Städte zurückgezogen und bauen mühsam an einem Neubeginn. Draußen leben nur ein paar Wilde in Höhlen und Tunneln. Als Berk bei einem Erkundungsflug auf einem der ausgebrannten Hochhäuser von Philadelphia landet, wird sein Hubschrauber von einer Kinderbande zerstört. Eine Heilerin rettet ihn vor dem sicheren Tod, doch sie hält ihn als eine Art Sklaven. Schließlich flieht er mit ihr vor den sich immer bedrohlicheren Gangs durch Ödland, Tunnel, Wüste zurück unter die heimatliche Kuppel. Dort aber, im durchplanten und reglementierten Dasein der Städter wird es ihm zu eng...
Es sind ungleiche Paare, die Lee Wood da zusammenschmiedet: Berk und die Heilerin, K. B. Suleiman und Halton, der geklonte Humanoid, aus dem Roman "In Erwartung des Mahdi" (Heyne 1998, aus dem Amerikanischen von Walter Brumm). K. B., eine Amerikanerin arabischer Abstammung, geht verkleidet als Mann einem der "männlichsten" Jobs nach: Kriegsberichterstatter in einem muslimischen Land. Ein Spezialauftrag wird ihr aufgezwungen: Sie soll Halton, der nicht als Mensch, sondern als Biowaffe gilt und dessen Gehirn von Nanorobotern kontrolliert wird, dem Herrscher als Leibwächter übergeben. Doch wie üblich verdeckt der geheime Plan einen zweiten, geheimeren – und einen dritten. Der Herrscher wird ermordet, eine Künstliche Intelligenz, die vorgibt, der Erzengel Gabriel zu sein, ruft einen gemäßigten Führer zum neuen Mahdi – Befreier – aus. K. B. und Halton wissen zu viel. Sie werden gejagt, gefangen, gefoltert. Ihnen gelingt zwar die Flucht, K. B. muß sich dafür als Frau "verkleiden", doch nie wird der Geheimdienst sie vergessen.
Vielleicht ist Lee Wood selbst eine spezielle Art "Survivor". Als ich sie 1990 kennenlernte, hatte sie gerade ihren Erstling "In Erwartung des Mahdi" publiziert. Was sie von sich erzählte, klang überaus abenteuerlich: Sie hatte Graphic Arts studiert, in einer Modellflugzeugfabrik bei Los Angeles gearbeitet, sich später in Oregon als Bus- und Truckfahrerin herumgetrieben. Oregon muß eine wilde Gegend sein. In ihrem Haus hatte sie stets ein geladenes Gewehr unter dem Bett, Schutz gegen streunende Tiere und Männer... Dann studierte sie ein zweites Mal, Chirurgietechnik diesmal, arbeitete in einem OP und in einem Labor, doch das Schreiben hatte sie längst in seinen Bann gezogen. 1985 machte sie sich an der Seite des SF-Autors Norman Spinrad selbständig, 1990 hielten die beiden es in den USA nicht mehr aus. Rechtzeitig vor den Rassenkrawallen in L.A. zogen sie nach Paris um.
Seither hat sich Lee Wood konsequent und erfolgreich der Science Fiction gewidmet. Doch obwohl sie sich recht eng an das wissenschaftlich Mögliche hält, sind ihre Romane – auch das neue, noch unübersetzte Buch "Bloodrights" – eher Political Fiction als die übliche Science Fiction; Bücher, geschrieben aus Zorn auf Unterdrückung und Verlogenheit und überaus scharfsichtig in ihrer Kritik menschenverachtender politischer Winkelzüge.
Im Moment hält sich Lee Wood vor einem brutalen Ex-Freund in Südfrankreich verborgen. Besser, du schreibst Romane, Lee, statt welche zu erleben.

Lesung und Gespräch der Autorin mit Karlheinz Steinmüller am 18.März in der Bar "Das Basis", Baaderstraße 68

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