12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Chaotischer Kosmos
zu Leon de Winter
von Cornelia Zetzsche


Sascha Sokolow heißt Leon de Winters Wissenschaftler. - Antriebskraft ist gleich Massenstrom mal effektiver Ausströmungsgeschwindigkeit. - Und wie immer hat Leon de Winter genau recherchiert: Mafiastrukturen, Exilantenschicksale, Raketensysteme. - Es war der Moment, in dem die Umschaltung von Kerosin auf Wasserstoff stattfinden sollte. -In Tel Aviv, Delft und Kaliningrad. Und nun zappelt Sokolow im Koordinatensystem aus Gott und Marx, Wahrheit und Illusion, Identität und Judentum. - Brennende Teile stürzten zur Erde. - Mehr noch als alle de Winter-Figuren zuvor ist Sokolow ein Loser, der mit dem Fehlstart seiner Rakete ins Elend stürzt, in sibirische Verbannung gerät und nach Israel, wo er Zeuge eines Mordes wird. Aus dem Physik-Genie ist ein versoffenes Wrack geworden, ein Straßenkehrer mit Dirigentenhänden. Ein Fremder da wie dort: ein "geheimer Jude" in der Sowjetunion, ein "Pseudojude" in Israel ohne Glauben und Tradition. Erfahrungen und Gefühle des Autors sind das literarische Material, seine Autobiographie ein Steinbruch für alle Geschichten (auch für den 1986 entstandenen und soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Roman "Leo Kaplan", das amüsante Porträt eines Schriftstellers im assoziativen Gespinst diverser Lebenslinien zwischen Rom und Amsterdam): der neureiche Übervater, die von den Nazis gemordete Familie, Holocaust-Erzählungen anstelle von Grimms Märchen, eine Vergangenheit, die jede Zukunft blockiert; dazu Liebe, Luxus, große Schlitten, üppige Taille und andere Sorgen, der Blick des Außenseiters und die Heimatlosigkeit.
"Sokolows Universum" (Diogenes 1999, aus dem Niederländischen von Sybille Mulot) beschreibt die Geschichte einer Männerfreundschaft, zwei unzertrennliche Konkurrenten im Kosmos der Wissenschaft: Sokolow und Lew, der Musterschüler und der Spieler, der Laborbewohner und der Forscher, der keine Grenze akzeptiert; Sokolow, der Prinzipienreiter, der Moralist, der Gescheiterte, und Lew, der Akrobat und Gewinner, der gewissenlose Charmeur, das kriminelle Element dieses Thrillers, der mit einem Mord beginnt und mit diversen Morden endet. Zum lebenslangen Duell der beiden skizziert Leon de Winter das postsozialistische Rußland mit Korruption und Judenhaß, Armut und Rubelschlangen vor McDonalds; und das bunte Israel mit seinen vielen Völkern, bis an die Zähne bewaffnet; den Raketen-Wettlauf im Kalten Krieg, den Golfkrieg und andere Schlagzeilen, und seinen Helden, der von der reinen Wissenschaft träumt und erkennt, daß er korrumpierbar ist wie der geliebte Feind. Ein Entwicklungsroman, wie "Hoffmanns Hunger", "Supertex", "Serenade" und alle anderen Tragikomödien. Und er wäre kein echtes de Winter-Produkt, gäbe es nicht die typischen de Winter-Accessoires: ein jüdischer Held in der Krise, eine Leiche, Zigarren, Sex als (Sehn-)Sucht und eine Dosis Ironie; und die typischen de Winter-Fragen nach Überleben und Schuld, Identität und Judentum. Immer gleiche Ingredienzien, die Leon de Winter aufs eleganteste zu immer neuen bewegenden Lebensgeschichten arrangiert; ein Romancier und Drehbuchautor, der nun als Produzent europäischer Filme Hollywood erobern möchte.
"Sokolows Universum", gelobt als sein souveränster, ausgereiftester Roman, folgt wieder einem liebenswerten Gescheiterten, ist spannend, raffiniert, geheimnisvoll und von heiterem Tiefsinn wie die anderen, und doch nachdenklicher und fern der sonstigen Pointenjagd. Mord und Thriller sind nur Vehikel dieser Wahrheits- und Gottsuche zwischen Israel und Weltraum, Glaube und Wissenschaft, Technologiedebatte inklusive, und Lews Faust-Frage, "wo das Denkbare anfängt, machbar zu werden". Anfangs erklärt Sokolow Gott als naturwissenschaftliches Phänomen. Später betet er um Vergebung, erfüllt von der gleichen Sehnsucht nach Licht wie die betenden Chassiden. "Ein Gott, der dies von Menschen verlangte und gleichzeitig die Planck-Konstante ... erschaffen hatte, war ein seltsames Wesen."

Lesung des Autors aus "Sokolows Universum" und "Leo Kaplan" und Gespräch mit Cornelia Zetzsche am 10.3. im Literaturhaus. Teilnahme am Podium "Science in Fiction" am 9.3. im Literaturhaus.

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