12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Das geklonte Leben
zu Ian Wilmut
von Joachim Müller-Jung


"Im großen und ganzen ist die Menschheit doch eine sehr moralische Gattung", sagte einmal der Mann, dessen wissenschaftliches Werk von manchen Kollegen in die Reihe der paradigmatischen Arbeiten eines Kopernikus, Freud oder Darwin gestellt und von anderen als Sündenfall der Biologie verflucht wird. Warum sollten die Menschen es zulassen wollen, ihresgleichen zu klonen? fragte Ian Wilmut. Der gebürtige Engländer, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert an der heute als Roslin-Institut bezeichneten Tierzuchtstation drei Kilometer vor Edinburgh arbeitet, ist von dem Nutzen seiner "Erfindung" so sehr überzeugt, daß die damit verbundenen ethischen Dilemmata bei ihm zuweilen als quantité negligable erscheinen.
Seine Erfindung ist ganz eng mit dem Namen "Dolly" verknüpft, jenem Schaf, das im Sommer 1996 in einem Viehstall des Roslin-Instituts zur Welt kam und mit der öffentlichen Präsentation im Februar 1997 in der Zeitschrift Nature die Welt in helle Aufregung versetzte. Zum ersten Mal war es gelungen, aus dem Erbmaterial einer gewöhnlichen Körperzelle ein offensichtlich völlig unversehrtes, genetisch identisches Zwillingstier - einen Klon - herzustellen. Die dazu benutzte Zelle stammte aus dem Eutergewebe eines fast sechsjährigen Schafes. Wilmut gab dem genetischen Wiedergänger spaßeshalber den Namen "Dolly", nach Dolly Parton, die es mit ihrem Brustgewebe zu ähnlicher Prominenz gebracht hatte, wie sie auch dem Schaf beschieden sein sollte.
Wilmuts Versuch war zwar extrem ineffektiv - von knapp vierhundert mit Erbmaterial beschickten Eizellen reifte nur eines bis zur Geburt -, dennoch: der Bann war gebrochen. Was Wissenschaftler für grundsätzlich unmöglich hielten, nämlich die Reprogrammierung des Erbmaterials in ausdifferenzierten Zellen, war widerlegt, und damit das Tor zur einer unvorstellbar weitgehenden molekularen Manipulation des Lebens eröffnet. Ein ganzes Filmgenre, das sich wie in Steven Spielbergs "Jurassic Park" an den Utopien einer beliebig kopierfähigen Biosphäre labte, hatte plötzlich seine Entsprechung in der Wirklichkeit gefunden. Die Tierzucht hegte neue Hoffnungen, und Wilmut selbst gab immer wieder zu Protokoll, daß ihm natürlich nicht an Menschenzucht, sondern an der Herstellung von genetisch homogenen Nutztieren gelegen sei, die mit pharmakologisch interessanten Fremdgenen ausgestattet und quasi als "Bioreaktoren" genutzt werden könnten. Arzneimittel billig mit der Kuhmilch zu ernten, zu diesem Zweck hatte Wilmut in den siebziger Jahren seine reproduktionsbiologischen Experimente am Vieh begonnen. Tatsächlich kam ein Jahr nach Dolly ein entsprechend präpariertes Klonschaf "Polly" in Wilmuts Labor zur Welt. Außerhalb der Wissenschaften aber sind die Kreationen des britischen Embryologen zum Fanal geworden. Die jüngste Diskussion um das sogenannte therapeutische Klonen, in der Heilversprechen ebenso bemüht werden wie die abwegigsten Schreckensszenarien, hat die weit verbreitete Verunsicherung kenntlich gemacht. Wilmut hat dafür gesorgt, daß die Gesellschaft von der Spielfilmphantasie eingeholt wurde und nun womöglich von der biowissenschaftlichen Wirklichkeit rechts überholt wird.

Im März erscheint bei Hanser das Buch "Dolly – Der Aufbruch ins biotechnische Zeitalter" von den beiden "Dolly-Vätern" Ian Wilmut und Keith Campbell und dem Wissenschaftsjournalisten Colin Tudge (aus dem Englischen von Hainer Kober)

Ian Wilmut im Gespräch mit Joachim Müller-Jung am 11. März im Literaturhaus ("Die zweite Schöpfung")

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