12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Foto WertheimCyber-Träume
zu Margaret Wertheim
von Brigitte Röthlein


Überraschende Parallelen zwischen Religion und Naturwissenschaft faszinieren die australisch-amerikanische Wissenschaftsjournalistin Margaret Wertheim. In ihrem ersten Buch zeigte sie Mechanismen auf, die sie sowohl in der Welt der Physik als auch in der Religion erkannte. Ihr neuestes Werk vergleicht den Cyberspace mit den virtuellen Welten des Mittelalters, die von religiösen und mystischen Vorstellungen geprägt waren.
Ihre universelle Bildung auf dem Gebiet sowohl der Mathematik und Naturwissenschaften als auch der Kulturgeschichte ermöglichen es der 40jährigen Autorin, Zusammenhänge zu erkennen, wo Spezialisten versagen. Dies und ihr großes Engagement für Benachteiligte und Außenseiter, das sich in ihrer Arbeit niederschlägt, ergibt eine ungewöhnliche Herangehensweise, die sie weit über ihre Heimat hinaus bekannt machte. Wertheims Sympathie für Außenseiter hat sie auch zum Thema ihres nächsten Buches geführt. Zur Zeit recherchiert sie zusammen mit ihrem Mann Cameron Allan das Thema "Outsider in der Forschung".
Aufsehen erregte die Autorin 1994 mit ihrem ersten Buch "Die Hosen des Pythagoras" (Ammann 1998/Piper 2000), in dem sie die Gründe für das Phänomen untersuchte, dass es kaum Physikerinnen gibt. Dabei kam sie zu einem überraschenden, ja provozierenden Schluss: Frauen werden von den Männern aus der Physik ebenso ferngehalten wie aus der Religion, und zwar aus den gleichen Gründen. "Frauen mussten nicht nur um ihr Recht kämpfen, zu geistlichen Berufen zugelassen zu werden, sondern auch für das Recht, das zu untersuchen, was traditionell als Gottes &Mac226;anderes Buch‘ betrachtet wurde, die Natur", schreibt die kämpferische Feministin, die selbst Physik, Mathematik und Informatik studiert hat.
In ihrem zweiten Buch "Die Himmelstür zum Cyberspace" (Ammann 2000, aus dem Englischen von Ilse Strasmann) beschreibt die Autorin die Entwicklung der Konzeption des Raums vom Mittelalter bis zum elfdimensionalen Raum der modernen Physik und zum Cyberspace. Auch hier findet sie eine Vielzahl erstaunlicher Parallelen zwischen einst und heute, zwischen religiösen und physikalischen Anschauungsweisen. Sie erkennt den Cyberspace als neuen spirituellen Raum, als utopisches Reich jenseits physikalischer Gesetze, vergleichbar dem "himmlischen Jerusalem" aus der Apokalypse des Johannes. Die virtuelle Welt inspiriert zu religiösen Träumen, bietet einen Fluchtweg aus der nüchternen Realität. Derartige Ersatzhandlungen führt Wertheim auch auf die mangelnde Fähigkeit der modernen Wissenschaft zurück, das immaterielle Ich in ihr Weltbild einzuschließen. Obwohl Wertheim der materialistisch und atomistisch geprägten Wissenschaft offensichtlich kritisch gegenübersteht, verschließt sie nicht die Augen vor den Problemen des Cyberspace und warnt vor allem vor Phantasien der virtuellen Unbesiegbarkeit, der Unsterblichkeit, der Auferstehung.

Margaret Wertheim im Gespräch mit Ernst Wilhelm Händler am 11. März im Literaturhaus ("Die zweite Schöpfung")

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