12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Forscher von der traurigen Gestalt
zu Michael Wallner
von Kristina Maidt-Zinke


Daß seinen "Don Giovanni" niemand so recht verstanden hat, bedauert Michael Wallner immer noch ein bisschen, denn er selbst fand ihn "crazy und geil". Mit anderen Projekten war der aus Graz gebürtige Schauspiel- und Opernregisseur indes höchst erfolgreich, zum Beispiel mit der österreichischen Erstaufführung des Rainald-Goetz-Stückes "Krieg" am Volkstheater Wien, die ihm die Kainz-Medaille einbrachte. An der Wiener Burg und am Berliner Schillertheater hatte er selbst als Schauspieler auf den Brettern gestanden, bevor er sich 1987 für die freie Regiearbeit entschied. In Düsseldorf und Hamburg, Bern und Bochum, Wien und Berlin brachte er eigenwillige Inszenierungen auf die Bühne, bis er für seine schwer zu bändigende Phantasie einen neuen Spielort fand: die Literatur.
Es war vielleicht nicht geplant, aber doch so etwas wie ein "coup de théâtre", daß der Wahlberliner Wallner, Jahrgang 1958, seine Schriftstellerkarriere mit einem Doppeldebüt einleitete. Im vorigen Sommer erschienen kurz hintereinander die Romane "Manhattan fliegt" (Reclam Leipzig) und "Cliehms Begabung (Frankfurter Verlagsanstalt), die den wandlungsfähigen Autor von zwei Seiten zeigen. Schrill und schräg, aberwitzig und abstrus kommt die Manhattan-Story daher, in der ein junger Österreicher in New York die Erfahrung macht, daß es "mehr zwischen Himmel und Erde gibt als Zahnpasta, Hautkrebs und Talkshows" und daß auf die Kategorien von Zeit und Raum keinerlei Verlaß ist. Was hier vor überbordender Fabulierlust schier zerflattert, wird in der Geschichte des genialen Physikers Anton Cliehm mit dem Gewicht wissenschaftlicher und philosophischer Denkübungen erschwert, aber der Ansatz ist in beiden Büchern der gleiche: Michael Wallner versucht, die Dimensionen, in denen die theoretische Physik den menschlichen Alltagserfahrungen um Lichtjahre voraus ist, literarisch auszuloten. Die von Relativitätstheorie und Quantenmechanik beglaubigte Möglichkeit, den Zeitpfeil umzudrehen, sich in Vergangenheit und Zukunft grenzenlos zu bewegen, wird hier dazu benutzt, das romantische Konzept der dichterischen Freiheit mit neuen Energien aufzuladen.
Das läuft auf eine Art Science Fiction hinaus, doch der in Stephen Hawkings kosmologischen Theorien geschulte Theatermann, begeisterter Motorradfahrer und bekennender Hypochonder, folgt dem Genre aus ironischer Distanz. Sein Held Cliehm etwa, dieser Forscher von der traurigen Gestalt, der mit Zeitsprüngen experimentieren kann und doch den kleinen Widrigkeiten des Daseins unterworfen bleibt, ist eine zwingend komische Figur, was an der Wirkung des Romans mehr Anteil hat als der naturwissenschaftliche Kenntnis- und Erkenntnisstand, dem der Verfasser seinen Ideenreichtum verdankt. Vor allem aber berechtigt der einerseits lakonische, andererseits auf rhythmisch-musikalische Effekte bedachte Umgang mit der Sprache zu einigen Hoffnungen, was Michael Wallners Zukunft als Prosaschriftsteller betrifft. Die Bühne wird ihm, solange die einfachsten Gesetze der Physik auf Erden wirksam bleiben, inzwischen nicht davonlaufen.

Lesung des Autors und Gespräch mit Kirsten Martins am 18. März in der Buchhandlung Colibris.

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