12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Der Wert des Lebens
zu Ljudmila Ulitzkaja
von Olga Mannheimer


Der Status des menschlichen Embryos ist im Zeichen der Gentechnologie zum Hauptthema der gesellschaftspolitischen Debatte geworden. Diskussionen über Menschenwürde und über das Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Moral - Ljudmila Ulitzkajas jüngstes Buch greift all die Fragen auf, die diese Debatte bündelt. "Reise in den siebenten Himmel", ihr dritter Roman, ist in der Welt russischer Naturwissenschaftler der stalinistischen und poststalinistischen Ära angesiedelt (Volk & Welt 2001, aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt). Im Mittelpunkt steht ein Frauenarzt mit nahezu hellseherischer diagnostischer Begabung, der für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruches kämpft. Seine Auseinandersetzungen mit einem befreundetem Genforscher zeichnen parallel dazu die Entwicklung der russischen Humangenetik nach, die Anfang des 20. Jahrhunderts in höchstem Ansehen stand, doch ab 1929 – wie Kultur und Wissenschaft insgesamt - zunehmend unterdrückt wurde. Der Konflikt zwischen Staatsmacht und Intelligenzja bestand, mit wechselnder Intensität, bis zum Ende des Sowjetregimes. Nicht zuletzt diesem Konflikt verdankt sich Ljudmila Ulitzkajas Hinwendung zur Literatur.
Die 1943 in Sibirien geborene Autorin studierte Biologie und arbeitete ab 1967 als Genetikerin in der Moskauer Akademie der Wissenschaften; 1969 wurde sie wegen der Verbreitung von Samizdatliteratur entlassen. Zwanzig Jahre lang schlug sich Ljudmila Ulitzkaja mit Übersetzungen, künstlerischen Beratungen am Jüdischen Musiktheater und allerlei publizistischen Gelegenheitsaufträgen durch. Der literarische Durchbruch kam 1992 mit der Novelle "Sonetschka" (Volk & Welt 1998), und seitdem reißen sich Verlage um ihre Erzählungen und Romane, die früher aus "künstlerischen Gründen" abgelehnt wurde. Im Westen bekräftigte 1996 die Verleihung des Prix Medicis Ljudmila Ulitzkajas Ruhm als eine der wichtigsten Gegenwartsautorinnen Rußlands.
Der Reiz ihrer Prosa liegt in der energischen Erzählweise und in wirklichkeitsnahen Szenen, die unter die Haut gehen. Zum Beispiel als Dr. Kukotzki einem ZK-Funktionär die Folgen illegaler Abtreibung vor Augen führt – in Form einer präparierten Gebärmutter. "Der Länge nach durchgeschnitten und aufgeklappt, erinnerte sie in ihrer Farbe an eine gekochte braungelbe Futterrübe; die starke Formalinlösung hatte sie noch nicht völlig entfärbt. Im Innern der Gebärmutter befand sich eine eingewachsene Zwiebel. Die ungeheuerliche Schlacht zwischen der von festen Fäden umsponnenen Leibesfrucht und dem durchscheinenden bestialischen Sack, der eher an ein Meerestier erinnerte als an eine gewöhnliche Zwiebel - gut für Suppe oder Kartoffelsalat – war bereits vorbei." Die Wurzeln der Zwiebel sollten das Embryo durchdringen und dann zusammen mit diesem herausgezogen werden, erklärt der Arzt das Präparat. Nicht nur dem Funktionär wird dabei begreiflich, welche Not hinter derartigen Methoden stehen muß, die meistens zum Tod der Frau führen. Die opportunistisch gesinnten Parteifunktionäre kann Dr. Kukotzki zwar überzeugen, nicht aber seine Ehefrau, die er über alles liebt: Sein Engagement für das Recht auf Abtreibung entfremdet sie ihm für immer; sie zieht sich unerreichbar in eine Traumwelt zurück..
"Reise in den siebenten Himmel" ist ein vielschichtiges episches Werk, das ein halbes Jahrhundert russischer Geschichte umspannt. Ljudmila Ulitzkaja versteht es, Gefühle und Gewissenskonflikte in ihrer ganzen Komplexität zu vermitteln und entfaltet die Reflexion über den Wert des Lebens anhand eindringlich geschilderter Lebenssituationen, die aus verschiedenen Blickwinkeln durchleuchtet werden. Doch die dominierende und höchst überzeugende Perspektive ist die eines mitfühlenden Realisten.

Lesung der Autorin und Gespräch mit Olga Mannheimer am 19. März in der Seidlvilla.

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