12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
Kurzinfo
Einführung
Autorinnen & Autoren
Gesprächspartner/innen
Veranstaltungskalender
Diskussionen/Vorträge
Lesungen und Gespräche
Musik/Kunst/Medien
Kinderprogramm
Filmprogramm
Impressum
Veranstalter
Presseschau
Archiv
Home
O Zukunft voller Frohsinn
zu Marlene Streeruwitz
von Andreas Trojan


Männer sind ein Desaster. Und die Gesellschaft auch, deren bedeutende Protagonisten ja hauptsächlich Männer sind. Man nennt das die abendländische Kultur. Marlene Streeruwitz schreibt dagegen an, natürlich nicht gegen unsere gesamte Kultur, das wäre das unmögliche Projekt. Möglich ist hingegen, kulturelle Phänomene aufzuzeigen, sie mittels Literatur aufzubrechen. Wie in ihrer jüngsten Erzählung "Majakowskiring" oder im Romansammelband "Lisa’s Liebe" (beide S. Fischer Verlag).
In der abendländischen Kultur ist – oder war - das große Glück der Frauen die Mutterschaft. Für Streeruwitz bleibt das Muttersein positiv besetzt und stellt die Emanzipationsbestrebungen auf den Prüfstand. Und die Rolle der Naturwissenschaften, etwa der Gentechnologie. Zeigt sich nicht in Worten wie "künstliche Befruchtung" und "Leihmutter" die wirkliche "Begierde der Wissenschaft"? Und was geschieht, wenn die Menschen eines Tages vielleicht 300 Jahre alt werden können?

Was bietet also die Zukunft? Marlene Streeruwitz antwortet: "Zukunft kann da immer nur eine von diesen technologisierten Utopien werden, deren Entwurf, selbst schon wieder das Gegebene reproduzierend, PR-Text für irgendeine Produktkategorie ist. Gentechnik ist davon nur eine."
Und wie sich dieser Zukunft literarisch annähern? Obwohl Marlene Streeruwitz keine Spezialistin in Sachen Science Fiction ist, hat sie einen "Gothic SF-Novel" geschrieben, weil in diesem Genre "jeder Satz eine Aktion" garantiert. Und: Schlüsselbegriffe wie "Altruismusgen" oder "Klonmündel" lassen sich in der SF leicht transportieren, müssen nicht wirklich erklärt werden, weil ja alles in ferner Zukunft spielt. Zwar sind in Streeruwitz’ Erzählung "Dauerkleingarten &Mac226;Frohsinn’. A Gothic SF-Novel" (Eichborn 2000) noch alle Orte identifizierbar – Wien gibt es und für diese Stadt so typischen Schrebergärten -, doch befindet man sich im ausgehenden 21. Jahrhundert. Natürliche Geburten kennt man nur noch von Hörensagen, die Menschen sind die gentechnischen Mutanten ihrer Vorfahren, Computer haben psychische Probleme, und ein Miniroboter erledigt nicht nur die Gartenarbeit, sondern zerschneidet auch feinsäuberlich einen Psychologieprofessor. Der männliche Held der Erzählung stirbt gleich am Anfang, nach dreihundert Jahren Lebenszeit reicht es ihm, und er verabschiedet sich ins technikfreie Nirvana. Für seine Freundin Norma Desmond stellt sich damit die Überlebensfrage. Denn Frauen sind zwar in Sachen Schönheit auf den gentechnischen Höchststand gebracht, aber im allgemeinen unfähig, in der rauhen Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts zu bestehen. Normas Lebenswille allerdings ist stärker, als die Norm dieser Zukunftsgesellschaft erlaubt. Sie flieht, und eine Odyssee beginnt, bei der sie das "Klonmündel" David am Bein hat. David ist zwar der stolze Besitzer dreier Penisse, jedoch, er kann nicht lesen. "David hatte nie gelesen. Hatte wahrscheinlich gar nicht lesen können. Durfte das vielleicht gar nicht. Klonmündel waren besonders streng gehalten worden." O Zukunft voller Frohsinn!

Lesung mit Marlene Streeruwitz und Tobias O. Meißner am 14. März in der Amalienbuchhandlung

Internationale Frühjahrsbuchwoche München Landeshauptstadt München Kulturreferat medienforum münchen