12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Foto StollQuerdenker und Netbeschmutzer
zu Clifford Stoll
von Christian Schoen

Mitten in der Goldgräberstimmung des beginnenden Informationszeitalters, als Medienstrategen die neuen technischen Errungenschaften euphemistisch priesen und Theoretiker die Heilserwartungen philosophisch zu untermauern suchten, gab es auch immer wieder Menschen, die vor übertriebener Euphorie warnten – damals, Mitte der 90er Jahre. Besonders bitter war es, wenn die Kritik aus den eigenen Reihen dieser Avantgarde kam. Clifford Stoll ist einer dieser Querdenker, der seit dem Erscheinen seines Buches "Die Wüste Internet" (S. Fischer 1996) den Menschen in einer computerisierten Welt die Augen zu öffnen sucht und damit sein eigenes Nest beschmutzt.
Stoll, Jahrgang 1951, ist von Beruf Astronom und Spezialist für Datenschutz und Computersicherheit. Er ist keinesfalls ein Anhänger jener technikkonservativen "Gutenberg-Fraktion”, die per se die gesamte Computerwelt ablehnt, weil diese den Fortbestand des Wortes und somit der Kultur gefährde. Stoll, der gesteht, er sei "Internet-süchtig”, ist ein Kenner der Materie und gehört – als einer der ersten Nutzer des legendären Arpanet, eines 1969 installierten Versuchsnetzes – zu den Pionieren des Internet. Noch in seinem Roman "Kuckucksei" (S. Fischer 1998), das in den USA zum Bestseller wurde, hatte Stoll die Netzwelt gepriesen. Darin beschreibt er, wie er einem deutschen Hacker auf die Spur kam, der geheime US-Computerdaten an den KGB verkaufte. Die Geschichte ist ein authentischer Rückblick auf den Kalten Krieg und die Kindertage des globalen Datennetzes, eine Zeit, als die Gemeinde der Programmierer, Anbieter und Nutzer noch überschaubar war.
Mittlerweile hat sich das Gesicht der digitalen Netze verändert. Kommerzielle Interessen prägen ihre Erscheinungs- und Anwendungsformen. In der "Wüste Internet", so der Titel seines zweiten Buches, charakterisiert Stoll die Euphorie um das neue Medium als "Geisterfahrten auf der Datenautobahn”. Seine Erfahrungen führen ihn zu dem Schluß, daß es eine "große Kluft zwischen dem Rummel um das elektronische Utopia und der profanen Realität” gäbe. Stoll, äußerlich wie intellektuell "eine Art Woody Allen der Wissenschaft” (dpa) zerpflückt die angeblichen Segnungen der Online-Welt. Weder hält er das Argument für zutreffend, über das Internet ließen sich wertvolle soziale Bindungen knüpfen (Was sollen das für Gemeinschaften sein, die aufhören zu existieren, wenn man den Stecker seines Modems aus der Wand zieht?), noch den Mythos, daß die Online-Welt die Schreibkultur wiederbelebe. Warum Schulen diesen Unfug unterstützen, versteht er ganz und gar nicht.
Der Umgang mit dem Computer im Unterricht wird in Clifford Stolls jüngstem Werk "Logout. Warum Computer nichts im Klassenzimmer zu suchen haben und andere Hightech-Ketzereien" an den Pranger gestellt (S.Fischer 2001, aus dem Englischen von Carl Freytag) . Stoll spricht damit ein Problem an, das seit mehreren Jahren diskutiert wird: die Wissensvermittlung durch neue Medientechnologien. Tatsächlich eröffnet das Internet den Schülern zwar den Zugang zu einer Überfülle an Informationen, doch ist das nicht gleichzusetzen mit Wissensaneignung.
Wie aus den Visualisierungsmöglichkeiten der neuen Medientechnologien Wissen generiert werden kann, war 1999 in München Thema eines von der Burda-Akademie zum Dritten Jahrtausend organisierten Fachkongresses. An das dort – und nicht nur dort - diagnostizierte Potential neuer Technologien für die Wissensvermittlung will Clifford Stoll allerdings nicht glauben. Für ihn ist das Internet nicht das "Pfingstwunder weltweiter Verständigung und Einheit” (McLuhan), sondern kommerziell diktiertes Instrument, das den Menschen von sich selbst und der Natur entfernt. "Das Internet ist ein Ort, wo Millionen von Menschen herumschreien, aber niemand zuhört. Eine Kakofonie.”

Lesung/Vortrag des Autors und Gespräch mit Patrick Illinger am 19. März in der lothringer13/halle

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