12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Foto SterlingGrüner Cyperpunk
zu Bruce Sterling
von Stefan Becht


In der ersten Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift WIRED, im Frühjahr 1993, erschien eine Geschichte über den "Cyber-War", den Krieg der Informationen: "War is Virtual Hell". Bis ins Detail wurde darin erstmal beschrieben, wie der Krieg der Zukunft, geführt mit (Des-)Informationen und von "virtuellen Kriegern", gestützt auf Computer-Simulationen, von den Armeen der Welt geprobt wurde. Autor war der Science Fiction-Schriftsteller Bruce Sterling. Der einzige Haken an seiner Geschichte - sie war echt! Was der Mitbegründer des literarischen Cyberpunk in seinen Romanen "Artificial Kid" (1980), "Schismatrix" (1985) und "Islands in the Net/Inseln im Netz" (1988) vorausgedacht hatte, war nun Realität geworden.
Vielleicht ist es dieses ewige Spannungsfeld zwischen Realität und Fiction, das den Werken Bruce Sterlings so viel Kraft und Faszination verleiht. Zwar erscheinen uns seine Welten auf den ersten Blick fremd, aber doch immer so, als wären sie nicht weiter als einen Steinwurf vom Heute entfernt. Wer könnte sich zum Beispiel, angesichts der Erderwärmung, nicht eine Welt vorstellen, deren Atmosphäre ruiniert ist und die von gigantischen Stürmen beherrscht wird wie in Sterlings "Heavy Weather/Schwere Wetter" (1994)?
Überhaupt ist Sterling ein begnadeter Szenarist. Schon der Funke einer Idee bringt den 46jährigen Texaner dazu, aus dem Stegreif ein komplexes Szenarium zu entwerfen, detailverliebt und verblüffend in den Ausschmückungen. Seine "phantastischen" Welten sind allerdings meist wissenschaftlich exakt, immer bis ins Kleinste durchrecherchiert. Sicherlich kommt Sterling dabei sein Studium des Journalismus zugute. Er, der seit 27 Jahren in Austin, Texas, lebt, ist ein "Jäger und Sammler", wie er selbst sagt: "Ich reise herum und sammle Material." Und was er nicht journalistisch in Artikeln für amerikanischen Zeitschriften oder in Sachbüchern ("The Hacker Crackdown", 1993) verarbeitet, gibt ihm Nahrung für seine Web-Seiten und Roman-Utopien (www.well.com/conf/mirrorshades und http://dub.home.texas.net/sterling.html). Egal, ob in "Schismatrix" oder "Holy Fire/Heiliges Feuer" (1996), den beiden Büchern, die sich mit Lebensverlängerung und Posthumanität auseinandersetzen - Sterlings Visionen gründen auf wissenschaftlichen (hier biologischen, genetischen und medizinischen) Erkenntnissen, die äusserst plausibel von ihm weitergesponnen werden. "Ich bin ein Phantast", erzählt er uns. "Ich spekuliere über Dinge, die es nicht oder noch nicht gibt, die aber Wirklichkeit werden könnten. Wenn es sie dann gibt, verliere ich das Interesse daran."
Wie sehr der SF-Autor Sterling dann doch wieder Realist ist, wird nicht nur an seinen letzten beiden Büchern, dem hochpolitischen "Distraction" (1998) und dem in der Gegenwart spielenden "Zeitgeist" (2000) deutlich, sondern auch in der von ihm begründeten Online-Community, den "Viridians" (www.viridiandesign.org). Neben dem umfangreichen Manifest mit ganz konkreten Vorschlägen zur Verbesserung unserer gesellschaftlichen, politischen, medialen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und militärischen Situation, ist die Seite eine Mailinglist mit News für Gleichgesinnte. Auf unsere Frage, was die "Viridians" denn nun genau seien, antwortet Sterling: "Wir sind die 'Cybergrünen', die Grünen des Cyberspace, ohne dass wir irgend etwas mit den richtigen 'Grünen' zu tun hätten!"
Wir wussten es doch. Der Mann, der immer einen Joker im Ärmel hat und der das Web wie seine Westentasche kennt, gibt dem Cyberspace, was ihm bisher fehlte: grünen Punk - und damit jede Menge Zukunft!

Bruce Sterlings Bücher erscheinen in deutscher Übersetzung bei Heyne (zuletzt 2001 "Heiliges Feuer", Ü: Norbert Stöbe) und im Argument Verlag (zuletzt 2000 "Schismatrix", Ü: Hannes Riffel).

Lesung des Autors und Gespräch mit Sascha Mamczak am 10. März im Literaturhaus


Website: lonestar.texas.net/~dub/bsinfo.html
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