12. Internationale Frühjahrsbuchwoche München
Maerz 2001
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Anthropologie des Monströsen
zu Vladimir Sorokin
von Schamma Schahadat


Der Mensch, so schreibt Leo Trotzkij 1923, soll "unvergleichlich stärker, klüger, feiner werden werden, sein Körper – harmonischer; seine Bewegungen – rhyth-mi-scher; seine Stimme – musikalischer". Was ist aus ihm geworden, dem Neuen Menschen der sowjetischen Utopie, der durch die optimale Ausnutzung aller Körperfunktionen die Menschheit auf eine nie gesehne Stufe erheben sollte?
Vladimir Sorokin führt sie uns in seinen Romanen und Erzählungen vor, die Erben dieses "Neuen Menschen": Es sind auf Triebbefriedigung reduzierte Wesen, die onanieren, kopulieren, zerhacken, pissen und Kot essen, die sich in Wort- und Satzorgien ergehen. Eine ganz normal scheinende Wirklichkeit – eine Mutter, die mit ihrer Tochter das Grab des Vaters besucht, eine Lehrerin, die ihren Schüler bittet, ihr beim Aufräumen zu helfen – verwandelt sich bei Sorokin ganz schnell in ein von Blut, Kot und Sperma dampfendes Horrorkabinett. Längst gilt der sanft wirkende Moskauer mit der leisen Stimme, Jahrgang 1955, als Meister des Monströsen und Perversen. Was Sorokin dabei angreift, ist aber nicht nur der Neue Mensch der sowjetischen Utopie, es ist vor allem auch dessen Sprache. Denn Sorokin ist ein virtuoser Imitator aller Stile und Sprachschablonen, die in seinen Texten ebenso unters Messer geraten wie der Mensch selbst. Sorokin betreibt, so Annette Brockhoff in einem der ersten Essays über ihn, "literarische Leichenschändung", mit der Sowjetunion als gigantischem Leichenschauhaus.
In seinem letzten Roman, "Der himmelblaue Speck" (DuMont 2000, aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg) wendet Sorokin sich einem neuen Thema zu, dem Menschen in Zeiten der Gentechnologie. Was herauskommt, ist eine Anthropologie des Fehlers. Der neue, künstliche Mensch im 21. Jahrhundert ist ebenso defekt wie Mary Shelleys Frankenstein im 19. Sorokin zeigt uns Schriftsteller-Klone, die in geheimen Forschungsbunkern hergestellt werden; während diese monströsen halbmenschlichen, halbtierischen Schriftsteller-Klone schreiben, produzieren ihre Körper himmelblauen Speck. Die Texte, die sie sich abquälen, sind Imitationen der Originale; da die Klone aber nicht gänzlich mit ihren Prototypen übereinstimmen, sind auch die Texte gestört. So der Text von Dostoevskij-2: "das alles war außerordentlich so wie es nicht ganz und über das Hühnerwort über das Hühnerwort ganz und gar nicht gut." Die im Labor künstlich eingeleiteten Schreibprozesse münden in gentechnologischen Folterungen: "Dostoevskij-2 war als erster mit dem Skript-Prozeß fertig. Nach dem 12-stündigen Skript-Prozeß hatte sich das Objekt stark verformt: Der Brustkorb war noch stärker gewölbt und hatte den Raumanzug zerrissen, die Rippen hatten die Haut durchbohrt, durch sie hindurch konnte man die Innereien und das schlagende Herz sehen." Science Fiction à la Sorokin.
Sorokins dystopische Menschenbilder orientieren sich an der Groteske und am Monströsen. Körper, die keinen Sinn aufweisen, sind Monster, schreibt Boris Groys, und dasselbe gilt auch für Sätze, die ihre Aussage verfehlen. Sorokins Schriftsteller-Klone produzieren himmelblauen Speck, von dem man nicht weiß, was für einen Sinn er hat, und sie produzieren Sätze, die defekt sind. Dabei ist Sorokins monströse Anthropologie, die den Menschen und die Wörter auf Fehler reduziert, keineswegs tragisch, sie ist eher komisch. Komisch ist die Gesellschaft der Erdrammler, die turnusmäßig mit der Erde kopulieren und mit riesig großen Genitalien ausgestattet sind, so riesig, daß sie sie auf Schubkarren durch die Gegend schieben müssen. Komisch ist es, wenn Stalins Söhne beim Transvestismus erwischt werden oder wenn Chruschtschow nach dem homoerotischen Liebesakt erschöpft "Ich liebe dich" in Stalins pomadisiertes Haar röchelt. Harmonisch, fein oder musikalisch sind diese Monster-Menschen jedenfalls nicht.

Lesung und Gespräch (russ./dt.) am 18.3. im Muffatcafé und am 20.3. in der Buchhandlung Kirchheim, Gauting. Moderation und Übersetzung: Schamma Schahadat

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